Battlecard Demokratie: Rousseau

Herzlich Willkommen zum ersten Beitrag der Serie „Battlecards Demokratie„. Ziel wird sein, die verschiedenen Vertreter der ganzen Konzepte zur Demokratie vorzustellen. Mein Augenmerk wird darauf liegen, wie diese Leute geprägt wurden und wie sie gedacht haben, um den damaligen gesellschaftlichen Kontext nicht zu vernachlässigen. Sonst zieht man falsche Schlüsse, wenn man ihre Gedanken in die Moderne überträgt.

Ab der zweiten Folge werde ich auch nicht mit Vergleichen und Verknüpfungen geizen – es sollte euch dann möglich werden, anhand dieser „Battlecards“ die verschiedenen Sichtweisen zu erkennen.

Wie ihr sowieso schon dem Namen entnommen haben werdet, geht es heute um Rousseau. Neben Montesquieu war er einer der französischen Vordenker unserer Demokratie, aber nicht unumstritten, was ihn noch interessanter macht!

 Rousseaus Kurzbio

(Frei nach: Wikipedia 😉

Jean-Jaques Rousseau
Lockenkopf, ganz wie seine Zeitgenossen: Jean-Jaques Rousseau

1712 gerade so auf die Welt gekommen, stirbt nur wenige Tage später seine Mutter.

Als Kind hat Jean-Jaques sehr viel Spaß am Lesen, den er wohl auch von seinem viel vorlesenden Vater hat. Leider muss auch sein Vater sich nach zehn Jahren von Jean-Jaques verabschieden, weil er einen Polizisten verletzt hat.

Jean-Jaques geht es auch weiter nicht gut in der Kindheit. Er wird zwei Jahre von einem Pfarrer aufgenommen, aber dort wird er körperlich misshandelt. Er ist ein Sonderling. Wie soll er Freundschaften schließen, wenn die ganzen Gleichaltrigen andere Hobbys haben als er?

Während die anderen also normalen Beschäftigungen nachgehen, verschlingt Jean-Jaques lieber noch ein paar Bücher. Auch träumt er gerne, was ja auch verständlich ist, in der echten Welt ist er ja anscheinend nicht so willkommen, muss ihm scheinen.

Während aus Jean-Jaques der erwachsene Rousseau wird, geht es ihm immer noch nicht anders. Darum beschließt er, sich auf Wanderschaft zu begeben.

Glücklicherweise trifft er hin und wieder Leute, die ihn einstellen oder ihm eine Wohnung geben, die er ganz allein wohl nie bekommen hätte. Rousseau findet nämlich nie einen dauerhaften Job – was auch damit zu tun haben könnte, dass Rousseau sich lieber auf die Musik und Literatur konzentriert. Dabei bleibt er immer abhängig von seinen Mitmenschen.

Er scheint sehr kreativ zu sein, denn dabei kommt er auch recht gut an. Eine seiner Schriften macht ihn dann sogar in ganz Europa bekannt!

Doch Rousseau lässt sich davon nicht beirren. Weiterhin lebt er lieber als Sonderling, denn er kritisiert immer schärfer die Gesellschaft und macht sich auch sonst mehr Feinde als Freunde (und Freunde zu Feinden). Dabei bekommt er immer wieder eine Hand zugestreckt, die ihm seinen Lebensunterhalt sichern könnte.

Innerhalb von sechs Jahren schreibt er dann stattdessen die Bücher, die ihn heute so bekannt machen, damals aber zu seiner Verfolgung führen…

 Gedanken

Zum einen wäre da der Roman Émile. Rousseau hat ihn mit pädagogischem Hintergedanken geschrieben, um den Leuten klarzumachen, dass man Kinder eher in der Natur als in der Zivilisation aufziehen sollte, damit sie die Freiheit zu schätzen lernen so wie er.

Es macht ja auch Sinn, dass Rousseau die Zivilisation nicht so arg schätzt. Schließlich hat er sich in ihr ja nie so ganz wohlgefühlt.

Wichtig ist, dass dort schon vom Gesellschaftsvertrag die Rede ist. Mehr dazu erzählt Rousseau in seinem anderen, gleichermaßen verbotenen Buch Du Contrat Social. Laut Rousseau braucht es einen Vertrag zwischen den Menschen, auf den sich alle gemeinsam einigen und an den sich alle halten sollen/wollen, weil er allen dient (vergleichbar mit einem allgemeinen Gesetz).

Gemein- und Gesamtwohl

Um diesen Vertrag zu schließen, muss man erst mal wissen, wie man das tut. Der Vertrag soll ja allen dienen, was nicht so trivial sein sollte. Bevor wir Rousseaus Ansatz durchgehen, möchte ich gerne noch ein bisschen theoretischen Background schaffen:

Rousseau unterscheidet nämlich gerne zwischen dem Gemeinwohl und dem Gesamtwohl. Ich verstehe den Unterschied so, dass man sich Gesamtwohl als Verhandlungsergebnis oder Summe der Interessen vorstellen kann – demnach ist jeder auf seinen Vorteil bedacht und dann wird verhandelt.

Dagegen – und das ist entscheidend! – ist das Gemeinwohl, was allen zu Gute kommt. Es geht hier nicht um Verhandlung, es geht darum, einen kooperativen Weg in Richtung Gemeinwohl zu beschreiten.

Wie das genau geht, hat Rousseau wahrscheinlich nicht beschrieben, aber ich könnte mir gut die Diskussion als Mittel der Wahl vorstellen. Man sucht also gemeinsam danach, was jetzt wohl für alle am besten ist, statt nur zu seinem eigenen Vorteil zu verhandeln.

