Das Kartenhaus

Unzufrieden grübelte er vor sich hin.

Der große Bruder hatte die blauen Kärtchen sorgsam aufeinander geschichtet, Stein auf Stein, wieder einen Stein weggenommen, begutachtet und wieder woanders aufgestellt. Er hatte schon andere errichtet, doch sie alle krankten an dem einen Fehler, von dem sein neues und letztes Werk frei war. Er zumindest hatte große Freude an dem neuen Werk gehabt und auch die meisten seiner Freunde von seinen Vorzügen überzeugt.

Netter Versuch, dachte jetzt der Jüngere, nur weil das Ding besser als die vorherigen war, war es noch nicht gut. Sein Bruder verstand sowieso nichts vom Bauen. Ihm fehlten schlicht und einfach die planerisch-theoretischen Fähigkeiten. Darum musste der Angsthase damals auch immer an seinem bestehenden, schlechten – denn nicht perfekten – Häuschen nachbessern. Er hatte sehr daran gehangen.

Aber gut, wenn der Alte nicht die Eier dazu hatte, dann gab es wohl nur noch einen, der zusätzlich zu den Eiern auch noch die passenden Ansätze hatte, um ein für alle Mal ein besseres Häuschen aufzubauen. Er hatte es in Gedanken tausendmal durchgespielt – er war sich hundertprozentig sicher, dass er Erfolg haben würde.

Doch selbst wenn das eine letzte Prozent einträfe: Wäre das denn so schlimm? Der senile Knacker war offensichtlich auch noch sentimental, sonst würde er doch nicht so sehr an den kleinen Pappendeckeln hängen.

Lange hatte er darauf gewartet, er hatte alles auf eine Karte gesetzt, er hatte dafür gekämpft, sein Leben aufs Spiel gesetzt. Der nicht mit ihm verwandte Knacker, der das alte Dingens in einem Moment geistiger Umnachtung hier aufgestellt hatte, hätte alles getan, um seinen ach so kleinen und unbesonnenen Bruder davon fernzuhalten, genau, wie es auch die anderen versucht hatten.

Doch jetzt saß er hier, vor der bläulichen Wand, vor der einst noch das Krampfadergeschwader gesessen hatte. Jetzt hatte er die Karten in der Hand und das Ass im Ärmel. Wenn sein damaliger Bruder bei Sinnen wäre, dann auch in seinem Sinn.

Er konnte es ihnen jetzt zeigen. Zu ihrem eigenen Wohl. Bei dem Gedanken schnippte er unwillkürlich eine Karte weg. Es ertönte ein dumpfes Geräusch von draußen, wahrscheinlich war wieder sein Bruder verantwortlich, der alte Sack!

Triumphierend, wie im Rausch, setzte er mit seinem Zeigefinger erneut an – es war ein großartiges Gefühl! Die große Säuberungsaktion hatte begonnen.

Ja, jetzt schrien sie noch, die Leute. Doch sie würden ihm noch danken, oder ihre Kind..eskinder. Eines Tages würden sie ihn dafür feiern.

Im Affekt schlug er dem Gebäude mit der flachen Hand den Sockel weg. Wenn die Ursachen tief liegen, muss man eben tief graben. Er wollte gerade aufstehen und seinen Triumph feiern, als er gegen die blaue Wand geschleudert wurde. Hatte er einen Fehler gemacht? Ihm fiel keiner ein. Da fiel ihm auf, dass die Wand selbst schwankte. Das junge Genie linste ein letztes Mal auf das zusammengeklappte Kartenhaus, bevor das Licht ausging.

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