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Ist Abgrenzung für den Zusammenhalt alternativlos?

Es gibt keine Playlist, in der man keine Songs überspringen will, das musste ich irgendwann einsehen. Ihr kennt das bestimmt auch: Mühsam stellt man sich eine Playlist mit den Songs zusammen, die man im Radio immer gern hört, aber beim Abspielen verspürt man immer den fürchterlichen Drang, die „schlechteren“ wieder auszusortieren. Ich jedenfalls bin dazu übergegangen, absichtlich weniger gute Songs zwischen die guten zu packen, damit sich die guten von denen abheben können.

Rein sachlich betrachtet hat sich auch Bismarck dieses Prinzip bei der Einigung von Deutschland zu Eigen gemacht, als er den Krieg gegen Frankreich angezettelt hat. Die Devise lautete: Wenn du inneren Frieden willst, brauchst du einen äußeren Feind, von dem du dich abheben kannst.

Für all diejenigen unter uns, die eine Vision von einer vereinten Welt haben, in der alle Menschen zusammenhalten, sind das düstere Aussichten. Denn wenn man sich immer mit irgendwem verfeinden muss, dann ist so ein weltumspannener Friede nicht so leicht. Bismarck ist ganz sicher keine Option für den weltweiten Frieden. Aber trifft diese Regel überhaupt zu – und wenn ja, wie viele Ausnahmen gibt es dann?

Von der Playlist zur Identitätsbildung

Weil ich ja momentan noch knapp an der Achtzehn vorbeischramme, könnte man sagen, dass ich mich als Jugendlicher gerade in einer Phase der Identitätsfindung befinde.

Dabei bin ich eher so ein Typ, der Feindschaften gerne aus dem Weg geht.

Meist fahre ich damit ganz gut und man kann mit Fug und Recht behaupten, dass Feindschaften nicht gerade konstruktiv sind. Man kann von der Sichtweise seiner „Feinde“ auch viel lernen, wenn man mal deren Situation verstanden hat.

Nur manchmal ist so ein Leben auch ziemlich langweilig. Man lernt mehr in Konflikten und wer Feinde hat, kann sich auch gut durch Abgrenzung von „denen“ definieren, also identifizieren. Vielleicht könnten mir ein paar Feinde ja ganz gut tun? (Ich persönlich finde aber die Nachteile von Feinden ziemlich überwiegend.)

Zu denken geben könnte auch, dass der Begriff Definition selbst übersetzt „Abgrenzung“ bedeutet. !!!

Weil jeder Artikel mindestens eine steile These braucht, um lesenswürdig zu sein, sollte jetzt die aufgestellt werden, dass Bismarck sich das ähnlich gedacht hat. Zu seiner Zeit bestand Deutschland aus zahllosen Miniländern, die sich lieber untereinander gezofft und verzollt haben als zusammenzuarbeiten. Könnte ja sein, dass eine gemeinsame Identität gefehlt hat?

Von der Vergangenheit zurück in die Gegenwart

Das war einmal. Sind diese Mechanismen denn im Moment immer noch im Gange?

Weit verbreitet ist auf jeden Fall die Theorie, dass außenpolitische Probleme Regierenden ein willkommenes Mittel sind, um von innerer Schwäche abzulenken. Gerade erst haben einige verlauten lassen, dass Frankreichs Außeneinsätze ihre eigentliche Ursache in Hollandes politischer Schwäche haben.

Egal, ob das in diesem Fall der Wahrheit entspricht, es ist wohl nicht verfehlt zu sagen, dass äußere Probleme von den inneren ablenken. Und wenn mich nicht alles täuscht, dann ist die erste Favoritin für Merkels Nachfolge rein zufällig die Ministerin für militärische Belange¹?

Von Paris nach Babel

Bleiben wir mal in der Gegenwart und denken an Demos. Erfolgreich waren doch fast nur Demos, die eine sehr allgemein gefasste Zielsetzung hatten – aber meistens die, die gegen etwas waren!

Das liegt natürlich daran, dass jede konkrete Lösung nicht so viele Unterstützer bekäme. Man kann das mit der Situation der verschlüsselten Messenger-Apps vergleichen, die mit einer wahnsinnigen Balkanisierung zu kämpfen haben. Die einen nutzen Threema, andere ChatSecure, Telegram oder Kontalk. Das schwächt die Bewegung. Einig sind sich alle nur darin, gegen WhatsApp zu sein. Die Verwirrung wirkt wie beim Turmbau zu Babel.

