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Konstruktive Massendiskussion online – wie?

Funktionierende Diskussionen in der Bevölkerung sind ein notwendiges Mittel einer Demokratie, die sich nicht auf die Meinung einiger weniger Experten verlassen soll. Das habe ich auch schon hier beschrieben.

Doch es gibt ein Problem. Um viele Leute an einer Diskussion zu beteiligen und möglichst allen bedeutsamen Argumenten der Bürger in die Öffentlichkeit zu verhelfen, reichen die analogen Möglichkeiten bei weitem nicht aus.

Eine Podiumsdiskussion besteht aus maximal zehn Leuten, die schwerlich das gesamte Spektrum abdecken. Außerdem geht es dort weniger um die offene Diskussion unter den Beteiligten, als vielmehr um das Präsentieren des eigenen Standpunktes vor dem Publikum.

Ich vermute, dass dieser Unterschied sich ganz entscheidend auf das Diskussionsklima auswirkt. Statt gemeinsam nach einer Lösung zu suchen und auf die anderen einzugehen, versucht man, seine eigene Meinung ans Publikum zu vermitteln.

In einer Podiumsdiskussion sind die Diskutanten (auf der Bühne) nicht gleich denen, die sich eine Meinung bilden (im Publikum). Dabei wäre genau diese Einheit Voraussetzung für eine Diskussion, in der die Diskutanten auch mal ihre Meinung ändern und gute Argumente suchen, statt die schlechten in positiver Weise rüberzubringen.

Doch was ist die Alternative? Es gibt bis heute nur ein einziges interaktives Massenmedium, in dem die Autoren, die Argumente bringen, gleich den Lesern, die ihre Meinung anpassen, sind. Ihr kennt es alle.

Grenzenlose Möglichkeiten?

Das Internet. Es verbindet den ganzen Globus mit seinen Exabytes von Information. Vielfach beschworen, dezentral und das Medium der Bürger zu sein, bietet es neue Möglichkeiten, wie sich Tausende, wenn nicht – man darf doch wohl noch träumen – Millionen von Menschen gemeinsam mit der Lösung von Problemen auseinandersetzen könnten.

Vor allem gehypt wurden die sozialen Netzwerke, kaum ein junger Mensch kann sich ihnen noch entziehen. Themenspezifisch haben sich die abgefahrensten Varianten von Forensoftware durchgesetzt und Wikipedia sammelt schließlich das Wissen der Menschheit.

Doch sie alle einen auch ihre Probleme, wenn es um die Diskussion von gesellschaftlichen Fragen geht. Bestimmt seid ihr alle schon mal in der Informationsflut untergetaucht, orientierungslos, ohne zu wissen, wo es denn wieder nach oben geht.

Es ist schwierig, diese ganzen Beiträge auf eine Menge zu reduzieren, mit denen ein Normalsterblicher in seinem kurzen Leben hantieren kann. Laut Statista wurden im Jahre 2013 sechstausend Stunden Videomaterial in einer echten Stunde hochgeladen. YouTube ist nur ein kleiner Teil des Netzes.

Wenn man mal alle für die Diskussion thematisch irrelevanten Themen ausblendet, schätze ich, dass wir immer noch ca. 100 Stunden pro Stunde allein auf YouTube fänden. Ein hässlicher Job, für den man mindestens 6000 vertrauenswürdige Leute anstellen müsste. Immer noch zu viel für den Normalsterblichen!

Aber gibt es denn wirklich so viele Argumente?

Dass es so viele Argumente wie Beiträge gibt, darf gerne bezweifelt werden. Für den wahrscheinlichen Fall, dass ihr schon mal eine Diskussion auf Twitter oder woanders verfolgt habt, wird euch klar sein, wie trotzdem diese Datenmengen zustande kommen.

Das gleiche Argument findet sich dort in mehrfacher Ausfertigung, man spricht auch von Re-dun-danz. Neben dem ersten thematischen Filtern müsste man also noch die ganzen jeweiligen Duplikate runterdampfen in einige wenige Beiträge.

Ein Kampf gegen die Windmühlen. Selbst, wenn die Autoren der doppelten Argumente ihre eigene Formulierung zu Gunsten einer fremden verwerfen würden, nullkommanix hätte ein neuer User dasselbe Argument nochmals gepostet.

Die Bad Guys

Abgesehen von dem unvermeidlichen Wirrwarr aus gut gemeinten Beiträgen kommen noch solche hinzu, die mit dem erklärten Ziel der Unordnung oder Manipulation verfasst wurden.

Wir sprechen natürlich von Trolling. Aber nicht nur, auch Geheimdienste pfuschen nachgewiesenermaßen gerne in Onlinebewegungen rum, wie Glenn Greenwalds Enthüllungsplattform „The Intercept“ preisgegeben hat. Bekanntermaßen ist auch Wikipedia das Opfer von Einzelinteressen.

Auch wegen ihnen bräuchte man effektive Filter- oder Ordnungsmechanismen. Aber wer Kontrolliert die Kontrolleure? Wie gesagt, diese Leute müssten voll vertrauenswürdig sein. Allein weil sie Menschen sind, können sie es gar nicht sein.

