Hunderte von Feuerlöschern

Für eine respektvolle Streitkultur I

Wer schonmal in einer Gruppe an einer Sache gearbeitet hat,  kennt garantiert die regelmäßigen Konflikte beim „Menscheln“. Warum ist es eigentlich so schwer für Menschen, andere Menschen als Menschen wahrzunehmen und ihre Situation zu verstehen? Es geht doch meist um echte Kleinigkeiten, in die ich mich auch immer wieder verwickelt sehe – trotzdem bleibt scheinbar keine Chance, die schlechten Gefühle gegenüber einigen Mitmenschen nicht entweder abzuladen oder in sich hineinzufressen.

Warum schreibe ich diesen Beitrag? Ich mache bei einer Arbeitsgruppe mit, die zum ersten Mal in ihrer Geschichte einen echten, nicht-sachlichen Konflikt durchleben muss und dieser Konflikt hat mich dermaßen mitgenommen, dass er mir die erste schlaflose Nacht in meinem kurzen Leben eingebracht hat. (Ich hab‘ mich dann mit ein paar Podcasts auf andere Gedanken zu bringen versucht).

Jedenfalls ist die Ironie, dass es sich bei uns um eine Gruppe handelt, bei der es um die Förderung von sachlichen Diskussionen geht, und jede*r von uns ist auf die eine oder andere Weise echt stark an dem Thema dran und kennt die Problematik – theoretisch. Nach zwei Jahren reibungslosen Arbeitens im Team ist jemand zu uns dazugestoßen, eine echte Bereicherung sowohl durch sein Fachgebiet, das von uns noch niemand abdecken konnte, als auch durch die Ideen und Gedanken. Wir waren mit unseren Vorstellungen zwar sprachlich noch nicht so ganz auf einer Linie, aber ich bin fest überzeugt, dass unsere Grundgedanken sehr ähnlich sind.

Doch dazu kam es nicht. Die Person ist mit einem anderen Mitglied in die Haare geraten, das es anscheinend verstand, sich etwas missverständlich auszudrücken. Rein sachlich war für mich zumindest klar, dass die kritischen Fragen und Mails an unser neues Mitglied so wenig persönlich wie böse gemeint waren, aber ich kann es schon verstehen, wenn sich jemand auf der Gefühlsebene davon verletzt fühlt.

So kam es, dass die Situation beim ersten Schlichtungsversuch schon eskalierte. Ich für meinen Teil kann es nur halbwegs rekonstruieren, aber ich glaube, dass es viel gebracht hätte, wenn das neue Mitglied dann nicht jeglichen Klärungsversuch auf sachlicher Ebene verweigert und auf dem alleinigen Recht beharrt hätte. Das Problem ist nicht, dass es nicht Recht haben könnte, sondern dass es darum doch noch gar nicht geht!

Es geht um Deeskalation. Wir sind ca. fünf Personen, da muss man doch nicht immer gleich mit der Keule kommen, wenn sich jemand vielleicht eventuell potentiell daneben benommen haben gekonnt haben könnte. Wir kennen uns fast alle schon sehr gut, da kann man doch etwas Vertrauen erwarten, dass man nicht immer in allem einen persönlichen Angriff sieht.

Auf der anderen Seite wäre es wahrscheinlich auch nicht schlecht gewesen, über den eigenen Schatten zu springen und sich einfach mal zu entschuldigen, auch für die Dinge, für die man sich gar nicht verantwortlich fühlt, solange es für einen selbst keine allzu großen Auswirkungen hat. Man kann sich ja auch dafür entschuldigen, dass man versehentlich jemanden gekränkt hat. Mit der Beteuerung, dass man versucht, sich in Zukunft anders auszudrücken. Ich würde die Chance nicht vernachlässigen, dass sich die Lage dadurch arg entspannt, und man damit vielleicht auch die Gefühle wieder etwas positiver werden lässt. Das wäre die wahre Win-Win-Situation!

Soweit die Theorie, die Praxis ist mal wieder kreativer: Während das neue Mitglied dem anderen Menschenrechtsverletzungen und mangelnde Reflexion vorwirft, wartet dieses wiederum mit einer Art von paranoider Persönlichkeitsstörung auf, weil ja offensichtlich völlig die Kritikfähigkeit fehle. Bitte nicht den Popcornpiraten oder so weitersagen.

Und jetzt wieder die große Ironie: Unser neues, von mir wirklich sehr geschätztes Mitglied kommt doch tatsächlich aus dem Psychologie-Studium und verwickelt sich mal schnell in eine psychologisch schwierige Situation. Irgendwie erinnert mich das auch an die Story von dem Mediator, der beim Streit total ausrastet (wahre Geschichte!). Ich könnte mir gut vorstellen, dass gerade Experten häufig „Leichtsinnsfehler“ machen, und Menschen, die meinen, sich genug mit Selbstreflexion zu beschäftigen, diese durch die Hintertür dann doch vernachlässigen. Gerade, weil sie wissen, dass sie Experten sind.

In meinen aufrichtig gut gemeinten Schlichtungsversuchen ist mir dann vorgeworfen worden, selbst Dinge zu „bagatellisieren“ und Totschlagargumente eher einzusetzen als Reflexion – und kühl und unmenschlich zu reagieren, obwohl ich aus eigener Sicht nur versucht habe, auf einer sachlichen Ebene zu bleiben.

Doch das Schlimmste ist, auch, wenn ich selbst es natürlich nicht glaube, dass das womöglich sogar stimmt. Woher soll man denn wissen, ob einem selbst die Reflexion fehlt? Wie erkennt man, wann man träumt, und wie, wann man wach ist?

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