Warum wir vom Philosophieren profitieren!

Hör auf zu philosophieren und komm endlich zur Sache„, hört oder spürt man oft, wenn man in einer Diskussion mal etwas tiefer einsteigen will. Schade – denn das Philosophieren könnte einen großen Beitrag zu unserer Bildung leisten. Lest selbst…

Die Bildung kriselt

Eine ganze Weile hin ist der Bologna-Prozess jetzt schon und er hat auch schon einige Wirkung erzielt – die gewünschte?

Sowohl Studenten als auch einige Professoren haben wohl nicht wirklich davon profitiert. Vielmehr hat eine schnelle Ökonomisierung der Hochschulen an Fahrt aufgenommen.

Gerade lese ich zu diesem Thema das kurze Essay Warum unsere Studenten so angepasst sind von Christiane Florin, die selbst als Professorin als „Insider“ bezeichnet werden könnte. Dabei habe ich das Gefühl, dass die Hochschulen und Unis immer mehr zu den noch weiter führenden Schulen werden. Das würde bedeuten, dass viele studentische Freiheiten und das studentische Lebensgefühl durch das dumpfe Gefühl ersetzt werden, wenn man an den nächsten Schultag mit der Matheklausur denkt!

Bildungs-MindMap von Sven Sönnichsen zum Soziopod „Was muss passieren, damit aus Wissen Bildung wird?“

Statt die Bildung zu fördern, geht es folglich nur noch um die Ausbildung. Denn Bildung ist die Arbeit an dem eigenen Verhältnis zur Welt, zumindest, wenn man auf Peter Bieri hört.

Beispielsweise hatten wir letztens in der Schule eine Stunde Gemeinschaftskunde zum Asylrecht und Flüchtlingen. Den Unterricht kann man auf verschiedene Weisen gestalten: Man kann zum Beispiel das Asylrecht in Deutschland vorstellen und sagen, dass die genaue Funktionsweise Teil der nächsten Arbeit ist. Oder man kann uns Schüler ins Asylrecht einweihen und anschließend gemeinsam Hintergründe erarbeiten. Darüber diskutieren.

Dreimal dürft ihr raten, wie die Stunde verlief.

Ich mache meinem Lehrer überhaupt keine Vorwürfe, er hat auch versucht, Hintergründe zu liefern. Was hätte er tun sollen? Gegen die Vorschriften verstoßen und den Lehrplan ignorieren? Wenn er das nicht tut, ist er gezwungen, Diskussionen noch im Keim zu ersticken, um „mit dem Stoff durchzukommen“.

Bildung würde motivieren

Ausbildung demotiviert.

Zu Beginn der fünften Klasse war Mathe ein cooles Fach, weil es noch niemandem Probleme machte, aber das ist inzwischen anders geworden.

Heute, ungefähr fünf Jahre später, genießt Mathe den Ruf, den es überall genießt, und der Grund dafür ist aus meiner Sicht nicht das natürliche Wesen der Mathematik, sondern der brutal angestiegene Leistungsdruck, der sich nur noch mit rein ökonomischen Gründen erklären lässt:

Deutschland muss endlich dem Chinesen zeigen, was es wirtschaftlich drauf hat. Deutschland muss endlich so wie der Chinese mehr Leistung in die Schule bringen. Deutschland hat Fachkräftemangel. Ah ja?

Und was bringen rein leistungsorientierte Schoßhündchen, die nie gelernt haben, eigenständig zu denken oder gar kreativ zu sein, in einer Welt, in der Ideen und Innovation viel entscheidender sind als die reine Fließbandarbeit? Und die werden dann von der Gesellschaft „Fachkraft“ geschumpfen?

Und wo bleibt eigentlich der Mensch und seine Persönlichkeit? Man kann nicht zur Demokratie ausbilden, höchstens zur marktkonformen.

Die Philosophie betritt das Feld

Zur Bildung gehört die Fähigkeit zur Reflexion, diese außerordentliche Fähigkeit, über sich selbst nachzudenken und auch darüber, in welcher Beziehung man mit seiner Welt steht.

Es geht darum, über Dinge nachzudenken, Ideen zu suchen und Lösungen zu verfolgen, und zwar nicht zweckrational, nicht mit der Aussicht darauf, diese Gedanken gleich zu Geld zu machen, auch nicht nur mit dem Plan, den politischen Gegner kleinzureden. Tatsächlich geht es um die persönliche Suche nach Erkenntnis.

Vielleicht wird jetzt die enge Kopplung zwischen Philosophie und Bildung klar. Die Philosophie hätte dafür etwas mehr Anerkennung verdient.

Philosophie als Pflichtfach?

Nee, lass mal. Sonst wird die auch noch so leistungs- und pflichtbetont. Dabei kann man Bildung doch niemandem aufzwingen, anders als Wissen.

Wirksamer sind spannende und interessante Angebote wie zum Beispiel eben der Soziopod, von dem ich es jetzt ja schon oft hatte. Als unverzichtbarer Bestandteil meiner persönlichen Blogroll ist es ihm gelungen, philosophische und gesellschaftswissenschaftliche Themen ansprechend darzustellen – und gleichzeitig als erster Podcast einen Grimme-Online-Award einzuheimsen!

Lasst uns per Graswurzelbewegung mit kreativen Bildungsangeboten gegen die Aus-Bildung vorgehen ;o)

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