Filtern, ordnen, runterdampfen

Aha. Unser subversives Massenmedium besteht also zu einem substanziellen Teil aus für uns irrelevanten, unsachlichen, ungeordneten und böswilligen Beiträgen. Was tun?

Es gibt drei Möglichkeiten: 1. Ein Computer übernimmt das Filtern und Ordnen. Nachteil: Algorithmen sind dumm wie Stroh und können ausgenutzt werden. 2. Menschen übernehmen diese Aufräumarbeit. Nachteil: Findet mal 6000 voll vertrauenswürdige Leute, die das für euch tun! 3. Man unterbindet die Unordnung von vornherein.

Hier sind innovative Tool-Lösungen gefragt! Ein Beispiel ist das Deliberatorium.

„Folget mir in die heile Welt!“

Wenn erst mal mehrere Tool-Lösungen stehen, dann wird jede Plattform um Nutzer buhlen, wie es schon jetzt passiert. Ein Ökonom würde sagen, dass die Nachfrage nach Nutzern das Angebot bei weitem übersteigt.

Zwar finden sich in gängigen sozialen Netzwerken mehr als genug Leute. Doch diskussionstechnisch sind sie, wie oben beschrieben, einfach nur jenseits von Gut und Böse. Also die Tools. Lasst euch sagen, Freunde, finsterstes Mittelalter.

Die chancenreicheren Kandidaten sind auf der öffentlichen Bildfläche nämlich überhaupt nicht wahrnehmbar. Mal werden sie als langweilig empfunden, mal sind sie der Usability-Alptraum schlechthin, oder sie scheitern einfach daran, dass die ganzen Nutzer fehlen, um die Plattform attraktiv zu machen.

Dazu ein passendes Zitat aus einer Arbeit von Mark Klein zu seinem Deliberatorium (Seite 8):

It has been found (…) that users are motivated by two key benefits when contributing to social computing systems:
(1) finding their tribe (i.e. getting connected with
people who share their interests) and
(2) becoming a hero (having a substantive positive impact
on a community they care about)

Für mich ist diese Stelle ein richtiges Aha-Erlebnis. So auf den Punkt gebracht hat mir das noch niemand. Wühlt doch mal in euren eigenen Gefühlen! Treffen diese Punkte auf euch zu? Bewegt ihr euch nicht auch lieber auf Plattformen, die diese Kriterien erfüllen?

Schluss: Steile These

Macht euch nun gefasst auf die steile These dieses Artikels! *trommelwirbel*

Ich glaube nämlich, dass diese beiden Motivationen auch dazu beitragen, dass Online-Diskussionen oft so harsch ablaufen. Ist es nicht menschlich, dass man lauter schreit, wenn man das Gefühl hat, dass man nicht gehört wird?

Ich schaue da auch auf mich selbst, wenn ich das schreibe. Wer sich an der Online-Meinungsbildung beteiligen möchte, sich aber ständig ignoriert fühlt, ist eher geneigt, auch mal gegen die Netiquette zu verstoßen. Oder sich Likes zu kaufen. Oder…

So. Langer Artikel. Hat mir Spaß gemacht. Und euch? Seht ihr Meinungsfindungs-Tools als sinnvolle Bereicherung an? Oder als Energieverschwendung? Wie würdet ihr ein solches Tool konstruieren? Habt ihr Erfahrungen mit solchen Tools gemacht?

Diskurs schlägt Wahl

Wohl zurecht bekommen neue Ideen zur Machtausübung durch das Volk zur Zeit eher viel Aufmerksamkeit. Da wären Volksabstimmungen, da wäre außerdem noch Liquid Feedback, und Onllinepetitionen braucht man gar nicht zu erwähnen. Sie sollen dem Volk Macht geben, die es bisher nicht hat.

Doch dieser alte Machtbegriff ist vielleicht nicht mehr aktuell. Viel wichtiger als Wahlen sind Meinungen. Warum das so ist, werde ich euch hier zu erklären versuchen.

Was ist Macht heute?

Früher war doch alles so einfach. Man hatte eine klare Klasseneinteilung – da der Klerus, da der Adel und dort unten der Rest. Keine vernünftige Person würde wohl bezweifeln, dass die Macht lange Zeit auf die obersten und kleinstbesetztesten¹ beiden Stände verteilt war.

Aber wer hat heute die Macht?

Das Volk? Das Volk darf Politiker wählen, die dann bestimmen. Aber das „Volk“ ist ja nicht nur eine Person, das Volk sind Millionen von Menschen, Menschen außerdem, die täglich in ihrer Meinung beeinflusst werden von Medien. Auch die Medien sind keine Einheit.

Ach ja: Machen die Politiker nicht sowieso, was sie wollen? Ist das Wahlrecht nicht unfair und verfälschend? Möglicherweise hat die Macht auch eine vielbeschworene „Plutokratie“² der Wirtschaftselite, die Politiker und Bürger sowie deren politische Ausrichtung kaufen kann.

Das ist alles sicher nicht falsch. Aber wir müssen mal wieder anerkennen, dass es keine einfache Antwort mehr auf die Machtfrage gibt. Man kann Macht keiner Person oder Gruppe mehr zuordnen. Das macht auch Sinn. Die Demokratie soll ja gerade diese Form von Macht unterbinden.

