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Wie wollen wir besitzen? – Die Grundsteuer

Kaum etwas ist heutzutage so begehrt und umstritten wie Grundstücke. Darum ist es auch ein heikles Thema, in diesem Zusammenhang über staatliche Regeln zu sprechen. Dabei sind die Missstände allgegenwärtig. Während so Vieles in den letzten Jahrzehnten immer billiger wurde, haben heute immer noch viele damit zu kämpfen, in Städten eine Wohnung zu für sie bezahlbaren Mieten zu finden. Gleichzeitig sehen sich auch viele Vermieter durch Mietpreisbremsen oder Mieterrechte gefährdet.

Ich möchte das Thema – wie so oft hier im Blog – einmal von einer recht grundlegenden Perspektive angehen. Konkret geht es um die Berechtigung der Grundsteuer, die Eigentümer von Grundstücken, wie der Name ja schon sagt, in regelmäßigen Abständen entrichten müssen. Das ist verständlicherweise bei besagter Gruppe ein großes Aufregerthema, denn das Grundstück wurde ja erworben. Handelt es sich dabei nicht um eine Art Enteignung? Als ich mich neulich in einer Diskussion für diese ungeliebte Steuer eingesetzt habe, bekam ich zu meiner Überraschung die Antwort, das sei ja „Kommunismus“ – eine Haltung, die von manch linken Kreisen fast klischeehaft beklagt wird, die ich selbst aber noch nie so direkt zu hören bekommen habe. Bei Enteignung und Kommunismus handelt es sich um sehr moralisch aufgeladene Wörter, die leider – wenn auch womöglich ungewollt – wie Totschlagargumente wirken. Eine Diskussion über das, was wir wollen, ist dann unmöglich.

Darum soll es hier zunächst um das Eigentum gehen. Und zwar nicht um die, für sich gesehen, sinnentleerte Frage Was ist Eigentum?. Wie wir Eigentum definieren sollten, werden wir sehen, wenn die Frage nach dem Warum? geklärt ist. Eigentum ist in unserer Gesellschaft sicher ein konstitutiver Wert. Nur: Warum brauchen wir Eigentumsrechte? Durch die Beantwortung dieser Frage wird klarer, was unter diese Kategorie fallen sollte. Und wie wir sie ausgestalten, ja, wie wir eigentlich als Gesellschaft „besitzen“ wollen.

Warum also Eigentumsrechte?

Es gibt vor allem zwei gute Argumente, die für die Gewährung von Eigentumsrechten sprechen. Dafür ist es hilfreich, zu überlegen: Was wäre, wenn es kein Eigentum gäbe?

Dann wäre praktisch alles vom Staat entliehen. Möbel, elektronische Geräte, Klamotten. Nur geleast auf begrenzte Zeit: Wie soll man sich wohl fühlen, wenn man über diese Dinge nicht selbst bestimmen kann? Eigentum ist darum in erster Linie ein Freiheitsrecht für den Menschen. Es ermöglicht ihm, so weit es geht selbst über seine Sachen zu entscheiden. Wer weiß, was er hat, hat Planungssicherheit und kann sicher sein, dass ihm niemand diese Sicherheit einfach so wegnehmen darf.

Der andere Aspekt, den ich ansprechen möchte, ist der, wann Eigentum geschaffen wird – und wie. Betrachten wir zunächst typische Handelswaren wie Autos, Zeitungen oder Möbelstücke. Es gilt Ohne Fleiß kein Preis: Auch der (zukünftige) Eigentümer muss natürlich eine Leistung erbringen, und diese Leistung entspricht dem Ressourcenbedarf, um herzustellen, was immer er begehrt, erstmalig, indem Arbeitskraft aufgewandt wird, später, indem der Gegenstand, dessen Wert und Preis ja auch durch den Arbeitsaufwand bestimmt wird, verkauft wird. Wäre keine Arbeit notwendig, um das Produkt zu erschaffen, dann hätte auch niemand einen Grund, dafür zu bezahlen.

Oder überlegt euch nur einmal, was passieren würde, wenn der Aufwand, eine Zeitung herzustellen, plötzlich nur noch halb so groß wäre. Dann würde sie nur noch ungefähr halb so viel kosten. Wir zahlen also dafür, dass wir die Früchte der Arbeit anderer Menschen unser Eigen nennen dürfen – aber selbstverständlich nicht für immer. Das knappe Gut namens Arbeitskraft – es wird mehr oder weniger gemietet, während man die Gegenstände, die dabei entstehen, gerne sein Eigen nennen darf, da sie sich in der Regel beliebig reproduzieren lassen (den Fall mit den begrenzten Ressourcen behandeln wir später).

Um diese Idee zu generalisieren: Knappe Güter, für die es keinerlei Aufwandes bedarf, die man aber auch auf keine erdenkliche Weise vermehren kann – in unserem Beispiel die Arbeitskraft – kann man nicht für alle Ewigkeit kaufen. Man mann sie nur mieten. Denn wenn man sie für alle Ewigkeit kaufen könnte, dann wäre ihr Wert unendlich: Selbst die Kindeskinder könnten sich noch an den Vorzügen des knappen Gutes erfreuen. Aber das hat auch eine Schattenseite: Weil knappe Güter nun mal knapp sind, haben diejenigen, die nicht in den Besitz eines knappen Gutes gekommen sind, womöglich niemals die Gelegenheit, von ihnen zu profitieren. Das klingt schon viel weniger nach Freiheit! Oder was würdet ihr sagen, wenn jemand die Atmosphäre kaufen wollte? Die knappen Güter, von denen hier die Rede ist, kann man auch als Gemeingüter bezeichnen. Man könnte sagen, dass wahlweise der Staat oder Gott für ihr Vorhandensein verantwortlich ist, aber garantiert nicht der einzelne Mensch.

(Die Arbeitskraft ist vielleicht eine leicht verzwickte Sache, weil natürlich jeder über seine persönliche entscheiden darf. Sie ist jedoch für jeden Menschen ultimativ begrenzt und nicht dauerhaft an andere Menschen verkaufbar, denn das wäre Leibeigenschaft.)

Wir haben also eine Art Dualismus von Gütern: Einerseits die Gemeingüter, die die Herstellung von Gütern der zweiten Art ermöglichen. Nur die Güter zweiter Art darf man, wenn man obiger Argumentation zustimmt, auch wirklich sein Eigen nennen, denn Gemeingüter sind knapp und kann niemand erwirtschaftet haben. Was aber durch ihren Einsatz entsteht, kann man problemlos als Eigentum bezeichnen: Schließlich verbaut man niemandem den Weg, ebenfalls durch den Einsatz eines Gemeingutes ein weiteres Exemplar zu erschaffen.