Aha. Das bedeutet also, dass vor allem die Aktionen Erfolg haben, die sich gegen irgendwas richten. Wieder einmal scheint sich Zusammenhalt durch Abgrenzung zu bewähren!

Aus dem Dunkel auf der Suche nach dem Hoffnungsschimmer

Zu einem guten Artikel gehört auch, nicht nur eine düstere Zukunft zu malen, sondern sich auch nach Lösungsansätzen umzuschauen.

Halten wir fest, dass Menschen offenbar den Drang haben, sich von irgendwas abzugrenzen. Einen Feind zu haben, um eine Identität zu entwickeln. Um sich von jemandem abzuheben. Solange Menschen Menschen anfeinden, ist Friede kaum möglich.

Die Welt ist aber glücklicherweise so komplex, dass es immer „dritte Wege“ gibt. So gibt es eben nicht nur Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Kommunismus und Kapitalismus. Auch in diesem Fall glaube ich, dass es Auswege aus unserem Problem gibt.

Wie wäre es zum Beispiel, dieses Problem durch einen psychologischen Trick zu umgehen? Man könnte den wütenden Mob doch auf eine Sache oder einen virtuellen Feind hetzen. Oder, wie Karl Popper mal gesagt hat, Ideen statt Menschen köpfen. Hätte den einleuchtenden Vorteil, dass die gesamte Menschheit sich gegen einen Feind verbünden könnte, der nicht zur Menschheit gehört.

Weil Menschen sich ja bekanntlich lieber auf Personen als Ideen stürzen (wie Klatschmagazine treffend aufzeigen), könnte ich mir gut vorstellen, wie Ideen von fiktiven Personen vertreten werden könnten, die dann „geköpft“ werden können. Dafür könnte man sich so etwas wie die Anonymous-Maske vorstellen, nur eben nicht als Anführer in Szene gesetzt, sondern als Widersacher. Das klingt jetzt aber schon sehr nach Science-Fiction.

Worum könnte es sich sonst noch handeln? Was denkt ihr?

Ein anderer Weg wäre, den Kriegsschauplatz zu verlagern, vom Schlachtfeld in die Diskussion. Das ist ja auch das, was Demokratie versucht, denn sie versucht ja, Konflikte zu lösen, ohne dafür immer Krieg zu führen.

Mit unserer Demokratie wurde diese Methode also schon teilweise mit Erfolg erprobt, interessant wäre aber, inwieweit man diesen Erfolg von der Landesebene auf den ganzen Globus ausdehnen könnte.

Please don’t forget the Kommentarspalt, I won’t give your private data to NSA (or BND).

 

¹) Unabhängig von der Bewertung dieser militärischen Belange sollte man doch so ehrlich sein, das nicht nur Verteidigung zu nennen.

Stellt euch vor es ist Krieg und keiner geht hin? Geht das?

Am 24. Dezember 1914 bekamen viele Soldaten Weihnachtsgeschenke aus ihrer Heimat und die Sehnsucht nach etwas Ruhe wurde immer größer. Zwischen den Kriegsgegnern wurde vereinbart, dass man die Gefallenen bergen konnte und nicht geschossen werden sollte. Nachdem die Toten weggebracht wurden, begannen die ersten verfeindeten Soldaten miteinander zu sprechen. Sie begannen sich gegenseitig schöne Weihnachten zu wünschen und kein Soldat hatte im Moment das Bedürfnis, wieder zur Waffe zu greifen. Die deutschen Soldaten stellten kleine Tannenbäume, die sie aus ihrer Heimat erhalten hatten, auf die Gräben und zündeten Kerzen an. Auf beiden Seiten fingen plötzlich Soldaten an, Weihnachtslieder zu singen und immer mehr Soldaten verließen ihre Stellungen. Was sich bald im Niemandsland (zwischen den Gräben liegendes Gelände) abspielen sollte, war unfassbar.

Quelle. Kaum eine wahre Geschichte hat mich so sehr positiv berührt wie diese, in der die eigentlich verfeindeten Menschen sich zwischen Schützengräben, Toten und Tötungsmaschinerie einfach so in die Arme nehmen. Die Geschichte macht mir Hoffnung, dass man vielleicht sogar solche schrecklichen Zeiten wie den ersten Weltkrieg beerdigen könnte, wenn sich Menschen als Menschen und nicht als Soldaten begegnen.

Im folgenden frage ich mich, wie es um solche Wege zum Frieden und ihre Verwirklichung steht. Das ist sehr relevant, weil man ziemlich Angst kriegen kann, wenn es um die ganzen Eskalationen auf der Welt geht.