Stattdessen liegt Macht heute in der Meinung. Los ging es damit mit den jüngeren Revolutionen. Nennt mir eine Revolution, die funktioniert hat ohne einen Meinungswandel!

Angenommen, wir, das Volk, hätten zu einem Thema eine weitestgehend klare und einheitliche Meinung. Wo wäre das Problem, angenommen, wir wählten entsprechend?

Diese Meinung würde sicher von den dann gewählten Politikern vertreten. Falls nicht, dann wären die Politiker wohl nach wenigen Jährchen weg vom Fenster, falls die öffentliche Meinung so klar bliebe wie angenommen.

¹) ‚Tschuldigung, dieses lange, schlimme Wort werde ich nie wieder verwenden, versprochen!!

²) Plutokratie, die: Herrschaft des Untergrunds.

Woher kommen Meinungen?

Wenn wir nach den politischen Dynamiken fragen, müssen wir also nicht mehr nur nach der Quelle der Macht fragen. Wichtiger noch ist die Quelle der Meinungen. Denn Meinungen entscheiden Wahlen, und Wahlen können theoretisch alles verändern.

Ihr könnt es euch schon denken – die Quelle der Meinungen ist nicht leichter zu finden als die der Macht.

Meinungen kommen oft von Massenmedien, die für eine sinnvolle Berichterstattung zwangsläufig auch Meinungen und nicht nur Fakten vermitteln.

Neben ihnen gibt es charismatische Personen mit Autorität, denen Menschen Glauben schenken. Auch Werbung beeinflusst uns in unserer Weltsicht, denn das ist ihr Sinn und Werbung ist schließlich eine Milliardenbranche.

Das sieht doch sehr arg nach dem alten Machtkonzept aus. Einzelne Medienhäuser und Personen können etwas sagen, was ihnen dann häufig abgenommen wird. Sie haben Meinungsmacht, über die sie verfügen können, auch willkürlich.

Doch das ist nur die Hälfte…

Machtfreie Meinungsmache

Neben den Meinungsmächtigen gibt es eine weitere Kraft, die für die Meinungsbildung sehr wichtig ist, nämlich die Diskussion.

Ziel einer Diskussion ist es, die ganzen diversen Meinungen und Weltbilder, die deutschlandweit in achtzig Millionen Köpfen vorhanden sind, auszutauschen. Der Ausgang einer Diskussion, also die angepassten Weltbilder, ist in einer Diskussion offen.

Wenn alles gut läuft, werden in der Diskussion zahlreiche Widersprüche in den Weltbildern aufgedeckt. Auf diese Weise können schlecht begründete Meinungen angepasst werden.

Je sachlicher und tiefer diese Diskussionen von möglichst vielen Menschen geführt werden, desto fundierter werden die Positionen der beteiligten Diskutanten.

Zoom Out

Ich hoffe, schlüssig begründet zu haben, warum Meinungen viel entscheidender sind als beispielsweise ausgefeilte Wahlvorschriften.

Ich habe mal gehört, wir leben in einer 50:50-Demokratie. Wichtige Entscheidungen sollte man nicht den Launen der wenigen Swing-Wähler überlassen, die das Zünglein an der Waage bilden. Wenn die Entscheidungen nicht so knapp wären, bräuchten wir auch die Wahlvorschriften nicht so dringend.

Umgekehrt machen Liquid Feedback und andere direktdemokratische Ansätze keinen Sinn, wenn die Meinungen der Bürger nicht vernünftig zustande gekommen sind.

Damit meine ich, dass hinter diesen Meinungen fundierte Begründungen stehen sollten. Und klar, fundierte Begründungen erhält man durch Abwägen von Argumenten, und das im Austausch mit anderen – also durch die Diskussion!

Die Diskussion hat angefangen, althergebrachte Machtstrukturen in unserer Gesellschaft aufzulösen. Doch wenn sie versagt, dann können schlimme Dinge passieren. Mit der Diskussion steht und fällt der Souverän des Volkes. Wir sollten in die Diskussion investieren!

Obligatorischer Schlussappell

Weil ich Diskussionen für so essentiell halte, plane ich einen Beitrag über den theoretischen Hintergrund von Diskussionen.

Auch dafür, aber nicht nur dafür wäre ich sehr dankbar über Feedback. Die Suche nach Menschen, die sich mit mir über spannende Themen austauschen wollen, ist ein wichtiger Grund, warum ich diesen Blog begonnen habe.

Und in diesem Zusammenhang noch der Disclaimer, dass ich gerne bereit bin, meine Meinung auf ein gutes Argument hin anzupassen…

Das Ende der Geschichtsschreibung

Was wird in Zukunft über den Ukraine-Konflikt in den Geschichtsbüchern stehen? Wer hat die MH-17 abgeschossen und gab es eine Invasion? Habt ihr euch dazu schon mal Gedanken gemacht?