Natürlich ist diese Einteilung sehr vereinfacht. Für praktisch jedes Produkt braucht es nicht nur für die Produktion Gemeingüter und Ressourcen, sondern auch für die Instandhaltung. Ein Auto verwandelt sich mit der Zeit zu Schrott, wenn man vergisst, es regelmäßig zu warten. Und wenn man die laufenden Kosten nicht in Form von Gemeinwohl, z.B. Arbeit, aufwendet, dann wird das eigene Eigentum irgendwann unbrauchbar.

Doch was hat das alles mit der Grundsteuer zu tun?

Ich sprach oben von Gemeingütern. Nun geht es um die Grundsteuer. Vermutlich denkt ihr euch schon, dass es jetzt um ein besonderes Gemeingut geht, nämlich Grundstücke, im Sinne von Grund und Boden.

Unsere Erde ist rund und sie hat eine Oberfläche von ca. 510 Millionen Quadratkilometern, davon sind 150 Millionen Landfläche. Und bis es den Warp-Antrieb gibt und wir die Weiten des Alls erobern können, haben wir nur eine Erde. Dass sie urplötzlich an Masse gewinnt und größer wird ist unwahrscheinlich, dass sie sich so arg erhitzt, dass sie sich ausdehnt, wollen wir nicht hoffen. Daher ist Fläche, also Grund und Boden, ein klassisches Gemeingut: Kein Mensch hat es geschaffen, kein Mensch kann es vermehren.

Die Zeiten des Wilden Westens sind vorbei, heute wird uns die Knappheit des begehrten Gutes bewusst. Dabei sind bestimmte Arten besonders beliebt, Stadtfläche gilt als die creme de la creme, da Stadtbewohnern eine gute Infrastruktur und vielfältige soziale Möglichkeiten eröffnet werden. Auf anderen Flecken dieses Planeten ist Ackerland zum Anbau von Lebensmitteln knapp – ein weiteres Beispiel, an dem klar wird, weshalb wir Flächen nicht einfach als ganz normales Eigentum im Sinne eines Produktes bzw. „Gutes zweiter Art“, siehe oben, auffassen dürfen.

Wenn ihr euch also mal wieder über den übergriffigen Staat aufregen solltet, weil er euer Eigentum in unerhörter Höhe besteuert, dann könnt ihr das gerne kritisieren – aber bitte tut nicht gleich die Grundsteuer pauschal ab, nur weil sie euch angeblich „enteignet“. Es stimmt, vielleicht habt ihr die Nutzungsrechte für euren Flecken Heimat erworben. Aber der einmalige Kaufpreis rechtfertigt keine unbegrenzte und ab sofort kostenlose Nutzung, da weder ihr das Fleckchen geschaffen habt noch anderen die Möglichkeit offen steht, im Falle eines Mangels zusätzliche Fläche zu erschließen (dem sind natürliche Grenzen gesetzt).

Jede Minute, die man ein Grundstück besitzt, kann es ein anderer nicht besitzen. Wenn man dagegen irgendein gewöhnliches Produkt, zum Beispiel ein Fahrrad, benutzt, dann haben andere immer noch die Möglichkeit, ein eigenes zu kaufen oder zu produzieren. Das ist der fundamentale Unterschied, der aus meiner Sicht die regelmäßige Besteuerung eines Grundstücks rechtfertigt.

Soweit die moralische Betrachtung…

Praktisch stellen sich natürlich mehrere Probleme. Die erste Funktion von Eigentum (s.o.) soll es den Menschen ja ermöglichen, Planungssicherheit zu gewinnen und sich mit seinem Eigentum zu identifizieren. Man wird es wohl kaum übers Herz bringen, einen Menschen, der seine Wohnung so gern hat, von seinem Grundstück zu vertreiben, zum Beispiel, weil er die Grundsteuer nicht zahlen kann. Vielleicht ist es das, was vielen Leuten Angst macht, wenn es um dieses Thema geht.

Hinzu kommt das, was man in ein Grundstück gesteckt hat: Wenn dort ein Haus gebaut wurde, dann verliert man mit dem Grundstück nicht „nur“ seine Heimat, sondern auch eine Immobilie, die man wohl zu Recht sein Eigen nennen darf, die verbleibt blöderweise auf dem Grundstück.

All das sind praktische Probleme, wenn man die oben ausgeführte Trennung von Gemeingütern und „Produkten“ ernst nehmen möchte. Aber nachdem ihr euch durch diesen inzwischen schon recht langen Text gekämpft habt, möchte ich zum Schluss noch einen Vorschlag anbieten, der die Unmöglichkeit des Eigentums an Grund und Boden auf sozial sensible Art und Weise umsetzt.

Der „Grund-Soli“

Diese Idee ist eigentlich nicht wirklich neu – wie so oft heutzutage gibt es die eigenen Ideen schon irgendwo (so viel zum Thema „Eigentum“…). Die folgende Idee wurde schon vor seeehr langer Zeit von einem Wirtschaftsphilosophen namens Silvio Gesell in ähnlicher Form vorgeschlagen, der u.a. Grund und Boden für ein Gemeingut hielt.

Die Idee ist folgende: Stellt euch vor, sämtliche Einnahmen aus der Grundsteuer landen in einem (sehr) großen Topf, dessen Inhalt allen Bürgern zu gleichen Teilen ausgeschüttet wird. Dann hätte jeder genau so viel Geld in der Tasche, um sich ein durchschnittlich großes Grundstück „anmieten“ zu können, ganz ohne Grundsteuer aus eigener Tasche zahlen zu müssen. Wer dagegen wertmäßig mehr Fläche benötigt als der Durchschnitt, zahlt aktiv in den „Topf“ ein. Dagegen hätten Obdachlose eine Art „Grund“einkommen als Entschädigung dafür, dass sie nicht an den Gemeingütern des Landes teilhaben dürfen. Diese Idee würde dem Normalverbraucher das Leben sogar erleichtern und sicherer machen, da für ihn das Risiko Grundsteuer wegfiele. Über die Höhe dieses Grund-Solis muss man reden.

Wenn der Grund-Soli etwas höher als die heutige Grundsteuer ausfallen sollte, kann man über einen Verzicht auf die Grunderwerbssteuer nachdenken, die viele Grundstücksbesitzer womöglich zu Recht als doppelt gemoppelt ansehen, wenn es doch schon eine Grundsteuer gibt.

Und Bauern, die ja viel Weideland benötigen? Die könnten Vergünstigungen erhalten. Alternativ würden die Kosten in den Kaufpreis der Waren ausgelagert, sodass man dafür einen Teil seines Grund-Soli-Einkommens ausgeben muss. (So ist das ja auch heute mit der Grundsteuer.) Wenn Fläche knapp wird, weil Mais in Autos verheizt wird, dann müssen die Tankenden eben den Soli bezahlen, weil sie verhindern, dass andere die Fläche nutzen können.