Es heißt, dass diese einmalige Situation den Beteiligten gut in Erinnerung geblieben ist, das kann ich auch gut verstehen. Leider konnten die Menschen auf dem Schlachtfeld diesen Zustand nicht fortführen, weil sie „unter Androhung von strengen Disziplinarmaßnahmen“ von ihren Vorgesetzten wieder zur Arbeit gerufen wurden. Dann ging der heftige Krieg noch Jahre weiter als wäre nix gewesen.

Ist also von diesem Tag nichts übrig geblieben? Gibt es eine Chance, dass vielleicht in einem zukünftigen Konflikt so eine Pause zum Dauerzustand werden könnte?

Gegenseitigkeit

Wie gesagt, wurde anschließend (auch für die weiteren Weihnachten des 1. Weltkriegs) etwas ähnliches von den Befehlshabern verboten. Das kann man sich auch heute vorstellen, denn leider ist die deutsche Bundeswehr die einzige Armee, bei der es die Gewissensfreiheit oder etwas Vergleichbares gibt, die Soldaten sich also den Befehlshabern widersetzen dürfen, wenn sie die Kommandos nicht vertretbar finden.

Doch für eine friedliche Lösung braucht es immer zwei Seiten. Wenn die eine Seite die Waffen niederlegt und von der anderen überrollt wird, dann gibt das womöglich auch „Frieden“, aber vielleicht eher so, wie sich Cäsar „Befriedung“ durch Einnahme vorgestellt hat.

Fehlende Gegenseitigkeit ist auch die Schwachstelle, die den Angehörigen einer beliebigen Friedensbewegung angekreidet wird. Wenn wir uns nicht verteidigen, dann bekommt die andere Seite zu viel Macht über uns, so diese Logik, die ja auch etwas Wahres hat, denn solange nicht beide mitmachen, kann der Konflikt nicht aufhören.

Fatal wäre aber genauso arg, in einen „Kriegsfatalismus“ zu verfallen und jedes bisschen Hoffnung auf Frieden aufzugeben. Der Friede lebt ja davon, dass man an ihn glaubt und auf ihn hofft.

 We won’t bomb your country

Wahrscheinlich kann man den Frieden nicht planen, sondern muss die Menschen von ihm überzeugen. Das war wahrscheinlich auch die Idee hinter dem Projekt „Iran-Loves-Israel„.

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Das erste Bild des Grafikers Ronny Edry, der die Kampagne ins Leben gerufen hat – Quelle

Das Bild ist während einer Zuspitzung zwischen Israel und dem Iran mit israelischen Drohungen entstanden. Es drückt aus, dass die Bevölkerung den Iranern beisteht, auch wenn Regierung und Militär mit den Säbeln rasseln.

Auch wenn Regierung und Militär die Macht haben, entscheidet im Endeffekt oft das Volk über Krieg und Frieden. Auch die Soldaten gehören zum Volk, und die Feldherren begründen ihre Taten oft mit dem Dienst am Volk.

Weiter lässt das Bild die alte Friedensbewegung wieder ein Stück weit aufleben, nur mit einem neuen Element: Die Friedensbewegung bleibt nicht einseitig, sondern wirkt sich sowohl auf den Iran wie auch auf Israel aus. Und wenn beide Seiten nicht zu Krieg gehen, dann gibt es ihn nicht. Und man lässt die Waffen eher ruhen, wenn man weiß, dass die Gegenseite sie auch ruhen lassen will.

 Die Sache ist nicht gegessen

Keine dieser Ideen bietet die Patentlösung für den Frieden. Wenn es die gäbe, dann bräuchten wir ja keine Waffen mehr. Hoffnung können diese Beispiele schon machen, und die dürfen wir auf keinen Fall verlieren.

Egal, wie man sich zu der Thematik positioniert: Ob man einer Friedensbewegung angehört oder findet, dass man manchmal auch Waffengewalt einsetzen muss, um Schlimmeres zu verhindern, ob man versucht, die Konflikte zu schlichten – wie auch immer. Die Sache ist ganz sicher nicht so klar, um sich gegenseitig aufgrund solcher Positionen Verantwortungslosigkeit, Kriegstreiberei oder Gutmenschentum vorzuwerfen. Vielmehr sollten wir ganz undogmatisch darüber diskutieren.

Wer Lust hat, kann damit in den Kommentaren anfangen. Gratis dazu gibt es dann die Auszeichnung „Erster Kommentar in diesem Blog“ ;o)

Warum wir vom Philosophieren profitieren!