Wenn ja, dann seid ihr vermutlich, genau wie ich, zu dem Schluss gekommen, dass zumindest der Absturz der MH-17 höchstwahrscheinlich noch  eine gewisse Zeit ungeklärt bleiben wird. Denn welcher Fakten kann man sich im sog. „Medienkrieg“ überhaupt noch sicher sein? (Wenn ihr anderer Meinung seid, dann dürft ihr ruhig die Kommentare nutzen, Diskussionen mag ich viel mehr als diese Monologe!)

Im Moment gibt es nämlich die Situation, dass wir kein Medienmonopol mehr haben, sondern einflussreiche russische, amerikanische, arabische, deutsche etc. Medien, die unterschiedliche Sachen behaupten. Mit unterschiedlichsten Interessen. Man muss sich ernsthaft fragen, wem man noch trauen kann und wie man „Fakten“ überprüfen kann.

Wikipedia-Syndrom

Ich habe Belege für schlechten Journalismus „dort im Osten“, aber auch, wenn auch auf einem anderen Level, „hier im Westen“ erlebt. Zudem ist die Fahndung nach Quellen oft ein unüberbrückbares Problem.

Ich kann es ja verstehen, wenn bei einem Zeitungsartikel nicht zwanzig Links und Bücher als Quellen aufgeführt werden, der Platz ist ja kostbar. Aber kann mir mal jemand erklären, warum man beim Veröffentlichen dieser Artikel im Netz nicht einfach ein paar Hyperlinks einbauen kann?

Es ist doch eine Ironie, dass ausgerechnet die ganzen Medien, denen man in der Regel vertrauen kann, keine Quellen nennen. Sie leiden sozusagen unter dem Wikipedia-Syndrom.

Wobei ich finde, dass Wikipedia fälschlicherweise der Ruf anhängt, journalistisch „böse“ zu sein. Quellen findet man dort oft viel mehr als bei den meisten der genannten Medien. Man könnte also sagen, dass ausgerechnet Wikipedia nicht unter dem Wikipedia-Syndrom der fehlenden Quellenangaben leidet.

Was mache ich jetzt, wenn ich einen Artikel auf Plausibilität überprüfen will? Gut, manchmal gibt es schützenswerte Informanten. Ansonsten will ich doch wissen, wie der Autor zu seinen Schlüssen kommt, besonders, wenn er seine Behauptungen als die „Wahrheit“ hinstellt.

Ich könnte eine Suchmaschine ansetzen, die mich aber normalerweise nur zu weiteren Seiten mit den gleichen Behauptungen ohne Quellen (oder unsicheren Quellen) führt. Das war’s dann fast schon.

Intransparenz

Die Ursachen für den Mangel an Infos sind unterschiedlich, in einigen Fällen wird aber absichtlich versucht, Informationen zu unterdrücken. Wie man schon am Wort „Geheimdienste“ erkennen kann, sind die nämlich geheim! (Nein! Doch! Oh!)

Dabei haben wir zur demokratischen Kontrolle (sic!) diverse Gremien wie das Parlamentarische Kontrollgremium, das dank Snowden nun Gesellschaft vom NSA-Untersuchungsausschuss bekommen hat. Was man so an Infos von den Geheimdiensten bekommt, sagt auch recht viel über sie aus:

So sind seeehr viele Dokumente, die dem Untersuchungsausschuss vorgelegt wurden, zu großen Teilen geschwärzt (naja, Grußformel ist lesbar). Ich kann es voll verstehen, wenn die Opposition eine Verfassungsklage einreichen will. Ohne belastende Unterlagen wird die öffentliche Diskussion über die Geheimdienste fruchtlos bleiben.

Die Informationen sind aus meiner Sicht nicht wie behauptet zu Gunsten des „Staatswohl“s geschwärzt worden, sondern sind eben brisant und sollen nicht öffentlich werden.

TTIP

Womit wir auch den Bogen zu TTIP hätten, denn dazu hatte ich zur Europawahl eine nette Diskussion mit dem CDU-Kandidaten, der natürlich voll und ganz für TTIP war. Schon bald zeigte sich, dass auch er keine Ahnung von den ausgehandelten Inhalten hatte und unsere Diskussion somit kaum einen Zweck hatte.

Nachdem wir ein Weilchen über mutmaßliche Inhalte diskutiert hatten, warf ich ein, dass diese ganze Geheimnistuerei der Demokratie schade. Der Verhandlungsstand ist nämlich nach wie vor nicht öffentlich. Wir waren doch selbst das beste Beispiel! Es war ein Aussage-gegen-Aussage-Spielchen, wenn es darum ging, was nun TTIP überhaupt sei.

So, wie bei den Geheimdiensten das „Staatswohl“ im Vordergrund stand, war es für den Kandidaten die Tatsache, dass die Verhandlungen im Geheimen stattfinden müssten.

Kennt ihr euch vielleicht mit Verhandlungen aus? Meiner Ansicht nach müssten für so eine Verhandlung doch nur die Strategien der Vertragspartner geheim sein, nicht aber die Verhandlung selbst. Für mich riecht es eher wieder danach, dass jemand die Informationen zurückhalten will.