Inspiration

Man könnte sich auch Gedanken machen, welche Auswirkungen das Modell der Gemeingüter auf andere Bereiche hat. Man denke nur an Umweltverschmutzung, die ja Gemeingüter verschmutzt oder vernichtet. Oder an Wissen, das im Internet kursiert und auf welche Weise man „Intellektuelles Eigentum“ schützen sollte und was das ist.

Über all diese Bereiche können und sollten wir diskutieren. Zuallererst würde mich aber eure Meinung zu meinen grundsätzlichen Überlegungen und zur Grundsteuer interessieren. Wenn ihr anderer Meinung seid, dann kommt doch in den Kommentaren in den Dialog mit mir und anderen, nichts ist spannender als in seiner eigenen Meinung herausgefordert zu werden (solange man nicht pauschal als „Kommunist“ abgestempelt wird). Und wenn ihr gleicher Meinung seid, dann lasst es mich auch wissen.

Woher kommen die Feinde der offenen Gesellschaft?

Weit draußen, in den unerforschten Einöden eines total aus der Mode gekommenen Ausläufers des westlichen Spiralarms der Galaxis, leuchtet unbeachtet eine kleine gelbe Sonne. Von den ganzen Planeten, die um sie herumkreisen, gibt es wahrscheinlich nur einen einzigen, auf dem Leben existiert.

Unter den Lebewesen hat sich eine Bioform herauskristallisiert. Sie lebt an unterschiedlichsten Orten mit unterschiedlichem Wohlstand und unterschiedlichen Gesellschaftsordnungen.

Nur ein geringer Teil dieser ganzen Landschaft kann als besonders lebenswert für die Bewohner bezeichnet werden. Dessen Bewohner sind zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort, denn sie sind umgeben von wirtschaftlichem Reichtum und führen ein Leben in Würde.

Diese Bewohner sind wir. Wir sind die glücklichen Bürger einer sozial- und rechtsstaatlichen Demokratie, die wirtschaftlich floriert und die Rechte der Individuen sichert.

Aber die Geschichte hat uns schon oft gelehrt, dass überall dort, wo die Demokratie die autoritären, geschlossenen Gesellschaftsformen ersetzt hat, mit ihr auch ihre grundsätzlichen Kritiker entstehen. Wie kann das sein? Wir haben eine Grundordnung, die sich wie keine andere in der Praxis bewährt hat, indem sie die Rechte ihrer Bürger schützt.

Klarstellung

Ich bin kein Konservativer. Nichts liegt mir ferner, als alles gutzuheißen, was hier in Deutschland politisch geschieht. Man sollte aber auf keinen Fall übersehen, dass unser System ein deutlicher Fortschritt gegenüber früherer Systeme ist, was Menschenrechte und Gleichheit vor dem Gesetz und vieles mehr angeht.

Weiter muss ich zugeben, dass Karl Popper mich für zu diesem Artikel inspiriert hat (und zuvor der Soziopod zu Karl Popper ;o) ). Euch allen kann ich sehr empfehlen, seine Bücher und vor allem Die offene Gesellschaft und ihre Feinde zu lesen. Hab‘ gerade den ersten Teil fertig und bin wirklich schwer beeindruckt. Was seine Vorstellungen von Demokratie und Erkenntnis angeht, spricht er mir aus der Seele!

Aber jetzt¹ zurück zum Thema: Wir leben auf einem von vielen Planeten und in einem von vielen Ländern, nämlich in einem der besten. Trotzdem gibt es viele, die ein Problem mit unserer Gesellschaftsform haben. Warum?

¹) Und ja, die Einleitung ist von Douglas Adams inspiriert 😀

Vor- und Nachteile

Ich bin fest überzeugt, dass die meisten, die sich nicht mit unserer Demokratie zurechtfinden, auch wirklich dieser Meinung sind und nicht nur an die Macht wollen. Schließlich hat auch unsere Gesellschaft Nachteile gegenüber den alten, geschlossenen Gesellschaften. Wir sollten dem ins Auge schauen, denn nur so können wir diese Leute überzeugen, dass die Vorteile überwiegen.

Mit dem Entstehen unserer offenen Gesellschaft, wie Popper sie nennt, werden sehr viele Zwänge abgebaut. Das hat wahnsinnige Vorteile, aber mit dem Schwinden von festen Bindungen zwischen den Menschen gibt es auch immer mehr Menschen, die sich einsam und allein gelassen fühlen.

Diese Leute wollen zurückkehren in die geschlossene Gesellschaft, in der „jeder seinen festen Platz“ hat, also auch sie. Man muss dann nicht für alles und jeden Verantwortung übernehmen, weil einem die Entscheidungen abgenommen werden. Nicht zu unrecht meinten ein paar Philosophen, wir seien zur Freiheit verdammt.

Die Leute, die aus diesem Grund „Feinde der offenen Gesellschaft“ geworden sind, haben ihre grundlegenden Wertvorstellungen weggeworfen und durch neue ersetzt.

Statt gleicher Chancen und Freiheiten streben sie dann nach einer Zementierung der gesellschaftlichen Schichten und statt einem Staat, der den Bürgern diene, wollen sie dann einen Bürger, der dem Staat diene.

Weil diese Werte grundsätzliche Werte sind, die man nicht auf argumentativer Basis verändern kann (denn Argumente benötigen gemeinsame Werte als Grundlage), sind sie auf der Gefühlsebene eingeführt worden. Triebkraft war nicht das Argument, sondern die eigene Desintegration von der Gesellschaft oder die Last der ganzen Entscheidungen, woraus die Überzeugung entsprungen ist, dass man einen radikal neuen Weg gehen muss.

Was ist zu tun?

Schwere Frage. Weil die Wertvorstellungen grundsätzlich anders sind als unsere, können wir aus dem gleichen Grund auch niemanden auf der rein argumentativen Basis zurückholen zu unseren Werten.

Wir sollten aber endlich anerkennen, dass es auch Menschen gibt, die unter unserer Gesellschaft zu leiden haben, und sollten versuchen, diese Gruppe zu minimieren. So verkleinern wir zumindest die Risikogruppe, die sich gegen eine offene Gesellschaft richten könnte.

