Religion – Werte – Fakten

Ich habe das Glück, sowohl Freunde zu haben, die sehr religiös sind, als auch solche, die der Religion sehr kritisch gegenüberstehen. Das Thema ist momentan ja sehr kontrovers. Wofür ist Religion denn nun verantwortlich? Sind die IS-Terroristen denn nun aus religiösen Gründen gewalttätig?

„Religion ist das Opium des Volkes“, hat zum Beispiel Karl Marx gesagt, vermutlich, weil er berechtigterweise festgestellt hat, dass die ausgeübte Religion häufig im Widerspruch zur Vernunft stand (und steht?). Andere wiederum finden, dass Religion den Menschen Halt und Sicherheit vermittelt. Religion ist vielleicht auch der Träger von Werten. Aber gute oder schlechte Werte?

Religion und Werte

Religion konserviert Werte, weil sie meist traditionell ausgerichtet ist. Entweder sind Bräuche überliefert oder es gibt ein Schriftstück, das die Werte festhält.

Manche sehen das als Problem. Man kann aber auch einwenden, dass Werte etwas Beständiges sein sollten. Was bringen denn Werte, die man jeden Tag ändern?

Das „Konservieren“ ist nur dann ein Problem, wenn dabei Dinge als absolut überliefert werden, die eigentlich längst obsolet sein sollten. Zum Beispiel, wenn Menschen in der Bibel oder im Koran lesen, dass Homosexuelle oder Ehebrecher gesteinigt werden sollen.

Das Problem liegt dann aber nicht unbedingt bei Bibel oder Koran! Das größte Problem ist, wenn Leute nicht kapieren, dass nicht alles dort wörtlich zu nehmen ist. Auch wenn es um Gottes Buch geht: Letztendlich wurde es von Menschen geschrieben. Und diese Menschen entstammen einer Gesellschaft, in der Dinge wie selbstverständlich galten, die heute nicht mehr vertretbar sind.

Religion heute

Vielleicht lasse ich mal jemanden sprechen, dem von den meisten Menschen sehr viel Respekt gezollt wird, unabhängig von der Weltanschauung: Der Dalai Lama. Er hat etwas gesagt, das ich persönlich seehr spannend fand:

Würde eine wissenschaftliche Analyse unzweifelhaft nachweisen können, dass einige Behauptungen des Buddhismus falsch sind, dann müssten wir diese Erkenntnis akzeptieren und diese Behauptungen dann fallen lassen.

Bitte versteht diesen Satz nicht falsch. Der Dalai Lama sagt damit ganz sicher nicht, dass er Religion für ein Auslaufmodell hält, wenn die Wissenschaft voranschreitet. Es geht eher darum, wo man die Religion verortet.

Die Wissenschaft kann die Welt beschreiben, kann Theorien aufstellen, wie man Dinge vorhersagen könnte. Wie man dies und jenes aus Naturgesetzen herleiten kann.

Aber der Wissenschaft bleibt verborgen, woher diese Naturgesetze kommen. Auch kann sie keine Aussagen über Werte, Sinn oder Moral treffen. Die Wissenschaft sollte so bescheiden sein und sich mit belegbaren Fakten beschäftigen.

Wenn wir der Welt einen Sinn geben wollen, dann brauchen wir aber mehr als nur die Wissenschaft. Ein Versuch dafür ist die Religion. Ein anderer…

Korrigiert mich, aber liege ich so falsch, wenn ich sage, dass die großen Ideologien wie der Nationalsozialismus entstanden sind, indem sie einen Sinn geschaffen haben?  Und hat der real existierende Kommunismus nicht auch einen Sinn schaffen wollte?

Ideogien könnte man vielleicht dadurch definieren, dass sie versuchen, Sinn durch angebliche Wissenschaft zu erschaffen. Paradebeispiel wäre der Sozialdarwinismus: Da ist ein Schlaui auf die Idee gekommen, dass Evolution nicht einfach ein Faktum ist, sondern von irgendeiner höheren Macht gewollt.

Evolution sei deshalb so toll, weil sie uns hervorgebracht hat. Stimmt, sie hat uns hervorgebracht. Na und? Ist es deshalb ein lohnenswerter Zustand, wenn wir uns ihretwegen gegenseitig die Köpfe einhauen und eine kleine Gruppe am Ende profitiert?