Dass es nicht nur um die Verhandlungen geht, zeigt auch super CETA, das Freihandelsabkommen mit Kanada, das schon ausgehandelt ist. Es besteht also kein Grund mehr zur Geheimhaltung mehr – die Kommission will es trotzdem noch nicht veröffentlichen.Update: CETA ist ab heute öffentlich zugänglich – nachdem es vorher an vielen Stellen schon geleakt wurde…

Ausblick

Ich hoffe, dass euch klar geworden ist, wie wenig man aktuell wissen kann. Meist liest man nur Behauptungen ganz ohne Quellenangabe.

Zwischen den Interessen von Staaten und Geheimdiensten gehen viele Fakten verloren, die wichtig sein könnten, um unsere Welt zu verstehen.

Um die Situation zu ändern, würde ich vorschlagen, dass wir, also die Leser, aktiv Quellen und Infos einfordern. Die Wichtigkeit von belegbaren Infos muss mehr ins öffentliche Bewusstsein kommen.

Ich bin mir sicher, dass ihr alle auch schon auf die Problematik gestoßen seid. Wie seht ihr sie und wie geht ihr mit ihr um? Was müsste man eurer Meinung nach tun?

Geschichten von Piraten

Ohne die Piraten gäbe es diesen Blog wohl nicht. Ich glaube, es war 2011, als die Proteste gegen ACTA waren. Sogar in unserer sonst eher politisch zurückhaltenden Stadt gab es gleich drei Demos! Das waren meine ersten Demos, weil ACTA mich gewissermaßen politisiert hat, wie wohl viele andere auch. Und es waren auch (fast) meine letzten, weil hier jetzt wieder so wenig Politik los ist wie vorher.

Ungefähr zu dieser Zeit begann der Aufstieg der Piratenpartei, die sich 2006 nach schwedischem Vorbild gegründet hatte. Ehe sie’s sich versahen, waren die Piraten plötzlich in der Politik und gewannen – so meine Sicht – mit ihrem Enthusiasmus, Selbstbewusstsein und undogmatischem Auftreten viele Sympathisanten.

Man kann fast sentimental werden, wenn man in die „goldenen Zeiten“ von 2009-2012 zurückschaut. Beinahe wäre eine Partei in viele Parlamente eingezogen, die vieles hinterfragt und reinen Tisch macht mit verstaubten Sitten.

Debugging – Fehlersuche

Tatsächlich sind auch offenbar viele sentimental geworden, denn nach der Spitze bei ca. 10% Wählerstimmen ging es heftig bergab. Ich finde es nur verständlich zu fragen, wo die Ursache für die Flaute war. Aber das Prinzip Ursache und Wirkung ist eine starke Vereinfachung.

Nichts gegen Vereinfachungen. Versteht das nicht falsch, Vereinfachungen sind gut und wichtig, kein Mensch kann die ganze Komplexität der Welt verarbeiten. In der Mathematik gibt es das nützliche Werkzeug der Heuristik, ein Algorithmus, der nicht immer, aber oft zum Erfolg führt. Man darf Heuristiken anwenden, wenn man ihre Grenzen kennt und Gleiches gilt für Ursache und Wirkung.

Ich glaube nämlich, dass es nicht die eine eindeutige Ursache für das Absaufen gibt, vielmehr sind zahlreiche Löcher im Piratenschiff zu finden. (Manche glauben ja, dass die ganzen Metaphern für das Kentern verantwortlich sind, ich glaube jedoch nicht, dass man einen Seemann mit ein paar Metaphern Wasser schlucken lassen kann.)

Zunächst einmal das Offensichtlichste – die Verkehrung des Mottos „Themen statt Köpfe“ in „Köpfen für Themen„. Twitter ist voll davon. Offensichtlich bestehen viele Defizite in der Streitkultur. Da ist auch keine einzelne Person schuld, sondern eine Dynamik hat die allermeisten dazu gebracht – einfach, weil sie Menschen sind.

Auch vergessen wird oft, dass Personen kommen und gehen und es die Aufgabe des „Systems“, der Struktur, ist, dass die richtigen Personen kommen und gehen.

Wie es los ging

Woher kommen die Piraten eigentlich? Es gab mal eine Studie – entschuldigt, dass ich den Link nicht habe – die als Grundsatz der Piraten die sogenannte Hackerethik ausgemacht hat. Das finde ich eigentlich sehr schön, weil die aus meiner Sicht zugleich demokratisch, pragmatisch und idealistisch ist. Idealismus in dem Sinn, dass sie definiert, was die Fluchtpunkte sind, auf die man hinarbeitet.
Lest sie ruhig mal durch und lasst sie auf euch wirken.

Teamwork

Die Piraten haben fast so etwas wie ihren Gründungsmythos auf neue Beteiligungs- und Diskussionsformen im Netz gebaut. Und die bräuchten sie dringender denn je, wenn man sich anschaut, was in sozialen Netzwerken abgeht.

Das ist ein gesellschaftliches Phänomen, dass die Diskussionen im Netz oft so eskalieren, es hat primär nichts mit den Piraten zu tun. Der Seegang wird unsicherer, auch, weil es Godwins hagelt. Mit ein Grund für diesen Beitrag ist das Rausekeln der meisten Piratenpromis, das gerade Früchte trägt.