Nachdem wir uns also über unsere grundsätzlichen Ziele klar geworden sind, können wir nun überlegen, wie wir sie am besten umsetzen. Dabei werden wir nicht um Veränderungen der aktuellen Gesellschaft herumkommen, müssen wir aber auch gar nicht!Veränderung ist nötig, denn ohne Veränderung würde die Menschheit nicht lange überleben. Klimaschutz ist nur durch Veränderung möglich und auch politisch entstehen ständig neue Herausforderungen.Lasst uns diesen Herausforderungen ins Auge sehen und die Möglichkeiten schaffen, unsere Welt zu verändern – in kleinen, überschaubaren Schritten und Experimenten, mit denen wir wenig kaputtmachen, aber viel lernen und verbessern können!Und jetzt ist natürlich wieder die Meinung eines Jeden gefragt, der Lust hat, etwas in den Kommentaren beizutragen

Diskurs schlägt Wahl

Wohl zurecht bekommen neue Ideen zur Machtausübung durch das Volk zur Zeit eher viel Aufmerksamkeit. Da wären Volksabstimmungen, da wäre außerdem noch Liquid Feedback, und Onllinepetitionen braucht man gar nicht zu erwähnen. Sie sollen dem Volk Macht geben, die es bisher nicht hat.

Doch dieser alte Machtbegriff ist vielleicht nicht mehr aktuell. Viel wichtiger als Wahlen sind Meinungen. Warum das so ist, werde ich euch hier zu erklären versuchen.

Was ist Macht heute?

Früher war doch alles so einfach. Man hatte eine klare Klasseneinteilung – da der Klerus, da der Adel und dort unten der Rest. Keine vernünftige Person würde wohl bezweifeln, dass die Macht lange Zeit auf die obersten und kleinstbesetztesten¹ beiden Stände verteilt war.

Aber wer hat heute die Macht?

Das Volk? Das Volk darf Politiker wählen, die dann bestimmen. Aber das „Volk“ ist ja nicht nur eine Person, das Volk sind Millionen von Menschen, Menschen außerdem, die täglich in ihrer Meinung beeinflusst werden von Medien. Auch die Medien sind keine Einheit.

Ach ja: Machen die Politiker nicht sowieso, was sie wollen? Ist das Wahlrecht nicht unfair und verfälschend? Möglicherweise hat die Macht auch eine vielbeschworene „Plutokratie“² der Wirtschaftselite, die Politiker und Bürger sowie deren politische Ausrichtung kaufen kann.

Das ist alles sicher nicht falsch. Aber wir müssen mal wieder anerkennen, dass es keine einfache Antwort mehr auf die Machtfrage gibt. Man kann Macht keiner Person oder Gruppe mehr zuordnen. Das macht auch Sinn. Die Demokratie soll ja gerade diese Form von Macht unterbinden.

Stattdessen liegt Macht heute in der Meinung. Los ging es damit mit den jüngeren Revolutionen. Nennt mir eine Revolution, die funktioniert hat ohne einen Meinungswandel!

Angenommen, wir, das Volk, hätten zu einem Thema eine weitestgehend klare und einheitliche Meinung. Wo wäre das Problem, angenommen, wir wählten entsprechend?

Diese Meinung würde sicher von den dann gewählten Politikern vertreten. Falls nicht, dann wären die Politiker wohl nach wenigen Jährchen weg vom Fenster, falls die öffentliche Meinung so klar bliebe wie angenommen.

¹) ‚Tschuldigung, dieses lange, schlimme Wort werde ich nie wieder verwenden, versprochen!!

²) Plutokratie, die: Herrschaft des Untergrunds.

Woher kommen Meinungen?

Wenn wir nach den politischen Dynamiken fragen, müssen wir also nicht mehr nur nach der Quelle der Macht fragen. Wichtiger noch ist die Quelle der Meinungen. Denn Meinungen entscheiden Wahlen, und Wahlen können theoretisch alles verändern.

Ihr könnt es euch schon denken – die Quelle der Meinungen ist nicht leichter zu finden als die der Macht.

Meinungen kommen oft von Massenmedien, die für eine sinnvolle Berichterstattung zwangsläufig auch Meinungen und nicht nur Fakten vermitteln.

Neben ihnen gibt es charismatische Personen mit Autorität, denen Menschen Glauben schenken. Auch Werbung beeinflusst uns in unserer Weltsicht, denn das ist ihr Sinn und Werbung ist schließlich eine Milliardenbranche.

Das sieht doch sehr arg nach dem alten Machtkonzept aus. Einzelne Medienhäuser und Personen können etwas sagen, was ihnen dann häufig abgenommen wird. Sie haben Meinungsmacht, über die sie verfügen können, auch willkürlich.

Doch das ist nur die Hälfte…

Machtfreie Meinungsmache

Neben den Meinungsmächtigen gibt es eine weitere Kraft, die für die Meinungsbildung sehr wichtig ist, nämlich die Diskussion.

Ziel einer Diskussion ist es, die ganzen diversen Meinungen und Weltbilder, die deutschlandweit in achtzig Millionen Köpfen vorhanden sind, auszutauschen. Der Ausgang einer Diskussion, also die angepassten Weltbilder, ist in einer Diskussion offen.

Wenn alles gut läuft, werden in der Diskussion zahlreiche Widersprüche in den Weltbildern aufgedeckt. Auf diese Weise können schlecht begründete Meinungen angepasst werden.

Je sachlicher und tiefer diese Diskussionen von möglichst vielen Menschen geführt werden, desto fundierter werden die Positionen der beteiligten Diskutanten.

Zoom Out

Ich hoffe, schlüssig begründet zu haben, warum Meinungen viel entscheidender sind als beispielsweise ausgefeilte Wahlvorschriften.

Ich habe mal gehört, wir leben in einer 50:50-Demokratie. Wichtige Entscheidungen sollte man nicht den Launen der wenigen Swing-Wähler überlassen, die das Zünglein an der Waage bilden. Wenn die Entscheidungen nicht so knapp wären, bräuchten wir auch die Wahlvorschriften nicht so dringend.

Umgekehrt machen Liquid Feedback und andere direktdemokratische Ansätze keinen Sinn, wenn die Meinungen der Bürger nicht vernünftig zustande gekommen sind.

Damit meine ich, dass hinter diesen Meinungen fundierte Begründungen stehen sollten. Und klar, fundierte Begründungen erhält man durch Abwägen von Argumenten, und das im Austausch mit anderen – also durch die Diskussion!

Die Diskussion hat angefangen, althergebrachte Machtstrukturen in unserer Gesellschaft aufzulösen. Doch wenn sie versagt, dann können schlimme Dinge passieren. Mit der Diskussion steht und fällt der Souverän des Volkes. Wir sollten in die Diskussion investieren!

Obligatorischer Schlussappell

Weil ich Diskussionen für so essentiell halte, plane ich einen Beitrag über den theoretischen Hintergrund von Diskussionen.

Auch dafür, aber nicht nur dafür wäre ich sehr dankbar über Feedback. Die Suche nach Menschen, die sich mit mir über spannende Themen austauschen wollen, ist ein wichtiger Grund, warum ich diesen Blog begonnen habe.