Gesamtwohl: Interessenvertretung und Verhandlung. Gemeinwohl: gemeinsames Ziel und Diskussion.

Menschenbild

Wenn Rousseau nicht Rousseau wäre, sondern Thomas Hobbes, dann würde er das wahrscheinlich nicht so sehen. Hobbes nämlich war, aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen, der Meinung, dass Menschen grundsätzlich nur nach sich selbst schauen – oder in seinen eigenen Worten:

„Der Mensch ist dem Menschen Wolf.“ (homo homini lupus)

Hobbes kam deshalb nicht zu dem Schluss, dass die Menschen fähig sind, ihre Zukunft selbstständig in Kooperation zu beschließen, sondern dass es dafür einen starken Anführer braucht, der ihnen die Freiheit „abnimmt“.

Rousseau war da aber ganz eindeutig eher das andere Extrem, indem er die Meinung vertrat, dass die Menschen im Naturzustand, fern von jeder Zivilisation und jeder Unfreiheit, zu anderen Menschen grundsätzlich nett sind.

Auf den Einwand, dass man davon aber wenig mitbekommt, ist seine Antwort, dass die Menschen durch die Zivilisation eingeengt und korrumpiert werden und in der Folge nicht mehr nach dem Gemeinwohl streben. Wenn der Mensch damit aufwächst, von anderen Menschen unterdrückt zu werden, macht er das irgendwann auch, so sein Gedanke. Aber niemand ist einfach so böse, ohne, dass er sich unter Druck gesetzt fühlt.

Direkter Demokratiephilosoph über direkte Demokratie

Wie schon erwähnt, war Rousseau ja ein sehr direkter Mensch, wovon er nicht gerade profitiert hat. Aber nicht nur das: Er war auch der Begründer der direkten Demokratie.

Während seine Philosophenkollegen wie Montesquieu von einer repräsentativen Demokratie mit gewählten Volksvertretern sinnierten, hatte er etwas anderes im Sinn.

Die Bürger sollten ohne Umwege die Entscheidungen selbst treffen.

Ich kann ja nicht in seinen ehemaligen Kopf schauen, aber es gibt dafür schon auch Gründe. So wird der Wille des Volkes auf diese Weise nicht verfälscht.

Dabei ist der Knackpunkt in dieser Diskussion nur, wie viel Macht man dem Willen des Volkes geben will. Rousseau war der Meinung, dass das Volk das Gemeinwohl im Sinn hat, solange es seine Grundbedürfnisse befriedigt hat, also jeder überleben kann und sozial integriert ist.

(Wir dagegen setzen dem Volkswillen mit dem Grundgesetz Schranken, weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass der Volkswillen nicht immer Gemeinwohl bedeutet.)

Als Ideal würde er einstimmige (Konsent-)Abstimmungen über Gesetze usw. ansehen, die er aber selbst für unrealistisch hält. Er geht aber davon aus, dass auch Mehrheitsentscheidungen funktionieren, solange es den Menschen gut geht.

 Die Krux mit der Wahrheit

Es scheint, als würde Rousseau das Problem weniger im Finden des Gemeinwohls sehen, als darin, dass die Leute sich wirklich danach richten.

Dabei ist das Finden sicherlich genauso schwer. Viele Philosophen haben sich schon die Zähne daran ausgebissen, wie ein gerechter Staat aussähe. Man könnte mit ihren Namen einen ganzen Artikel füllen! Rousseau selbst hat das kaum versucht, vielleicht hat er es sich deshalb so einfach vorgestellt.

Es geht doch schon mit der Gerechtigkeit los. Was ist denn nun gerecht? Jeder Bürger zahlt den gleichen Betrag als Steuer? Die Reichen sollen aber mehr bezahlen!, höre ich jetzt viele denken. Oder denkt doch mal ans Bedingungslose Grundeinkommen

Vielleicht sollten wir endlich einsehen, dass niemand die Wahrheit gefunden hat, zumindest kann sich niemand sicher sein. Und niemand kann beweisen, dass er die Wahrheit hätte. Oder die perfekte Staatsform.

Denn wer sich der Wahrheit zu sicher ist, der geht für sie auch über Leichen. Super erkennbar ist das am real existierenden Kommunismus. Da waren sich Menschen so sicher, die ultimative Lösung für die Probleme der Menschheit gefunden zu haben, dass sie alle umgebracht haben, die sich dagegen aufgelehnt haben. Diese Staaten haben Rousseaus Logik auf eine gewisse Weise missbraucht, indem sie ihre persönliche Meinung als Gemeinwohl verkauft haben.

Andere Meinungen waren für sie nur Lüge und Heuchelei, obwohl sie in Wirklichkeit ehrlich vertreten wurden.

Fazit

Rousseau hatte ein optimistisches Menschenbild, nach dem der Mensch ans Gemeinwohl denkt, wenn er nur nicht unter Druck steht.

Darum hat er auch darin vertraut, dass Menschen, wenn sie selbst über ihre Angelegenheiten abstimmen, „die“ Lösung zur Umsetzung des Gemeinwohls unterstützen werden.

Die Idee, dass die Menschen fähig sind, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln, ist mit dem Begriff Volkssouveränität bis heute wichtig.

So, das war’s jetzt nach ca. 1400 Wörtern mit Rousseau. Schreibt mir doch bitte endlich mal ein Feedback, wie ihr diesen Artikel findet und was eure Anregungen zum Thema sind!

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