Ach ja, und habt ihr mal Kommentare unter den Pressemitteilungen gelesen? Die haben mich besonders desillusioniert, weil ich gesehen habe, dass die Meinungslager sich immer weiter verhärten und immer dogmatischer werden. Egal ob es um linke oder rechte oder andere Meinungen geht, wer hinterfragt, wird oft scharf angegriffen.

Nimmt sich unsere Gesellschaft also wirklich ein Vorbild an der Diskussionskultur von Talkshows, die offensichtlich mehr auf Aufmerksamkeit und Recht als auf Teamwork setzen? Wie wohltuend wäre es doch, ab und zu Leute zu hören, die sagen: Stimmt, du hast ja Recht!

Von der Scheibe fallen?

Das Konzept der Piraten, wie man es auch beschreibt, macht sich auf die Suche nach neuen Gefilden. In die Welt hinaussegeln, mutig, wo sich sonst noch niemand hingetraut hat. Da kriegt man mitunter Angst, von der Scheibe zu purzeln. Aber es gibt in der Partei Probleme, die gelöst werden müssen, und zwar schleunigst. Wenn Piraten überleben wollen, müssen sie mit neuen Ideen aufwarten und den alten Spruch „Keine Experimente!“ die meiste Zeit beiseite legen, verlieren können sie nicht mehr so viel. Aber gewinnen schon.

Auch bin ich von den ganzen Richtungsstreits sehr verwirrt – ja, richtig! Es gibt nicht nur einen, sondern zahlreiche Spannungsfelder, in denen sich die Partei bewegt.

Soll man sich auf konkrete Inhalte und Positionierungen konzentrieren, oder lieber auf Meta-Themen wie die Veränderung des Politikbetriebes und die Verbesserung der Demokratie? Professionalisierung oder Andersartigkeit?

Parteien

An diesen Konfliktlinien fällt auf, dass sie alle zwischen dem Weg etablierter Parteien und dem einer Bewegung entscheiden müssen. Während die Organisationsform der Partei am Anfang noch sehr motivierte und hilfreich war. Doch wie das eben auch bei Noten ist: Die Motivation lässt nach, wenn die Noten – respektive Wähler – nachlassen.

Cool wäre natürlich, wenn die Organisationsform Partei funktionieren würde, ohne sich zu verbiegen. Dafür wären dann schleunigst neue Ideen gefordert.Ich bin sehr hin- und hergerissen. Eignet sich einer eine Piraten-Partei oder -Bewegung? Relativ sicher bin ich mir aber, dass der kurze Aufstieg der Piraten längerfristig eine neue politische Bewegung geprägt hat. Wie seht ihr das?

So, ich hoffe, dass ich nichts vergessen habe. Wahrscheinlich könnte ich noch einen Artikel zu diesem Thema schreiben. Ihr auch (unten in den Kommentaren)?

Gute Fragen #2

Man fragt nie aus. Nur wer viel fragt, kommt dazu, nachzudenken. Darum kommen hier auch heute wieder einige Fragen:

  • Bekämpft man Intoleranz besser mit Toleranz oder Intoleranz?
  • Kann man Software schreiben, die erwiesenermaßen sicher ist?
  • Wie lautet das Supergrundrecht?
  • Gibt es irgendwo ’ne Talkshow, in der man sich ausreden lässt?
  • Was würde ich ändern, wenn ich nur noch ein Jahr zu leben hätte?
  • Wer sind die Piraten?
  • Was muss einem Menschen passieren, damit er sich radikalisiert und andere Menschen umbringt?
  • Kann ein Mensch grundsätzlich böse sein?
  • Wer hat bei uns tatsächlich die Macht?
  • Gibt es soziale Gruppen, die auf Privatsphäre angewiesen sind?

Stellt euch vor es ist Krieg und keiner geht hin? Geht das?

Am 24. Dezember 1914 bekamen viele Soldaten Weihnachtsgeschenke aus ihrer Heimat und die Sehnsucht nach etwas Ruhe wurde immer größer. Zwischen den Kriegsgegnern wurde vereinbart, dass man die Gefallenen bergen konnte und nicht geschossen werden sollte. Nachdem die Toten weggebracht wurden, begannen die ersten verfeindeten Soldaten miteinander zu sprechen. Sie begannen sich gegenseitig schöne Weihnachten zu wünschen und kein Soldat hatte im Moment das Bedürfnis, wieder zur Waffe zu greifen. Die deutschen Soldaten stellten kleine Tannenbäume, die sie aus ihrer Heimat erhalten hatten, auf die Gräben und zündeten Kerzen an. Auf beiden Seiten fingen plötzlich Soldaten an, Weihnachtslieder zu singen und immer mehr Soldaten verließen ihre Stellungen. Was sich bald im Niemandsland (zwischen den Gräben liegendes Gelände) abspielen sollte, war unfassbar.

Quelle. Kaum eine wahre Geschichte hat mich so sehr positiv berührt wie diese, in der die eigentlich verfeindeten Menschen sich zwischen Schützengräben, Toten und Tötungsmaschinerie einfach so in die Arme nehmen. Die Geschichte macht mir Hoffnung, dass man vielleicht sogar solche schrecklichen Zeiten wie den ersten Weltkrieg beerdigen könnte, wenn sich Menschen als Menschen und nicht als Soldaten begegnen.