Und in diesem Zusammenhang noch der Disclaimer, dass ich gerne bereit bin, meine Meinung auf ein gutes Argument hin anzupassen…

Battlecard Demokratie: Rousseau

Herzlich Willkommen zum ersten Beitrag der Serie „Battlecards Demokratie„. Ziel wird sein, die verschiedenen Vertreter der ganzen Konzepte zur Demokratie vorzustellen. Mein Augenmerk wird darauf liegen, wie diese Leute geprägt wurden und wie sie gedacht haben, um den damaligen gesellschaftlichen Kontext nicht zu vernachlässigen. Sonst zieht man falsche Schlüsse, wenn man ihre Gedanken in die Moderne überträgt.

Ab der zweiten Folge werde ich auch nicht mit Vergleichen und Verknüpfungen geizen – es sollte euch dann möglich werden, anhand dieser „Battlecards“ die verschiedenen Sichtweisen zu erkennen.

Wie ihr sowieso schon dem Namen entnommen haben werdet, geht es heute um Rousseau. Neben Montesquieu war er einer der französischen Vordenker unserer Demokratie, aber nicht unumstritten, was ihn noch interessanter macht!

 Rousseaus Kurzbio

(Frei nach: Wikipedia 😉

Jean-Jaques Rousseau
Lockenkopf, ganz wie seine Zeitgenossen: Jean-Jaques Rousseau

1712 gerade so auf die Welt gekommen, stirbt nur wenige Tage später seine Mutter.

Als Kind hat Jean-Jaques sehr viel Spaß am Lesen, den er wohl auch von seinem viel vorlesenden Vater hat. Leider muss auch sein Vater sich nach zehn Jahren von Jean-Jaques verabschieden, weil er einen Polizisten verletzt hat.

Jean-Jaques geht es auch weiter nicht gut in der Kindheit. Er wird zwei Jahre von einem Pfarrer aufgenommen, aber dort wird er körperlich misshandelt. Er ist ein Sonderling. Wie soll er Freundschaften schließen, wenn die ganzen Gleichaltrigen andere Hobbys haben als er?

Während die anderen also normalen Beschäftigungen nachgehen, verschlingt Jean-Jaques lieber noch ein paar Bücher. Auch träumt er gerne, was ja auch verständlich ist, in der echten Welt ist er ja anscheinend nicht so willkommen, muss ihm scheinen.

Während aus Jean-Jaques der erwachsene Rousseau wird, geht es ihm immer noch nicht anders. Darum beschließt er, sich auf Wanderschaft zu begeben.

Glücklicherweise trifft er hin und wieder Leute, die ihn einstellen oder ihm eine Wohnung geben, die er ganz allein wohl nie bekommen hätte. Rousseau findet nämlich nie einen dauerhaften Job – was auch damit zu tun haben könnte, dass Rousseau sich lieber auf die Musik und Literatur konzentriert. Dabei bleibt er immer abhängig von seinen Mitmenschen.

Er scheint sehr kreativ zu sein, denn dabei kommt er auch recht gut an. Eine seiner Schriften macht ihn dann sogar in ganz Europa bekannt!

Doch Rousseau lässt sich davon nicht beirren. Weiterhin lebt er lieber als Sonderling, denn er kritisiert immer schärfer die Gesellschaft und macht sich auch sonst mehr Feinde als Freunde (und Freunde zu Feinden). Dabei bekommt er immer wieder eine Hand zugestreckt, die ihm seinen Lebensunterhalt sichern könnte.

Innerhalb von sechs Jahren schreibt er dann stattdessen die Bücher, die ihn heute so bekannt machen, damals aber zu seiner Verfolgung führen…

 Gedanken

Zum einen wäre da der Roman Émile. Rousseau hat ihn mit pädagogischem Hintergedanken geschrieben, um den Leuten klarzumachen, dass man Kinder eher in der Natur als in der Zivilisation aufziehen sollte, damit sie die Freiheit zu schätzen lernen so wie er.

Es macht ja auch Sinn, dass Rousseau die Zivilisation nicht so arg schätzt. Schließlich hat er sich in ihr ja nie so ganz wohlgefühlt.

Wichtig ist, dass dort schon vom Gesellschaftsvertrag die Rede ist. Mehr dazu erzählt Rousseau in seinem anderen, gleichermaßen verbotenen Buch Du Contrat Social. Laut Rousseau braucht es einen Vertrag zwischen den Menschen, auf den sich alle gemeinsam einigen und an den sich alle halten sollen/wollen, weil er allen dient (vergleichbar mit einem allgemeinen Gesetz).

Gemein- und Gesamtwohl

Um diesen Vertrag zu schließen, muss man erst mal wissen, wie man das tut. Der Vertrag soll ja allen dienen, was nicht so trivial sein sollte. Bevor wir Rousseaus Ansatz durchgehen, möchte ich gerne noch ein bisschen theoretischen Background schaffen:

Rousseau unterscheidet nämlich gerne zwischen dem Gemeinwohl und dem Gesamtwohl. Ich verstehe den Unterschied so, dass man sich Gesamtwohl als Verhandlungsergebnis oder Summe der Interessen vorstellen kann – demnach ist jeder auf seinen Vorteil bedacht und dann wird verhandelt.

Dagegen – und das ist entscheidend! – ist das Gemeinwohl, was allen zu Gute kommt. Es geht hier nicht um Verhandlung, es geht darum, einen kooperativen Weg in Richtung Gemeinwohl zu beschreiten.

Wie das genau geht, hat Rousseau wahrscheinlich nicht beschrieben, aber ich könnte mir gut die Diskussion als Mittel der Wahl vorstellen. Man sucht also gemeinsam danach, was jetzt wohl für alle am besten ist, statt nur zu seinem eigenen Vorteil zu verhandeln.

Gesamtwohl: Interessenvertretung und Verhandlung. Gemeinwohl: gemeinsames Ziel und Diskussion.

Menschenbild

Wenn Rousseau nicht Rousseau wäre, sondern Thomas Hobbes, dann würde er das wahrscheinlich nicht so sehen. Hobbes nämlich war, aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen, der Meinung, dass Menschen grundsätzlich nur nach sich selbst schauen – oder in seinen eigenen Worten:

„Der Mensch ist dem Menschen Wolf.“ (homo homini lupus)

Hobbes kam deshalb nicht zu dem Schluss, dass die Menschen fähig sind, ihre Zukunft selbstständig in Kooperation zu beschließen, sondern dass es dafür einen starken Anführer braucht, der ihnen die Freiheit „abnimmt“.

Rousseau war da aber ganz eindeutig eher das andere Extrem, indem er die Meinung vertrat, dass die Menschen im Naturzustand, fern von jeder Zivilisation und jeder Unfreiheit, zu anderen Menschen grundsätzlich nett sind.

Auf den Einwand, dass man davon aber wenig mitbekommt, ist seine Antwort, dass die Menschen durch die Zivilisation eingeengt und korrumpiert werden und in der Folge nicht mehr nach dem Gemeinwohl streben. Wenn der Mensch damit aufwächst, von anderen Menschen unterdrückt zu werden, macht er das irgendwann auch, so sein Gedanke. Aber niemand ist einfach so böse, ohne, dass er sich unter Druck gesetzt fühlt.

