Konstruktive Massendiskussion online – wie?

Funktionierende Diskussionen in der Bevölkerung sind ein notwendiges Mittel einer Demokratie, die sich nicht auf die Meinung einiger weniger Experten verlassen soll. Das habe ich auch schon hier beschrieben.

Doch es gibt ein Problem. Um viele Leute an einer Diskussion zu beteiligen und möglichst allen bedeutsamen Argumenten der Bürger in die Öffentlichkeit zu verhelfen, reichen die analogen Möglichkeiten bei weitem nicht aus.

Eine Podiumsdiskussion besteht aus maximal zehn Leuten, die schwerlich das gesamte Spektrum abdecken. Außerdem geht es dort weniger um die offene Diskussion unter den Beteiligten, als vielmehr um das Präsentieren des eigenen Standpunktes vor dem Publikum.

Ich vermute, dass dieser Unterschied sich ganz entscheidend auf das Diskussionsklima auswirkt. Statt gemeinsam nach einer Lösung zu suchen und auf die anderen einzugehen, versucht man, seine eigene Meinung ans Publikum zu vermitteln.

In einer Podiumsdiskussion sind die Diskutanten (auf der Bühne) nicht gleich denen, die sich eine Meinung bilden (im Publikum). Dabei wäre genau diese Einheit Voraussetzung für eine Diskussion, in der die Diskutanten auch mal ihre Meinung ändern und gute Argumente suchen, statt die schlechten in positiver Weise rüberzubringen.

Doch was ist die Alternative? Es gibt bis heute nur ein einziges interaktives Massenmedium, in dem die Autoren, die Argumente bringen, gleich den Lesern, die ihre Meinung anpassen, sind. Ihr kennt es alle.

Grenzenlose Möglichkeiten?

Das Internet. Es verbindet den ganzen Globus mit seinen Exabytes von Information. Vielfach beschworen, dezentral und das Medium der Bürger zu sein, bietet es neue Möglichkeiten, wie sich Tausende, wenn nicht – man darf doch wohl noch träumen – Millionen von Menschen gemeinsam mit der Lösung von Problemen auseinandersetzen könnten.

Vor allem gehypt wurden die sozialen Netzwerke, kaum ein junger Mensch kann sich ihnen noch entziehen. Themenspezifisch haben sich die abgefahrensten Varianten von Forensoftware durchgesetzt und Wikipedia sammelt schließlich das Wissen der Menschheit.

Doch sie alle einen auch ihre Probleme, wenn es um die Diskussion von gesellschaftlichen Fragen geht. Bestimmt seid ihr alle schon mal in der Informationsflut untergetaucht, orientierungslos, ohne zu wissen, wo es denn wieder nach oben geht.

Es ist schwierig, diese ganzen Beiträge auf eine Menge zu reduzieren, mit denen ein Normalsterblicher in seinem kurzen Leben hantieren kann. Laut Statista wurden im Jahre 2013 sechstausend Stunden Videomaterial in einer echten Stunde hochgeladen. YouTube ist nur ein kleiner Teil des Netzes.

Wenn man mal alle für die Diskussion thematisch irrelevanten Themen ausblendet, schätze ich, dass wir immer noch ca. 100 Stunden pro Stunde allein auf YouTube fänden. Ein hässlicher Job, für den man mindestens 6000 vertrauenswürdige Leute anstellen müsste. Immer noch zu viel für den Normalsterblichen!

Aber gibt es denn wirklich so viele Argumente?

Dass es so viele Argumente wie Beiträge gibt, darf gerne bezweifelt werden. Für den wahrscheinlichen Fall, dass ihr schon mal eine Diskussion auf Twitter oder woanders verfolgt habt, wird euch klar sein, wie trotzdem diese Datenmengen zustande kommen.

Das gleiche Argument findet sich dort in mehrfacher Ausfertigung, man spricht auch von Re-dun-danz. Neben dem ersten thematischen Filtern müsste man also noch die ganzen jeweiligen Duplikate runterdampfen in einige wenige Beiträge.

Ein Kampf gegen die Windmühlen. Selbst, wenn die Autoren der doppelten Argumente ihre eigene Formulierung zu Gunsten einer fremden verwerfen würden, nullkommanix hätte ein neuer User dasselbe Argument nochmals gepostet.

Die Bad Guys

Abgesehen von dem unvermeidlichen Wirrwarr aus gut gemeinten Beiträgen kommen noch solche hinzu, die mit dem erklärten Ziel der Unordnung oder Manipulation verfasst wurden.