Hör auf zu philosophieren und komm endlich zur Sache„, hört oder spürt man oft, wenn man in einer Diskussion mal etwas tiefer einsteigen will. Schade – denn das Philosophieren könnte einen großen Beitrag zu unserer Bildung leisten. Lest selbst…

Die Bildung kriselt

Eine ganze Weile hin ist der Bologna-Prozess jetzt schon und er hat auch schon einige Wirkung erzielt – die gewünschte?

Sowohl Studenten als auch einige Professoren haben wohl nicht wirklich davon profitiert. Vielmehr hat eine schnelle Ökonomisierung der Hochschulen an Fahrt aufgenommen.

Gerade lese ich zu diesem Thema das kurze Essay Warum unsere Studenten so angepasst sind von Christiane Florin, die selbst als Professorin als „Insider“ bezeichnet werden könnte. Dabei habe ich das Gefühl, dass die Hochschulen und Unis immer mehr zu den noch weiter führenden Schulen werden. Das würde bedeuten, dass viele studentische Freiheiten und das studentische Lebensgefühl durch das dumpfe Gefühl ersetzt werden, wenn man an den nächsten Schultag mit der Matheklausur denkt!

Bildungs-MindMap von Sven Sönnichsen zum Soziopod „Was muss passieren, damit aus Wissen Bildung wird?“

Statt die Bildung zu fördern, geht es folglich nur noch um die Ausbildung. Denn Bildung ist die Arbeit an dem eigenen Verhältnis zur Welt, zumindest, wenn man auf Peter Bieri hört.

Beispielsweise hatten wir letztens in der Schule eine Stunde Gemeinschaftskunde zum Asylrecht und Flüchtlingen. Den Unterricht kann man auf verschiedene Weisen gestalten: Man kann zum Beispiel das Asylrecht in Deutschland vorstellen und sagen, dass die genaue Funktionsweise Teil der nächsten Arbeit ist. Oder man kann uns Schüler ins Asylrecht einweihen und anschließend gemeinsam Hintergründe erarbeiten. Darüber diskutieren.

Dreimal dürft ihr raten, wie die Stunde verlief.

Ich mache meinem Lehrer überhaupt keine Vorwürfe, er hat auch versucht, Hintergründe zu liefern. Was hätte er tun sollen? Gegen die Vorschriften verstoßen und den Lehrplan ignorieren? Wenn er das nicht tut, ist er gezwungen, Diskussionen noch im Keim zu ersticken, um „mit dem Stoff durchzukommen“.

Bildung würde motivieren

Ausbildung demotiviert.

Zu Beginn der fünften Klasse war Mathe ein cooles Fach, weil es noch niemandem Probleme machte, aber das ist inzwischen anders geworden.

Heute, ungefähr fünf Jahre später, genießt Mathe den Ruf, den es überall genießt, und der Grund dafür ist aus meiner Sicht nicht das natürliche Wesen der Mathematik, sondern der brutal angestiegene Leistungsdruck, der sich nur noch mit rein ökonomischen Gründen erklären lässt:

Deutschland muss endlich dem Chinesen zeigen, was es wirtschaftlich drauf hat. Deutschland muss endlich so wie der Chinese mehr Leistung in die Schule bringen. Deutschland hat Fachkräftemangel. Ah ja?

Und was bringen rein leistungsorientierte Schoßhündchen, die nie gelernt haben, eigenständig zu denken oder gar kreativ zu sein, in einer Welt, in der Ideen und Innovation viel entscheidender sind als die reine Fließbandarbeit? Und die werden dann von der Gesellschaft „Fachkraft“ geschumpfen?

Und wo bleibt eigentlich der Mensch und seine Persönlichkeit? Man kann nicht zur Demokratie ausbilden, höchstens zur marktkonformen.

Die Philosophie betritt das Feld

Zur Bildung gehört die Fähigkeit zur Reflexion, diese außerordentliche Fähigkeit, über sich selbst nachzudenken und auch darüber, in welcher Beziehung man mit seiner Welt steht.

Es geht darum, über Dinge nachzudenken, Ideen zu suchen und Lösungen zu verfolgen, und zwar nicht zweckrational, nicht mit der Aussicht darauf, diese Gedanken gleich zu Geld zu machen, auch nicht nur mit dem Plan, den politischen Gegner kleinzureden. Tatsächlich geht es um die persönliche Suche nach Erkenntnis.