Direkter Demokratiephilosoph über direkte Demokratie

Wie schon erwähnt, war Rousseau ja ein sehr direkter Mensch, wovon er nicht gerade profitiert hat. Aber nicht nur das: Er war auch der Begründer der direkten Demokratie.

Während seine Philosophenkollegen wie Montesquieu von einer repräsentativen Demokratie mit gewählten Volksvertretern sinnierten, hatte er etwas anderes im Sinn.

Die Bürger sollten ohne Umwege die Entscheidungen selbst treffen.

Ich kann ja nicht in seinen ehemaligen Kopf schauen, aber es gibt dafür schon auch Gründe. So wird der Wille des Volkes auf diese Weise nicht verfälscht.

Dabei ist der Knackpunkt in dieser Diskussion nur, wie viel Macht man dem Willen des Volkes geben will. Rousseau war der Meinung, dass das Volk das Gemeinwohl im Sinn hat, solange es seine Grundbedürfnisse befriedigt hat, also jeder überleben kann und sozial integriert ist.

(Wir dagegen setzen dem Volkswillen mit dem Grundgesetz Schranken, weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass der Volkswillen nicht immer Gemeinwohl bedeutet.)

Als Ideal würde er einstimmige (Konsent-)Abstimmungen über Gesetze usw. ansehen, die er aber selbst für unrealistisch hält. Er geht aber davon aus, dass auch Mehrheitsentscheidungen funktionieren, solange es den Menschen gut geht.

 Die Krux mit der Wahrheit

Es scheint, als würde Rousseau das Problem weniger im Finden des Gemeinwohls sehen, als darin, dass die Leute sich wirklich danach richten.

Dabei ist das Finden sicherlich genauso schwer. Viele Philosophen haben sich schon die Zähne daran ausgebissen, wie ein gerechter Staat aussähe. Man könnte mit ihren Namen einen ganzen Artikel füllen! Rousseau selbst hat das kaum versucht, vielleicht hat er es sich deshalb so einfach vorgestellt.

Es geht doch schon mit der Gerechtigkeit los. Was ist denn nun gerecht? Jeder Bürger zahlt den gleichen Betrag als Steuer? Die Reichen sollen aber mehr bezahlen!, höre ich jetzt viele denken. Oder denkt doch mal ans Bedingungslose Grundeinkommen

Vielleicht sollten wir endlich einsehen, dass niemand die Wahrheit gefunden hat, zumindest kann sich niemand sicher sein. Und niemand kann beweisen, dass er die Wahrheit hätte. Oder die perfekte Staatsform.

Denn wer sich der Wahrheit zu sicher ist, der geht für sie auch über Leichen. Super erkennbar ist das am real existierenden Kommunismus. Da waren sich Menschen so sicher, die ultimative Lösung für die Probleme der Menschheit gefunden zu haben, dass sie alle umgebracht haben, die sich dagegen aufgelehnt haben. Diese Staaten haben Rousseaus Logik auf eine gewisse Weise missbraucht, indem sie ihre persönliche Meinung als Gemeinwohl verkauft haben.

Andere Meinungen waren für sie nur Lüge und Heuchelei, obwohl sie in Wirklichkeit ehrlich vertreten wurden.

Fazit

Rousseau hatte ein optimistisches Menschenbild, nach dem der Mensch ans Gemeinwohl denkt, wenn er nur nicht unter Druck steht.

Darum hat er auch darin vertraut, dass Menschen, wenn sie selbst über ihre Angelegenheiten abstimmen, „die“ Lösung zur Umsetzung des Gemeinwohls unterstützen werden.

Die Idee, dass die Menschen fähig sind, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln, ist mit dem Begriff Volkssouveränität bis heute wichtig.

So, das war’s jetzt nach ca. 1400 Wörtern mit Rousseau. Schreibt mir doch bitte endlich mal ein Feedback, wie ihr diesen Artikel findet und was eure Anregungen zum Thema sind!

Religion – Werte – Fakten

Ich habe das Glück, sowohl Freunde zu haben, die sehr religiös sind, als auch solche, die der Religion sehr kritisch gegenüberstehen. Das Thema ist momentan ja sehr kontrovers. Wofür ist Religion denn nun verantwortlich? Sind die IS-Terroristen denn nun aus religiösen Gründen gewalttätig?

„Religion ist das Opium des Volkes“, hat zum Beispiel Karl Marx gesagt, vermutlich, weil er berechtigterweise festgestellt hat, dass die ausgeübte Religion häufig im Widerspruch zur Vernunft stand (und steht?). Andere wiederum finden, dass Religion den Menschen Halt und Sicherheit vermittelt. Religion ist vielleicht auch der Träger von Werten. Aber gute oder schlechte Werte?

Religion und Werte

Religion konserviert Werte, weil sie meist traditionell ausgerichtet ist. Entweder sind Bräuche überliefert oder es gibt ein Schriftstück, das die Werte festhält.

Manche sehen das als Problem. Man kann aber auch einwenden, dass Werte etwas Beständiges sein sollten. Was bringen denn Werte, die man jeden Tag ändern?

Das „Konservieren“ ist nur dann ein Problem, wenn dabei Dinge als absolut überliefert werden, die eigentlich längst obsolet sein sollten. Zum Beispiel, wenn Menschen in der Bibel oder im Koran lesen, dass Homosexuelle oder Ehebrecher gesteinigt werden sollen.

Das Problem liegt dann aber nicht unbedingt bei Bibel oder Koran! Das größte Problem ist, wenn Leute nicht kapieren, dass nicht alles dort wörtlich zu nehmen ist. Auch wenn es um Gottes Buch geht: Letztendlich wurde es von Menschen geschrieben. Und diese Menschen entstammen einer Gesellschaft, in der Dinge wie selbstverständlich galten, die heute nicht mehr vertretbar sind.

Religion heute

Vielleicht lasse ich mal jemanden sprechen, dem von den meisten Menschen sehr viel Respekt gezollt wird, unabhängig von der Weltanschauung: Der Dalai Lama. Er hat etwas gesagt, das ich persönlich seehr spannend fand:

Würde eine wissenschaftliche Analyse unzweifelhaft nachweisen können, dass einige Behauptungen des Buddhismus falsch sind, dann müssten wir diese Erkenntnis akzeptieren und diese Behauptungen dann fallen lassen.

Bitte versteht diesen Satz nicht falsch. Der Dalai Lama sagt damit ganz sicher nicht, dass er Religion für ein Auslaufmodell hält, wenn die Wissenschaft voranschreitet. Es geht eher darum, wo man die Religion verortet.