Wir sprechen natürlich von Trolling. Aber nicht nur, auch Geheimdienste pfuschen nachgewiesenermaßen gerne in Onlinebewegungen rum, wie Glenn Greenwalds Enthüllungsplattform „The Intercept“ preisgegeben hat. Bekanntermaßen ist auch Wikipedia das Opfer von Einzelinteressen.

Auch wegen ihnen bräuchte man effektive Filter- oder Ordnungsmechanismen. Aber wer Kontrolliert die Kontrolleure? Wie gesagt, diese Leute müssten voll vertrauenswürdig sein. Allein weil sie Menschen sind, können sie es gar nicht sein.

Filtern, ordnen, runterdampfen

Aha. Unser subversives Massenmedium besteht also zu einem substanziellen Teil aus für uns irrelevanten, unsachlichen, ungeordneten und böswilligen Beiträgen. Was tun?

Es gibt drei Möglichkeiten: 1. Ein Computer übernimmt das Filtern und Ordnen. Nachteil: Algorithmen sind dumm wie Stroh und können ausgenutzt werden. 2. Menschen übernehmen diese Aufräumarbeit. Nachteil: Findet mal 6000 voll vertrauenswürdige Leute, die das für euch tun! 3. Man unterbindet die Unordnung von vornherein.

Hier sind innovative Tool-Lösungen gefragt! Ein Beispiel ist das Deliberatorium.

„Folget mir in die heile Welt!“

Wenn erst mal mehrere Tool-Lösungen stehen, dann wird jede Plattform um Nutzer buhlen, wie es schon jetzt passiert. Ein Ökonom würde sagen, dass die Nachfrage nach Nutzern das Angebot bei weitem übersteigt.

Zwar finden sich in gängigen sozialen Netzwerken mehr als genug Leute. Doch diskussionstechnisch sind sie, wie oben beschrieben, einfach nur jenseits von Gut und Böse. Also die Tools. Lasst euch sagen, Freunde, finsterstes Mittelalter.

Die chancenreicheren Kandidaten sind auf der öffentlichen Bildfläche nämlich überhaupt nicht wahrnehmbar. Mal werden sie als langweilig empfunden, mal sind sie der Usability-Alptraum schlechthin, oder sie scheitern einfach daran, dass die ganzen Nutzer fehlen, um die Plattform attraktiv zu machen.

Dazu ein passendes Zitat aus einer Arbeit von Mark Klein zu seinem Deliberatorium (Seite 8):

It has been found (…) that users are motivated by two key benefits when contributing to social computing systems:
(1) finding their tribe (i.e. getting connected with
people who share their interests) and
(2) becoming a hero (having a substantive positive impact
on a community they care about)

Für mich ist diese Stelle ein richtiges Aha-Erlebnis. So auf den Punkt gebracht hat mir das noch niemand. Wühlt doch mal in euren eigenen Gefühlen! Treffen diese Punkte auf euch zu? Bewegt ihr euch nicht auch lieber auf Plattformen, die diese Kriterien erfüllen?

Schluss: Steile These

Macht euch nun gefasst auf die steile These dieses Artikels! *trommelwirbel*

Ich glaube nämlich, dass diese beiden Motivationen auch dazu beitragen, dass Online-Diskussionen oft so harsch ablaufen. Ist es nicht menschlich, dass man lauter schreit, wenn man das Gefühl hat, dass man nicht gehört wird?

Ich schaue da auch auf mich selbst, wenn ich das schreibe. Wer sich an der Online-Meinungsbildung beteiligen möchte, sich aber ständig ignoriert fühlt, ist eher geneigt, auch mal gegen die Netiquette zu verstoßen. Oder sich Likes zu kaufen. Oder…

So. Langer Artikel. Hat mir Spaß gemacht. Und euch? Seht ihr Meinungsfindungs-Tools als sinnvolle Bereicherung an? Oder als Energieverschwendung? Wie würdet ihr ein solches Tool konstruieren? Habt ihr Erfahrungen mit solchen Tools gemacht?

Ein Gedanke zu „Konstruktive Massendiskussion online – wie?“

  1. Dabei ist es gerade im Berufsleben wichtig, aus Fehlern zu lernen. Nur wer in der Lage ist, Feedback und konstruktive Kritik zu akzeptieren , lernt dazu und entwickelt sich weiter.

    Lieber Kommentarschreiber, du hast diese netten Sätzchen von karrierebibel.de geklaut. Daher habe ich auch den Link zu deiner Webhostingfirma durch den Link zu karrierebibel.de ersetzt.

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