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Geschichten von Piraten

Ohne die Piraten gäbe es diesen Blog wohl nicht. Ich glaube, es war 2011, als die Proteste gegen ACTA waren. Sogar in unserer sonst eher politisch zurückhaltenden Stadt gab es gleich drei Demos! Das waren meine ersten Demos, weil ACTA mich gewissermaßen politisiert hat, wie wohl viele andere auch. Und es waren auch (fast) meine letzten, weil hier jetzt wieder so wenig Politik los ist wie vorher.

Ungefähr zu dieser Zeit begann der Aufstieg der Piratenpartei, die sich 2006 nach schwedischem Vorbild gegründet hatte. Ehe sie’s sich versahen, waren die Piraten plötzlich in der Politik und gewannen – so meine Sicht – mit ihrem Enthusiasmus, Selbstbewusstsein und undogmatischem Auftreten viele Sympathisanten.

Man kann fast sentimental werden, wenn man in die „goldenen Zeiten“ von 2009-2012 zurückschaut. Beinahe wäre eine Partei in viele Parlamente eingezogen, die vieles hinterfragt und reinen Tisch macht mit verstaubten Sitten.

Debugging – Fehlersuche

Tatsächlich sind auch offenbar viele sentimental geworden, denn nach der Spitze bei ca. 10% Wählerstimmen ging es heftig bergab. Ich finde es nur verständlich zu fragen, wo die Ursache für die Flaute war. Aber das Prinzip Ursache und Wirkung ist eine starke Vereinfachung.

Nichts gegen Vereinfachungen. Versteht das nicht falsch, Vereinfachungen sind gut und wichtig, kein Mensch kann die ganze Komplexität der Welt verarbeiten. In der Mathematik gibt es das nützliche Werkzeug der Heuristik, ein Algorithmus, der nicht immer, aber oft zum Erfolg führt. Man darf Heuristiken anwenden, wenn man ihre Grenzen kennt und Gleiches gilt für Ursache und Wirkung.

Ich glaube nämlich, dass es nicht die eine eindeutige Ursache für das Absaufen gibt, vielmehr sind zahlreiche Löcher im Piratenschiff zu finden. (Manche glauben ja, dass die ganzen Metaphern für das Kentern verantwortlich sind, ich glaube jedoch nicht, dass man einen Seemann mit ein paar Metaphern Wasser schlucken lassen kann.)

Zunächst einmal das Offensichtlichste – die Verkehrung des Mottos „Themen statt Köpfe“ in „Köpfen für Themen„. Twitter ist voll davon. Offensichtlich bestehen viele Defizite in der Streitkultur. Da ist auch keine einzelne Person schuld, sondern eine Dynamik hat die allermeisten dazu gebracht – einfach, weil sie Menschen sind.

Auch vergessen wird oft, dass Personen kommen und gehen und es die Aufgabe des „Systems“, der Struktur, ist, dass die richtigen Personen kommen und gehen.

Wie es los ging

Woher kommen die Piraten eigentlich? Es gab mal eine Studie – entschuldigt, dass ich den Link nicht habe – die als Grundsatz der Piraten die sogenannte Hackerethik ausgemacht hat. Das finde ich eigentlich sehr schön, weil die aus meiner Sicht zugleich demokratisch, pragmatisch und idealistisch ist. Idealismus in dem Sinn, dass sie definiert, was die Fluchtpunkte sind, auf die man hinarbeitet.
Lest sie ruhig mal durch und lasst sie auf euch wirken.

Teamwork

Die Piraten haben fast so etwas wie ihren Gründungsmythos auf neue Beteiligungs- und Diskussionsformen im Netz gebaut. Und die bräuchten sie dringender denn je, wenn man sich anschaut, was in sozialen Netzwerken abgeht.

Das ist ein gesellschaftliches Phänomen, dass die Diskussionen im Netz oft so eskalieren, es hat primär nichts mit den Piraten zu tun. Der Seegang wird unsicherer, auch, weil es Godwins hagelt. Mit ein Grund für diesen Beitrag ist das Rausekeln der meisten Piratenpromis, das gerade Früchte trägt.

Ach ja, und habt ihr mal Kommentare unter den Pressemitteilungen gelesen? Die haben mich besonders desillusioniert, weil ich gesehen habe, dass die Meinungslager sich immer weiter verhärten und immer dogmatischer werden. Egal ob es um linke oder rechte oder andere Meinungen geht, wer hinterfragt, wird oft scharf angegriffen.

Nimmt sich unsere Gesellschaft also wirklich ein Vorbild an der Diskussionskultur von Talkshows, die offensichtlich mehr auf Aufmerksamkeit und Recht als auf Teamwork setzen? Wie wohltuend wäre es doch, ab und zu Leute zu hören, die sagen: Stimmt, du hast ja Recht!

Von der Scheibe fallen?

Das Konzept der Piraten, wie man es auch beschreibt, macht sich auf die Suche nach neuen Gefilden. In die Welt hinaussegeln, mutig, wo sich sonst noch niemand hingetraut hat. Da kriegt man mitunter Angst, von der Scheibe zu purzeln. Aber es gibt in der Partei Probleme, die gelöst werden müssen, und zwar schleunigst. Wenn Piraten überleben wollen, müssen sie mit neuen Ideen aufwarten und den alten Spruch „Keine Experimente!“ die meiste Zeit beiseite legen, verlieren können sie nicht mehr so viel. Aber gewinnen schon.

Auch bin ich von den ganzen Richtungsstreits sehr verwirrt – ja, richtig! Es gibt nicht nur einen, sondern zahlreiche Spannungsfelder, in denen sich die Partei bewegt.

Soll man sich auf konkrete Inhalte und Positionierungen konzentrieren, oder lieber auf Meta-Themen wie die Veränderung des Politikbetriebes und die Verbesserung der Demokratie? Professionalisierung oder Andersartigkeit?

Parteien

An diesen Konfliktlinien fällt auf, dass sie alle zwischen dem Weg etablierter Parteien und dem einer Bewegung entscheiden müssen. Während die Organisationsform der Partei am Anfang noch sehr motivierte und hilfreich war. Doch wie das eben auch bei Noten ist: Die Motivation lässt nach, wenn die Noten – respektive Wähler – nachlassen.

Cool wäre natürlich, wenn die Organisationsform Partei funktionieren würde, ohne sich zu verbiegen. Dafür wären dann schleunigst neue Ideen gefordert.Ich bin sehr hin- und hergerissen. Eignet sich einer eine Piraten-Partei oder -Bewegung? Relativ sicher bin ich mir aber, dass der kurze Aufstieg der Piraten längerfristig eine neue politische Bewegung geprägt hat. Wie seht ihr das?

So, ich hoffe, dass ich nichts vergessen habe. Wahrscheinlich könnte ich noch einen Artikel zu diesem Thema schreiben. Ihr auch (unten in den Kommentaren)?