Die Wissenschaft kann die Welt beschreiben, kann Theorien aufstellen, wie man Dinge vorhersagen könnte. Wie man dies und jenes aus Naturgesetzen herleiten kann.

Aber der Wissenschaft bleibt verborgen, woher diese Naturgesetze kommen. Auch kann sie keine Aussagen über Werte, Sinn oder Moral treffen. Die Wissenschaft sollte so bescheiden sein und sich mit belegbaren Fakten beschäftigen.

Wenn wir der Welt einen Sinn geben wollen, dann brauchen wir aber mehr als nur die Wissenschaft. Ein Versuch dafür ist die Religion. Ein anderer…

Korrigiert mich, aber liege ich so falsch, wenn ich sage, dass die großen Ideologien wie der Nationalsozialismus entstanden sind, indem sie einen Sinn geschaffen haben?  Und hat der real existierende Kommunismus nicht auch einen Sinn schaffen wollte?

Ideogien könnte man vielleicht dadurch definieren, dass sie versuchen, Sinn durch angebliche Wissenschaft zu erschaffen. Paradebeispiel wäre der Sozialdarwinismus: Da ist ein Schlaui auf die Idee gekommen, dass Evolution nicht einfach ein Faktum ist, sondern von irgendeiner höheren Macht gewollt.

Evolution sei deshalb so toll, weil sie uns hervorgebracht hat. Stimmt, sie hat uns hervorgebracht. Na und? Ist es deshalb ein lohnenswerter Zustand, wenn wir uns ihretwegen gegenseitig die Köpfe einhauen und eine kleine Gruppe am Ende profitiert?

Genauso sollte Religion sich nicht auf dieses Terrain begeben. Denn wenn eine Religion für sich beansprucht, die Form und Position der Erde besser zu kennen als ein Wissenschaftler, dann ist sie nichts weiter als eine Ideologie, die aus solchen „Fakten“ einen Sinn zu ziehen versucht.

Fragt euch doch mal selber, ob ihr an einen Gott glaubt, der nicht vernünftig denkt, wenn es angemessen wäre. Ich könnte mich nicht damit abfinden.

Islamischer Staat

Die Vertreter eines selbsternannten Islamischen Staates sind übrigens schwerlich als traditionelle Religion zu bezeichnen, nicht einmal als lupenreine Fundamentalisten. Stattdessen picken sie sich die Rosinen aus ihrem Glaubenswerk heraus, die ihnen gerade gefallen. Du sollst nicht töten? „Ich geb dir gleich ‚Du sollst nicht töten‘ auf die F***se!“

Offensichtlich ist ihnen nicht mit Vernunft beizukommen. Aber wo liegt denn jetzt die Ursache für ihr Handeln? Ist es religiös bedingt?

In einigen wenigen Fällen vielleicht schon, aber das kann eigentlich nur passieren, wenn einem das Tötungsverbot versehentlich entfällt. In den meisten Fällen denke ich aber, dass diese Menschen in den Krieg ziehen, weil sie mit sich selbst nicht im Frieden sind.

Bei Amokläufen ist die Theorie weit verbreitet, dass diese praktisch immer von Menschen geführt werden, die ein schweres Leben haben, also möglicherweise in schweren familiären Verhältnissen aufgewachsen oder Mobbingopfer sind.

Darum denke ich, dass diese Leute, die auch aus Deutschland kommen und zu großen Teilen nicht muslimisch sind, ähnliche (unbewusste) Beweggründe haben. Diese Menschen sind meiner Meinung nach nicht als „das Böse in Person“ auf die Welt gekommen und sind es auch nicht geworden.

Was jetzt?!

Differenzierte Antworten sind nicht so leicht verdaulich wie einfache Antworten. Aber die einfachen sind nicht so interessant.

Wenn man sich die ganzen Weltreligionen anschaut, dann sind ihre Grundwerte durchweg positiv zu sehen – man könnte sogar sagen, dass es die gleichen sind! Egal, in welche Religion man schaut – Christentum, Judentum, Buddhismus, Islam oder eine beliebige andere – jede einzelne findet Töten schlecht. So ist es auch mit vielen anderen Grundwerten.

Die Religionen sind nicht einfach gut oder schlecht. Ich habe euch jetzt ein paar Gedanken beschrieben, die euch anregen sollen.

Meiner Meinung nach gibt es keine lang entwickelte Religion, die sich für Töten ausspricht. So eine Dummheit könnte sich nicht über Generationen hinweg halten, weil die Menschen dann – und das ist viel stärker als jedes Argument – erfahren, welche Auswirkungen und Folgen das hat.

Religion darf sich auch keiner logischen Argumentation widersetzen. Sonst wird sie zur Ideologie. Ich bin Christ – zumindest ein grundwert-konservativer!

Und jetzt – habt ihr das Wort. Was haltet ihr von Religion? Was ist für euch Religion, was Wissenschaft und was Ideologie? Seid ihr religiös, atheistisch oder agnostisch? Bin ich auf dem Holzweg?

Update

Jemand hat mich inzwischen darauf hingewiesen, dass das Tötungsverbot nicht in allen Religionen für alle Menschen gilt. Im Islam sei es beispielsweise so, dass es nur unter Muslimen in uneingeschränkter Weise gilt.

Solche Passagen finden sich auch in der Bibel, aber die muss nicht wörtlich genommen werden. Dagegen soll der Koran direkt von Gott kommen, wie ich es verstanden habe. Und warum sollte Gott nicht direkt die Wahrheit sagen?

Dabei bin ich mir sehr sicher, dass genauso viele Muslime wie Andersgläubige in Deutschland radikal oder gewalttätig sind. Ich denke, dass radikaler Islamismus auf einer Ebene mit anderen intoleranten, gewalttätigen Weltanschauungen steht.

Problematisch könnte nur sein, dass man Muslimen möglicherweise aufgrund der Nicht-Interpretierbarkeit leichter vermitteln kann, dass Gewaltanwendung okay ist.

Ich bin aber kein Theologe und kann hier nichts mit Sicherheit sagen. Das ist nur die Gegendarstellung zu dem, was ich oben geschrieben habe.

Ich bin jetzt noch ratloser – wie seht ihr das Thema?

Gute Fragen #2

Man fragt nie aus. Nur wer viel fragt, kommt dazu, nachzudenken. Darum kommen hier auch heute wieder einige Fragen:

  • Bekämpft man Intoleranz besser mit Toleranz oder Intoleranz?
  • Kann man Software schreiben, die erwiesenermaßen sicher ist?
  • Wie lautet das Supergrundrecht?
  • Gibt es irgendwo ’ne Talkshow, in der man sich ausreden lässt?
  • Was würde ich ändern, wenn ich nur noch ein Jahr zu leben hätte?
  • Wer sind die Piraten?
  • Was muss einem Menschen passieren, damit er sich radikalisiert und andere Menschen umbringt?
  • Kann ein Mensch grundsätzlich böse sein?
  • Wer hat bei uns tatsächlich die Macht?
  • Gibt es soziale Gruppen, die auf Privatsphäre angewiesen sind?