Genauso sollte Religion sich nicht auf dieses Terrain begeben. Denn wenn eine Religion für sich beansprucht, die Form und Position der Erde besser zu kennen als ein Wissenschaftler, dann ist sie nichts weiter als eine Ideologie, die aus solchen „Fakten“ einen Sinn zu ziehen versucht.

Fragt euch doch mal selber, ob ihr an einen Gott glaubt, der nicht vernünftig denkt, wenn es angemessen wäre. Ich könnte mich nicht damit abfinden.

Islamischer Staat

Die Vertreter eines selbsternannten Islamischen Staates sind übrigens schwerlich als traditionelle Religion zu bezeichnen, nicht einmal als lupenreine Fundamentalisten. Stattdessen picken sie sich die Rosinen aus ihrem Glaubenswerk heraus, die ihnen gerade gefallen. Du sollst nicht töten? „Ich geb dir gleich ‚Du sollst nicht töten‘ auf die F***se!“

Offensichtlich ist ihnen nicht mit Vernunft beizukommen. Aber wo liegt denn jetzt die Ursache für ihr Handeln? Ist es religiös bedingt?

In einigen wenigen Fällen vielleicht schon, aber das kann eigentlich nur passieren, wenn einem das Tötungsverbot versehentlich entfällt. In den meisten Fällen denke ich aber, dass diese Menschen in den Krieg ziehen, weil sie mit sich selbst nicht im Frieden sind.

Bei Amokläufen ist die Theorie weit verbreitet, dass diese praktisch immer von Menschen geführt werden, die ein schweres Leben haben, also möglicherweise in schweren familiären Verhältnissen aufgewachsen oder Mobbingopfer sind.

Darum denke ich, dass diese Leute, die auch aus Deutschland kommen und zu großen Teilen nicht muslimisch sind, ähnliche (unbewusste) Beweggründe haben. Diese Menschen sind meiner Meinung nach nicht als „das Böse in Person“ auf die Welt gekommen und sind es auch nicht geworden.

Was jetzt?!

Differenzierte Antworten sind nicht so leicht verdaulich wie einfache Antworten. Aber die einfachen sind nicht so interessant.

Wenn man sich die ganzen Weltreligionen anschaut, dann sind ihre Grundwerte durchweg positiv zu sehen – man könnte sogar sagen, dass es die gleichen sind! Egal, in welche Religion man schaut – Christentum, Judentum, Buddhismus, Islam oder eine beliebige andere – jede einzelne findet Töten schlecht. So ist es auch mit vielen anderen Grundwerten.

Die Religionen sind nicht einfach gut oder schlecht. Ich habe euch jetzt ein paar Gedanken beschrieben, die euch anregen sollen.

Meiner Meinung nach gibt es keine lang entwickelte Religion, die sich für Töten ausspricht. So eine Dummheit könnte sich nicht über Generationen hinweg halten, weil die Menschen dann – und das ist viel stärker als jedes Argument – erfahren, welche Auswirkungen und Folgen das hat.

Religion darf sich auch keiner logischen Argumentation widersetzen. Sonst wird sie zur Ideologie. Ich bin Christ – zumindest ein grundwert-konservativer!

Und jetzt – habt ihr das Wort. Was haltet ihr von Religion? Was ist für euch Religion, was Wissenschaft und was Ideologie? Seid ihr religiös, atheistisch oder agnostisch? Bin ich auf dem Holzweg?

Update

Jemand hat mich inzwischen darauf hingewiesen, dass das Tötungsverbot nicht in allen Religionen für alle Menschen gilt. Im Islam sei es beispielsweise so, dass es nur unter Muslimen in uneingeschränkter Weise gilt.

Solche Passagen finden sich auch in der Bibel, aber die muss nicht wörtlich genommen werden. Dagegen soll der Koran direkt von Gott kommen, wie ich es verstanden habe. Und warum sollte Gott nicht direkt die Wahrheit sagen?

Dabei bin ich mir sehr sicher, dass genauso viele Muslime wie Andersgläubige in Deutschland radikal oder gewalttätig sind. Ich denke, dass radikaler Islamismus auf einer Ebene mit anderen intoleranten, gewalttätigen Weltanschauungen steht.

Problematisch könnte nur sein, dass man Muslimen möglicherweise aufgrund der Nicht-Interpretierbarkeit leichter vermitteln kann, dass Gewaltanwendung okay ist.

Ich bin aber kein Theologe und kann hier nichts mit Sicherheit sagen. Das ist nur die Gegendarstellung zu dem, was ich oben geschrieben habe.

Ich bin jetzt noch ratloser – wie seht ihr das Thema?

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