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iBlackbox – das Brotmesser für absolute Sicherheit

Ich habe heute die Ehre, Ihnen, liebe Bürgerinnen und Bürger, liebe Innenministerinnen und Innenminister, eine der größten Innovationen seit langem vorzustellen. Sie heißt Security By Design oder auch einfach nur iBlackbox.

Stellen Sie sich einen schwarzen Würfel von der Größe eines Basketballs vor. Das undurchsichtige Innenleben des Würfels besteht zu 90% aus einem genialen Sicherheitsmechanismus und zu 10% aus einem Brotmesser. Durch Einführen eines Brotlaibs in den oberen Slot wird die iBlackbox ihrem Besitzer Scheiben eines jeden Brotes abschneiden, völlig ohne, dass der Besitzer über ein Messer verfügt, das ihn zum potenziellen Terroristen machen würde. Der letzte Schritt war Überwachung – der nächste Schritt ist die iBlackBox, die jedem Bürger die Verfügungsgewalt über hochbedrohliche Haushaltsgegenstände nimmt – in diesem Fall über das Brotmesser.

Ich höre jetzt schon Ihre vollkommen berechtigten Einwände. Ist die iBlackbox wirklich so idioten- und terroristensicher? Könnte man mit ihr nicht irgendjemanden erschlagen oder ersticken?

Nein. Die iBlackbox ist absolut idiotensicher. Aber der Reihe nach. Unser Entwicklungsteam hat sämtliche erdenklichen Mordszenarien durchgespielt. Um beispielsweise zu verhindern, dass die iBlackbox als Schlagwaffe missbraucht wird, haben wir sie aus dem patentierten SoftPunch-Kunststoff hergestellt, sodass sämtliche Energie des Aufpralls allein zur Deformation der iBlackbox führt, ohne jedoch dem Geschlagenen auch nur eine Zelle zu quetschen. Und sollte die iBlackbox dabei zu Bruch gehen, dann wird der Inhalt – das Brotmesser – binnen von Millisekunden idiotensicher über den patentierten Geplante-Obsoleszenz-Mechanismus pulverisiert.

Nur eines der zahlreichen Sicherheitsfunktionen in der iBlackbox. Verzeihen Sie uns also, dass sie etwas größer geworden ist als ein herkömmliches Brotmesser!

Um den vollen Effekt der iBlackbox über den Schutz vor Selbstmord hinaus auszukosten, ist es allerdings notwendig, dass sie breite Anwendung findet. Liebe Innenminister, wie Sie unser Produkt an den Mann bringen, überlassen wir Ihnen. Gerade für Innenminister bietet die iBlackbox nämlich neben der persönlichen Sicherheit auch noch berufliche Sicherheit. Nur absolute innere Sicherheit kann Ihnen diese bieten und nur mit uns sind Sie haarscharf am Idealzustand. Denn die iBlackbox springt da ein, wo selbst die gründlichste Überwachung und ein ausgehebelter Rechtsstaat hoffnungslos versagen.

Und last but not least möchten wir Ihnen noch ein weiteres Killer… äh… Sicherheitsfeature vorstellen, das dafür sorgt, dass die Wahrscheinlichkeit eines Terroranschlags unter die Wahrscheinlichkeit, einen Autounfall zu bauen und gleichzeitig zweimal vom  Blitz getroffen zu werden, sinkt: Sollte Ihnen jemand aus hoher Höhe eine iBlackbox auf den Kopf werfen, dann fliegt sie einfach davon.

Wetter-F.

Gestern Nacht, da hab ich was erlebt. Keine Ahnung, ob ihr mir glauben wollt, aber es stimmt. Wenn man etwas hautnah erlebt, ändern sich manchmal Vorstellungen.

Wir hatten es immer noch sehr lustig diesen Abend, als ich mich mit dem Fahrrad auf den Heimweg begab. Eigentlich lagen meine Nerven ja sowieso schon blank, weil mein Weg am Flüchtlingsheim vorbeiführte. Es gab ja keinen anderen! Ich war ein aufgeschlossener Mensch, aber eben einer der schlaksigeren, schwächeren Variante, und so hoffte ich, bald am Heim vorbei zu sein.

Aber dann kam der Sturm: Er drückte und schob und bremste und hob. Ich duckte mich. Mein Rad rumpelte über einen dicken Ast, einen von vielen. Über mir wackelten hängende Straßenlaternen, kein Mensch weit und breit. Und als es mir gerade zu bunt wurde, fing es auch noch an zu schneien! Erst feine, weiche Flocken, später harte Hagelkörner. Du musst es nur hinter dich bringen, sagte ich mir. Gleich bist du an dem Heim vorbei. Und in einer Viertelstunde bist du zu Hause!

Doch der Sturm wollte es nicht. Und so kam es, dass ich abstieg. Es war eine kluge, aber keine schwere Entscheidung: Ich sah eine Flagge reißen und über mir flog ein Gartenzwerg, glaube ich zumindest. Es war ganz praktisch, einen Helm dabei zu haben. So war ich vor Gartenzwergen geschützt und meine Ohren hörten nur noch die pochenden Adern. Der Gartenzwerg landete in einem Baum, der sich gerade kräftig bog, genau wie dessen Artgenossen, und setzte seinen Flug erst fort, als der Sturm abermals stärker wurde, wobei er ein bisschen Geäst mitnahm.