Gute Fragen #1

Im Deutschunterricht habe ich gesehen, dass das „richtige“ Fragestellen die wichtigste Fähigkeit ist. Daher werde ich immer wieder ein paar Fragen in den Raum stellen, über die man nachdenken kann, wenn man Lust zum Philosophieren hat oder nicht weiß, was man besseres zu tun hat.

Auf jeden Fall – hier sind sie, die Fragen:

  • Kann man ohne Herrschaft zusammenleben?
  • Was bewirkt eigentlich die Gewaltenteilung und warum?
  • Darf man eine CD brennen, die man aus der Bücherei ausgeliehen hat?
  • Welche Folgen hätte es, wenn man mit Technologie Gedanken lesen könnte?
  • Was ist uns (mir) (dir) am wichtigsten?
  • 6 * 7 = ?
  • Wirst du diese Frage mit Nein beantworten?
  • Wie ändert das Internet die Berichterstattung und Meinungsbildung?
  • (Wie) kann man Waffen liefern, ohne dass sie eines Tages in die falschen Hände geraten?
  • Was ist ungerechter: 1.000€ / Stunde für eine Arbeit oder 1.000€ / Monat für keine Arbeit?

Warum wir vom Philosophieren profitieren!

Hör auf zu philosophieren und komm endlich zur Sache„, hört oder spürt man oft, wenn man in einer Diskussion mal etwas tiefer einsteigen will. Schade – denn das Philosophieren könnte einen großen Beitrag zu unserer Bildung leisten. Lest selbst…

Die Bildung kriselt

Eine ganze Weile hin ist der Bologna-Prozess jetzt schon und er hat auch schon einige Wirkung erzielt – die gewünschte?

Sowohl Studenten als auch einige Professoren haben wohl nicht wirklich davon profitiert. Vielmehr hat eine schnelle Ökonomisierung der Hochschulen an Fahrt aufgenommen.

Gerade lese ich zu diesem Thema das kurze Essay Warum unsere Studenten so angepasst sind von Christiane Florin, die selbst als Professorin als „Insider“ bezeichnet werden könnte. Dabei habe ich das Gefühl, dass die Hochschulen und Unis immer mehr zu den noch weiter führenden Schulen werden. Das würde bedeuten, dass viele studentische Freiheiten und das studentische Lebensgefühl durch das dumpfe Gefühl ersetzt werden, wenn man an den nächsten Schultag mit der Matheklausur denkt!

Bildungs-MindMap von Sven Sönnichsen zum Soziopod „Was muss passieren, damit aus Wissen Bildung wird?“

Statt die Bildung zu fördern, geht es folglich nur noch um die Ausbildung. Denn Bildung ist die Arbeit an dem eigenen Verhältnis zur Welt, zumindest, wenn man auf Peter Bieri hört.

Beispielsweise hatten wir letztens in der Schule eine Stunde Gemeinschaftskunde zum Asylrecht und Flüchtlingen. Den Unterricht kann man auf verschiedene Weisen gestalten: Man kann zum Beispiel das Asylrecht in Deutschland vorstellen und sagen, dass die genaue Funktionsweise Teil der nächsten Arbeit ist. Oder man kann uns Schüler ins Asylrecht einweihen und anschließend gemeinsam Hintergründe erarbeiten. Darüber diskutieren.

Dreimal dürft ihr raten, wie die Stunde verlief.

Ich mache meinem Lehrer überhaupt keine Vorwürfe, er hat auch versucht, Hintergründe zu liefern. Was hätte er tun sollen? Gegen die Vorschriften verstoßen und den Lehrplan ignorieren? Wenn er das nicht tut, ist er gezwungen, Diskussionen noch im Keim zu ersticken, um „mit dem Stoff durchzukommen“.

Bildung würde motivieren

Ausbildung demotiviert.

Zu Beginn der fünften Klasse war Mathe ein cooles Fach, weil es noch niemandem Probleme machte, aber das ist inzwischen anders geworden.

Heute, ungefähr fünf Jahre später, genießt Mathe den Ruf, den es überall genießt, und der Grund dafür ist aus meiner Sicht nicht das natürliche Wesen der Mathematik, sondern der brutal angestiegene Leistungsdruck, der sich nur noch mit rein ökonomischen Gründen erklären lässt:

Deutschland muss endlich dem Chinesen zeigen, was es wirtschaftlich drauf hat. Deutschland muss endlich so wie der Chinese mehr Leistung in die Schule bringen. Deutschland hat Fachkräftemangel. Ah ja?

Und was bringen rein leistungsorientierte Schoßhündchen, die nie gelernt haben, eigenständig zu denken oder gar kreativ zu sein, in einer Welt, in der Ideen und Innovation viel entscheidender sind als die reine Fließbandarbeit? Und die werden dann von der Gesellschaft „Fachkraft“ geschumpfen?

Und wo bleibt eigentlich der Mensch und seine Persönlichkeit? Man kann nicht zur Demokratie ausbilden, höchstens zur marktkonformen.

Die Philosophie betritt das Feld

Zur Bildung gehört die Fähigkeit zur Reflexion, diese außerordentliche Fähigkeit, über sich selbst nachzudenken und auch darüber, in welcher Beziehung man mit seiner Welt steht.

Es geht darum, über Dinge nachzudenken, Ideen zu suchen und Lösungen zu verfolgen, und zwar nicht zweckrational, nicht mit der Aussicht darauf, diese Gedanken gleich zu Geld zu machen, auch nicht nur mit dem Plan, den politischen Gegner kleinzureden. Tatsächlich geht es um die persönliche Suche nach Erkenntnis.

Vielleicht wird jetzt die enge Kopplung zwischen Philosophie und Bildung klar. Die Philosophie hätte dafür etwas mehr Anerkennung verdient.

Philosophie als Pflichtfach?

Nee, lass mal. Sonst wird die auch noch so leistungs- und pflichtbetont. Dabei kann man Bildung doch niemandem aufzwingen, anders als Wissen.

Wirksamer sind spannende und interessante Angebote wie zum Beispiel eben der Soziopod, von dem ich es jetzt ja schon oft hatte. Als unverzichtbarer Bestandteil meiner persönlichen Blogroll ist es ihm gelungen, philosophische und gesellschaftswissenschaftliche Themen ansprechend darzustellen – und gleichzeitig als erster Podcast einen Grimme-Online-Award einzuheimsen!

Lasst uns per Graswurzelbewegung mit kreativen Bildungsangeboten gegen die Aus-Bildung vorgehen ;o)