Ist Abgrenzung für den Zusammenhalt alternativlos?

Es gibt keine Playlist, in der man keine Songs überspringen will, das musste ich irgendwann einsehen. Ihr kennt das bestimmt auch: Mühsam stellt man sich eine Playlist mit den Songs zusammen, die man im Radio immer gern hört, aber beim Abspielen verspürt man immer den fürchterlichen Drang, die „schlechteren“ wieder auszusortieren. Ich jedenfalls bin dazu übergegangen, absichtlich weniger gute Songs zwischen die guten zu packen, damit sich die guten von denen abheben können.

Rein sachlich betrachtet hat sich auch Bismarck dieses Prinzip bei der Einigung von Deutschland zu Eigen gemacht, als er den Krieg gegen Frankreich angezettelt hat. Die Devise lautete: Wenn du inneren Frieden willst, brauchst du einen äußeren Feind, von dem du dich abheben kannst.

Für all diejenigen unter uns, die eine Vision von einer vereinten Welt haben, in der alle Menschen zusammenhalten, sind das düstere Aussichten. Denn wenn man sich immer mit irgendwem verfeinden muss, dann ist so ein weltumspannener Friede nicht so leicht. Bismarck ist ganz sicher keine Option für den weltweiten Frieden. Aber trifft diese Regel überhaupt zu – und wenn ja, wie viele Ausnahmen gibt es dann?

Von der Playlist zur Identitätsbildung

Weil ich ja momentan noch knapp an der Achtzehn vorbeischramme, könnte man sagen, dass ich mich als Jugendlicher gerade in einer Phase der Identitätsfindung befinde.

Dabei bin ich eher so ein Typ, der Feindschaften gerne aus dem Weg geht.

Meist fahre ich damit ganz gut und man kann mit Fug und Recht behaupten, dass Feindschaften nicht gerade konstruktiv sind. Man kann von der Sichtweise seiner „Feinde“ auch viel lernen, wenn man mal deren Situation verstanden hat.

Nur manchmal ist so ein Leben auch ziemlich langweilig. Man lernt mehr in Konflikten und wer Feinde hat, kann sich auch gut durch Abgrenzung von „denen“ definieren, also identifizieren. Vielleicht könnten mir ein paar Feinde ja ganz gut tun? (Ich persönlich finde aber die Nachteile von Feinden ziemlich überwiegend.)

Zu denken geben könnte auch, dass der Begriff Definition selbst übersetzt „Abgrenzung“ bedeutet. !!!

Weil jeder Artikel mindestens eine steile These braucht, um lesenswürdig zu sein, sollte jetzt die aufgestellt werden, dass Bismarck sich das ähnlich gedacht hat. Zu seiner Zeit bestand Deutschland aus zahllosen Miniländern, die sich lieber untereinander gezofft und verzollt haben als zusammenzuarbeiten. Könnte ja sein, dass eine gemeinsame Identität gefehlt hat?

Von der Vergangenheit zurück in die Gegenwart

Das war einmal. Sind diese Mechanismen denn im Moment immer noch im Gange?

Weit verbreitet ist auf jeden Fall die Theorie, dass außenpolitische Probleme Regierenden ein willkommenes Mittel sind, um von innerer Schwäche abzulenken. Gerade erst haben einige verlauten lassen, dass Frankreichs Außeneinsätze ihre eigentliche Ursache in Hollandes politischer Schwäche haben.

Egal, ob das in diesem Fall der Wahrheit entspricht, es ist wohl nicht verfehlt zu sagen, dass äußere Probleme von den inneren ablenken. Und wenn mich nicht alles täuscht, dann ist die erste Favoritin für Merkels Nachfolge rein zufällig die Ministerin für militärische Belange¹?

Von Paris nach Babel

Bleiben wir mal in der Gegenwart und denken an Demos. Erfolgreich waren doch fast nur Demos, die eine sehr allgemein gefasste Zielsetzung hatten – aber meistens die, die gegen etwas waren!

Das liegt natürlich daran, dass jede konkrete Lösung nicht so viele Unterstützer bekäme. Man kann das mit der Situation der verschlüsselten Messenger-Apps vergleichen, die mit einer wahnsinnigen Balkanisierung zu kämpfen haben. Die einen nutzen Threema, andere ChatSecure, Telegram oder Kontalk. Das schwächt die Bewegung. Einig sind sich alle nur darin, gegen WhatsApp zu sein. Die Verwirrung wirkt wie beim Turmbau zu Babel.

Aha. Das bedeutet also, dass vor allem die Aktionen Erfolg haben, die sich gegen irgendwas richten. Wieder einmal scheint sich Zusammenhalt durch Abgrenzung zu bewähren!

Aus dem Dunkel auf der Suche nach dem Hoffnungsschimmer

Zu einem guten Artikel gehört auch, nicht nur eine düstere Zukunft zu malen, sondern sich auch nach Lösungsansätzen umzuschauen.

Halten wir fest, dass Menschen offenbar den Drang haben, sich von irgendwas abzugrenzen. Einen Feind zu haben, um eine Identität zu entwickeln. Um sich von jemandem abzuheben. Solange Menschen Menschen anfeinden, ist Friede kaum möglich.

Die Welt ist aber glücklicherweise so komplex, dass es immer „dritte Wege“ gibt. So gibt es eben nicht nur Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Kommunismus und Kapitalismus. Auch in diesem Fall glaube ich, dass es Auswege aus unserem Problem gibt.

Wie wäre es zum Beispiel, dieses Problem durch einen psychologischen Trick zu umgehen? Man könnte den wütenden Mob doch auf eine Sache oder einen virtuellen Feind hetzen. Oder, wie Karl Popper mal gesagt hat, Ideen statt Menschen köpfen. Hätte den einleuchtenden Vorteil, dass die gesamte Menschheit sich gegen einen Feind verbünden könnte, der nicht zur Menschheit gehört.

Weil Menschen sich ja bekanntlich lieber auf Personen als Ideen stürzen (wie Klatschmagazine treffend aufzeigen), könnte ich mir gut vorstellen, wie Ideen von fiktiven Personen vertreten werden könnten, die dann „geköpft“ werden können. Dafür könnte man sich so etwas wie die Anonymous-Maske vorstellen, nur eben nicht als Anführer in Szene gesetzt, sondern als Widersacher. Das klingt jetzt aber schon sehr nach Science-Fiction.

Worum könnte es sich sonst noch handeln? Was denkt ihr?

Ein anderer Weg wäre, den Kriegsschauplatz zu verlagern, vom Schlachtfeld in die Diskussion. Das ist ja auch das, was Demokratie versucht, denn sie versucht ja, Konflikte zu lösen, ohne dafür immer Krieg zu führen.

Mit unserer Demokratie wurde diese Methode also schon teilweise mit Erfolg erprobt, interessant wäre aber, inwieweit man diesen Erfolg von der Landesebene auf den ganzen Globus ausdehnen könnte.

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¹) Unabhängig von der Bewertung dieser militärischen Belange sollte man doch so ehrlich sein, das nicht nur Verteidigung zu nennen.

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