Die Aktualität von „Hab nix zu verbergen“

Snowdens Enthüllungen sind schon etwas her und die Argumentation „Ich hab doch nichts zu verbergen“, die die Benutzung unverschlüsselter Kommunikation rechtfertigt, ist mittlerweile stillschweigend anerkannt. Glücklicherweise hat sich die Verschlüsselung mittlerweile durch die Mithilfe von WhatsApp, GMX und anderen großflächig durchgesetzt – aber nicht in den Köpfen. Wie fatal das ist, zeigt ein aktueller Artikel von SPIEGEL Online.

Der Titel: Mutmaßliche IS-Kämpfer wollten Kommunikation vertuschen

Es geht um drei Terrorverdächtige aus Syrien, die kürzlich nach längerer Observierung festgenommen wurden. Die Indizien laut SPIEGEL Online:

  • Sie kommunizierten „über die Messengerdienste Telegram, Viber und Skype, die wegen ihrer Verschlüsselung von den deutschen Behörden schwer zu überwachen sind.“
  • Sie wechselten „mehrmals die Sim-Karten ihrer Telefone.“
  • Einmal wurde „eine temporäre Telefonnummer im Internet, über die eine Verbindung zu einer „relevanten Person“ in Rakka, der IS-Hochburg in Syrien, zustandegekommen sein soll“, gemietet. Das Gespräch: „Hallo“. Punkt, Ende.
  • Die Durchsuchung offenbarte „1500 Dollar in bar, allerdings weder Sprengstoff noch Waffen.“
  • Die drei wurden am Tag des Pariser Attentates in Griechenland registriert.
  • „[D]ie Pässe der drei Männer [stammen] aus derselben syrischen Fälscherwerkstatt wie die Dokumente zweiter Attentäter aus Paris.“

Das klingt doch nach echten Indizien, die jederzeit einen Verdacht rechtfertigen würden, oder? Ein paar Bemerkungen.

  • Vor wenigen Jahren wurde Datensparsamkeit noch als Tugend behandelt und Eltern hatten Angst, dass ihre Kinder zu viel auf Facebook preisgeben könnten.
  • Betrug (Passfälschung) ist nicht gleich Terrorismus.

Ich möchte die drei nicht verteidigen. In anderen Berichten ist tatsächlich die Rede von einer Ausbildung beim IS in Rakka. Aber der SPIEGEL erwähnt solch wichtige Indizien mit keinem Wort. Durch das Framing klingt es, als seien die drei vor allem deshalb verdächtig, weil sie Syrer sind, die ihre Kommunikation konsequent verschlüsseln.

Ja, aber muss das denn so obsessiv sein? Nein, wohl nicht. Aber jeder hat das Recht, anonyme Telefonnummern zu nutzen, ohne gleich als Terrorist zu gelten. Und der SPIEGEL suggeriert etwas anderes. Er suggeriert im Grunde genommen „Ich hab doch nix zu verbergen, darum verschlüssele ich nicht“, denn die politische Botschaft ist gleichbedeutend mit „Ich verschlüssle, also hab ich was zu verbergen.“ (Nennt sich „Kontraposition“ in der Logik.)

Damit zeigt der SPIEGEL sehr schön, was das Problem an der Logik des Nichts-zu-verbergen-Habens ist. Denken nämlich alle so, die nichts verbergen, dann braucht ein Dissident auch nicht mehr zu verschlüsseln. Denn das tun ja nur die Verdächtigen.

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