Die Hagelkörner wurden dicker. Zwar passten sie jetzt nicht mehr in die Löcher des Helms, spürbar waren sie trotzdem: Das war der Moment, in dem ich den Mut zu verlieren drohte! An etwas anderes zu denken war unmöglich. Ich war wanderte allein auf einer menschenleeren Alle gebogener Bäume unter tischtennisballgroßen Hagelkörnern. Es musste sich doch irgendwo ein Unterschlupf finden!

Der Weg machte eine Kurve und vor mir lag… Das Flüchtlingsheim. Ein Flüchtlingsheim war ein Gebäude, vier Wände und ein Dach über dem Kopf. Ich war gerettet.

Als ich mich dem Heim näherte, winkte mich ein Security-Mann unter das Vordach. „Haben Sie einen Hausausweis?“, fragte er. „Was bitte? Nein! Bitte bieten Sie mir Unterschlupf!“ – „Tut mir Leid, aber aus Sicherheitsgründen darf ich keine Fremden reinlassen. Könnte ja jeder kommen. Lesen Sie keine Zeitung, was manche Leute bei Flüchtlingsheimen so anstellen?“ – „Bitte, es ist ein Notfall!“ – Der Mann zögerte. „Hmm, eigentlich ist das nicht ausreichend, aber ich bräuchte immerhin Ihren Personalausweis. Haben Sie den dabei?“

Das Kartenhaus

Unzufrieden grübelte er vor sich hin.

Der große Bruder hatte die blauen Kärtchen sorgsam aufeinander geschichtet, Stein auf Stein, wieder einen Stein weggenommen, begutachtet und wieder woanders aufgestellt. Er hatte schon andere errichtet, doch sie alle krankten an dem einen Fehler, von dem sein neues und letztes Werk frei war. Er zumindest hatte große Freude an dem neuen Werk gehabt und auch die meisten seiner Freunde von seinen Vorzügen überzeugt.

Netter Versuch, dachte jetzt der Jüngere, nur weil das Ding besser als die vorherigen war, war es noch nicht gut. Sein Bruder verstand sowieso nichts vom Bauen. Ihm fehlten schlicht und einfach die planerisch-theoretischen Fähigkeiten. Darum musste der Angsthase damals auch immer an seinem bestehenden, schlechten – denn nicht perfekten – Häuschen nachbessern. Er hatte sehr daran gehangen.

Aber gut, wenn der Alte nicht die Eier dazu hatte, dann gab es wohl nur noch einen, der zusätzlich zu den Eiern auch noch die passenden Ansätze hatte, um ein für alle Mal ein besseres Häuschen aufzubauen. Er hatte es in Gedanken tausendmal durchgespielt – er war sich hundertprozentig sicher, dass er Erfolg haben würde.

Doch selbst wenn das eine letzte Prozent einträfe: Wäre das denn so schlimm? Der senile Knacker war offensichtlich auch noch sentimental, sonst würde er doch nicht so sehr an den kleinen Pappendeckeln hängen.

Lange hatte er darauf gewartet, er hatte alles auf eine Karte gesetzt, er hatte dafür gekämpft, sein Leben aufs Spiel gesetzt. Der nicht mit ihm verwandte Knacker, der das alte Dingens in einem Moment geistiger Umnachtung hier aufgestellt hatte, hätte alles getan, um seinen ach so kleinen und unbesonnenen Bruder davon fernzuhalten, genau, wie es auch die anderen versucht hatten.

Doch jetzt saß er hier, vor der bläulichen Wand, vor der einst noch das Krampfadergeschwader gesessen hatte. Jetzt hatte er die Karten in der Hand und das Ass im Ärmel. Wenn sein damaliger Bruder bei Sinnen wäre, dann auch in seinem Sinn.

Er konnte es ihnen jetzt zeigen. Zu ihrem eigenen Wohl. Bei dem Gedanken schnippte er unwillkürlich eine Karte weg. Es ertönte ein dumpfes Geräusch von draußen, wahrscheinlich war wieder sein Bruder verantwortlich, der alte Sack!

Triumphierend, wie im Rausch, setzte er mit seinem Zeigefinger erneut an – es war ein großartiges Gefühl! Die große Säuberungsaktion hatte begonnen.

Ja, jetzt schrien sie noch, die Leute. Doch sie würden ihm noch danken, oder ihre Kind..eskinder. Eines Tages würden sie ihn dafür feiern.

Im Affekt schlug er dem Gebäude mit der flachen Hand den Sockel weg. Wenn die Ursachen tief liegen, muss man eben tief graben. Er wollte gerade aufstehen und seinen Triumph feiern, als er gegen die blaue Wand geschleudert wurde. Hatte er einen Fehler gemacht? Ihm fiel keiner ein. Da fiel ihm auf, dass die Wand selbst schwankte. Das junge Genie linste ein letztes Mal auf das zusammengeklappte Kartenhaus, bevor das Licht ausging.