Im folgenden frage ich mich, wie es um solche Wege zum Frieden und ihre Verwirklichung steht. Das ist sehr relevant, weil man ziemlich Angst kriegen kann, wenn es um die ganzen Eskalationen auf der Welt geht.

Es heißt, dass diese einmalige Situation den Beteiligten gut in Erinnerung geblieben ist, das kann ich auch gut verstehen. Leider konnten die Menschen auf dem Schlachtfeld diesen Zustand nicht fortführen, weil sie „unter Androhung von strengen Disziplinarmaßnahmen“ von ihren Vorgesetzten wieder zur Arbeit gerufen wurden. Dann ging der heftige Krieg noch Jahre weiter als wäre nix gewesen.

Ist also von diesem Tag nichts übrig geblieben? Gibt es eine Chance, dass vielleicht in einem zukünftigen Konflikt so eine Pause zum Dauerzustand werden könnte?

Gegenseitigkeit

Wie gesagt, wurde anschließend (auch für die weiteren Weihnachten des 1. Weltkriegs) etwas ähnliches von den Befehlshabern verboten. Das kann man sich auch heute vorstellen, denn leider ist die deutsche Bundeswehr die einzige Armee, bei der es die Gewissensfreiheit oder etwas Vergleichbares gibt, die Soldaten sich also den Befehlshabern widersetzen dürfen, wenn sie die Kommandos nicht vertretbar finden.

Doch für eine friedliche Lösung braucht es immer zwei Seiten. Wenn die eine Seite die Waffen niederlegt und von der anderen überrollt wird, dann gibt das womöglich auch „Frieden“, aber vielleicht eher so, wie sich Cäsar „Befriedung“ durch Einnahme vorgestellt hat.

Fehlende Gegenseitigkeit ist auch die Schwachstelle, die den Angehörigen einer beliebigen Friedensbewegung angekreidet wird. Wenn wir uns nicht verteidigen, dann bekommt die andere Seite zu viel Macht über uns, so diese Logik, die ja auch etwas Wahres hat, denn solange nicht beide mitmachen, kann der Konflikt nicht aufhören.

Fatal wäre aber genauso arg, in einen „Kriegsfatalismus“ zu verfallen und jedes bisschen Hoffnung auf Frieden aufzugeben. Der Friede lebt ja davon, dass man an ihn glaubt und auf ihn hofft.

 We won’t bomb your country

Wahrscheinlich kann man den Frieden nicht planen, sondern muss die Menschen von ihm überzeugen. Das war wahrscheinlich auch die Idee hinter dem Projekt „Iran-Loves-Israel„.

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Das erste Bild des Grafikers Ronny Edry, der die Kampagne ins Leben gerufen hat – Quelle

Das Bild ist während einer Zuspitzung zwischen Israel und dem Iran mit israelischen Drohungen entstanden. Es drückt aus, dass die Bevölkerung den Iranern beisteht, auch wenn Regierung und Militär mit den Säbeln rasseln.

Auch wenn Regierung und Militär die Macht haben, entscheidet im Endeffekt oft das Volk über Krieg und Frieden. Auch die Soldaten gehören zum Volk, und die Feldherren begründen ihre Taten oft mit dem Dienst am Volk.

Weiter lässt das Bild die alte Friedensbewegung wieder ein Stück weit aufleben, nur mit einem neuen Element: Die Friedensbewegung bleibt nicht einseitig, sondern wirkt sich sowohl auf den Iran wie auch auf Israel aus. Und wenn beide Seiten nicht zu Krieg gehen, dann gibt es ihn nicht. Und man lässt die Waffen eher ruhen, wenn man weiß, dass die Gegenseite sie auch ruhen lassen will.

 Die Sache ist nicht gegessen

Keine dieser Ideen bietet die Patentlösung für den Frieden. Wenn es die gäbe, dann bräuchten wir ja keine Waffen mehr. Hoffnung können diese Beispiele schon machen, und die dürfen wir auf keinen Fall verlieren.

Egal, wie man sich zu der Thematik positioniert: Ob man einer Friedensbewegung angehört oder findet, dass man manchmal auch Waffengewalt einsetzen muss, um Schlimmeres zu verhindern, ob man versucht, die Konflikte zu schlichten – wie auch immer. Die Sache ist ganz sicher nicht so klar, um sich gegenseitig aufgrund solcher Positionen Verantwortungslosigkeit, Kriegstreiberei oder Gutmenschentum vorzuwerfen. Vielmehr sollten wir ganz undogmatisch darüber diskutieren.

Wer Lust hat, kann damit in den Kommentaren anfangen. Gratis dazu gibt es dann die Auszeichnung „Erster Kommentar in diesem Blog“ ;o)

Für eine respektvolle Streitkultur I

Wer schonmal in einer Gruppe an einer Sache gearbeitet hat,  kennt garantiert die regelmäßigen Konflikte beim „Menscheln“. Warum ist es eigentlich so schwer für Menschen, andere Menschen als Menschen wahrzunehmen und ihre Situation zu verstehen? Es geht doch meist um echte Kleinigkeiten, in die ich mich auch immer wieder verwickelt sehe – trotzdem bleibt scheinbar keine Chance, die schlechten Gefühle gegenüber einigen Mitmenschen nicht entweder abzuladen oder in sich hineinzufressen.

Warum schreibe ich diesen Beitrag? Ich mache bei einer Arbeitsgruppe mit, die zum ersten Mal in ihrer Geschichte einen echten, nicht-sachlichen Konflikt durchleben muss und dieser Konflikt hat mich dermaßen mitgenommen, dass er mir die erste schlaflose Nacht in meinem kurzen Leben eingebracht hat. (Ich hab‘ mich dann mit ein paar Podcasts auf andere Gedanken zu bringen versucht).

Jedenfalls ist die Ironie, dass es sich bei uns um eine Gruppe handelt, bei der es um die Förderung von sachlichen Diskussionen geht, und jede*r von uns ist auf die eine oder andere Weise echt stark an dem Thema dran und kennt die Problematik – theoretisch. Nach zwei Jahren reibungslosen Arbeitens im Team ist jemand zu uns dazugestoßen, eine echte Bereicherung sowohl durch sein Fachgebiet, das von uns noch niemand abdecken konnte, als auch durch die Ideen und Gedanken. Wir waren mit unseren Vorstellungen zwar sprachlich noch nicht so ganz auf einer Linie, aber ich bin fest überzeugt, dass unsere Grundgedanken sehr ähnlich sind.

Doch dazu kam es nicht. Die Person ist mit einem anderen Mitglied in die Haare geraten, das es anscheinend verstand, sich etwas missverständlich auszudrücken. Rein sachlich war für mich zumindest klar, dass die kritischen Fragen und Mails an unser neues Mitglied so wenig persönlich wie böse gemeint waren, aber ich kann es schon verstehen, wenn sich jemand auf der Gefühlsebene davon verletzt fühlt.

So kam es, dass die Situation beim ersten Schlichtungsversuch schon eskalierte. Ich für meinen Teil kann es nur halbwegs rekonstruieren, aber ich glaube, dass es viel gebracht hätte, wenn das neue Mitglied dann nicht jeglichen Klärungsversuch auf sachlicher Ebene verweigert und auf dem alleinigen Recht beharrt hätte. Das Problem ist nicht, dass es nicht Recht haben könnte, sondern dass es darum doch noch gar nicht geht!

Es geht um Deeskalation. Wir sind ca. fünf Personen, da muss man doch nicht immer gleich mit der Keule kommen, wenn sich jemand vielleicht eventuell potentiell daneben benommen haben gekonnt haben könnte. Wir kennen uns fast alle schon sehr gut, da kann man doch etwas Vertrauen erwarten, dass man nicht immer in allem einen persönlichen Angriff sieht.

Auf der anderen Seite wäre es wahrscheinlich auch nicht schlecht gewesen, über den eigenen Schatten zu springen und sich einfach mal zu entschuldigen, auch für die Dinge, für die man sich gar nicht verantwortlich fühlt, solange es für einen selbst keine allzu großen Auswirkungen hat. Man kann sich ja auch dafür entschuldigen, dass man versehentlich jemanden gekränkt hat. Mit der Beteuerung, dass man versucht, sich in Zukunft anders auszudrücken. Ich würde die Chance nicht vernachlässigen, dass sich die Lage dadurch arg entspannt, und man damit vielleicht auch die Gefühle wieder etwas positiver werden lässt. Das wäre die wahre Win-Win-Situation!

Soweit die Theorie, die Praxis ist mal wieder kreativer: Während das neue Mitglied dem anderen Menschenrechtsverletzungen und mangelnde Reflexion vorwirft, wartet dieses wiederum mit einer Art von paranoider Persönlichkeitsstörung auf, weil ja offensichtlich völlig die Kritikfähigkeit fehle. Bitte nicht den Popcornpiraten oder so weitersagen.

Und jetzt wieder die große Ironie: Unser neues, von mir wirklich sehr geschätztes Mitglied kommt doch tatsächlich aus dem Psychologie-Studium und verwickelt sich mal schnell in eine psychologisch schwierige Situation. Irgendwie erinnert mich das auch an die Story von dem Mediator, der beim Streit total ausrastet (wahre Geschichte!). Ich könnte mir gut vorstellen, dass gerade Experten häufig „Leichtsinnsfehler“ machen, und Menschen, die meinen, sich genug mit Selbstreflexion zu beschäftigen, diese durch die Hintertür dann doch vernachlässigen. Gerade, weil sie wissen, dass sie Experten sind.

In meinen aufrichtig gut gemeinten Schlichtungsversuchen ist mir dann vorgeworfen worden, selbst Dinge zu „bagatellisieren“ und Totschlagargumente eher einzusetzen als Reflexion – und kühl und unmenschlich zu reagieren, obwohl ich aus eigener Sicht nur versucht habe, auf einer sachlichen Ebene zu bleiben.

Doch das Schlimmste ist, auch, wenn ich selbst es natürlich nicht glaube, dass das womöglich sogar stimmt. Woher soll man denn wissen, ob einem selbst die Reflexion fehlt? Wie erkennt man, wann man träumt, und wie, wann man wach ist?