Vielleicht wird jetzt die enge Kopplung zwischen Philosophie und Bildung klar. Die Philosophie hätte dafür etwas mehr Anerkennung verdient.

Philosophie als Pflichtfach?

Nee, lass mal. Sonst wird die auch noch so leistungs- und pflichtbetont. Dabei kann man Bildung doch niemandem aufzwingen, anders als Wissen.

Wirksamer sind spannende und interessante Angebote wie zum Beispiel eben der Soziopod, von dem ich es jetzt ja schon oft hatte. Als unverzichtbarer Bestandteil meiner persönlichen Blogroll ist es ihm gelungen, philosophische und gesellschaftswissenschaftliche Themen ansprechend darzustellen – und gleichzeitig als erster Podcast einen Grimme-Online-Award einzuheimsen!

Lasst uns per Graswurzelbewegung mit kreativen Bildungsangeboten gegen die Aus-Bildung vorgehen ;o)

Grundeinkommen nur was für Faule? Von wegen!

Ich fand diesen Podcast mit Hendrik Schröder im Blue Moon sehr interessant, in dem es um das bedingungslose Grundeinkommen ging. Es ist ehrlich eine tolle Leistung, eine Sache ausgewogen wie hier von beiden Seiten zu beleuchten, ich kann für solche Dinge das Format der Podcasts für alle Interessierte nur empfehlen!

Er hat mich auch inspiriert, hier ein paar Gedanken zum BGE aufzuschreiben. Ich werde euch erklären, warum ich ein Befürworter des BGEs bin, aber auch, wo die Streitpunkte liegen, bei denen alle Diskussionen sich auf „Aussage gegen Aussage“ beschränken. Und am Schluss, wie man die Debatte weiterbringen könnte.

Kapitalismus oder Kommunismus?

Ah, die Kommunisten proben mal wieder die Machtübernahme, indem sie mit dem Vorwand Sozialstaat kommen und jedem Bürger genau das gleiche Einkommen geben! Das ist doch Gleichmachung, das kann doch gar nicht klappen, hatten wir das nicht ausdiskutiert?

Wohl eher nicht. Viele Dinge können verunglimpft werden, wenn man behauptet, sie seien kommunistisch. Wie ist das denn mit der Versicherungspflicht? Ist das jetzt schon Kommunismus oder eher Kapitalismus?

Die Bundesrepublik Deutschland hatte zu Gründungszeiten sowohl Politiker des „kapitalistischen“ als auch des „kommunistischen“ Lagers in der Regierung. Zum Glück haben sie sich geeinigt, weder das eine noch das andere in Reinform umzusetzen. Sie haben erkannt, dass die Welt nicht schwarz-weiß ist, und sie haben erkannt, dass es einen Versuch wert wäre, die sogenannte „soziale Marktwirtschaft“ auszuprobieren, die den Markt so einspannen soll, dass es dem Gemeinwohl und dem Sozialstaat dient. Aus diesem Grund haben wir ja auch eine Versicherungspflicht.

Außerdem hat das BGE mit dem Kommunismus höchstens die soziale Ader gemeinsam (die ja im real existierenden K. sowieso fehlt), aber die großen Probleme der zentralisierten Wirtschaft sind beim BGE nicht vorhanden, genauso wie es nicht versucht, Menschen gleichzumachen. Viel eher ist es aus meiner Sicht ein Instrument, um den Menschen die Angst vor der Existenznot zu nehmen und sie damit ohne zentrale Planung freier und eigenverantwortlicher zu machen – doch dazu später mehr.

Das Grundeinkommen stellt lediglich das dar, was man als sogenanntes soziokulturelles Existenzminimum bezeichnet – also das, was man braucht, um (auch sozial und kulturell) überleben zu können. Darüber hinaus kann es trotzdem noch große Unterschiede im Vermögen / Einkommen geben.

Hoffnung

Meine Hoffnung wäre in erster Linie, dass man mit dem BGE die Situation der Arbeitslosen und Geringverdienenden verbessern könnte.

Allerdings bin ich mit der Forderung nach dem Grundeinkommen keinesfalls uneigennützig: Ich denke, dass wir alle, die sich nicht mit Millionen oder Milliarden finanziell absichern können, manchmal gewisse Existenzängste hegen, und würde sogar die steile These aufstellen, dass die finanzielle Gier am Anfang aus dieser Existenzangst und dem Drang nach Absicherung entsteht. Somit könnte das BGE durch die Verminderung dieser Ängste unser aller Lebensqualität verbessern.

Außerdem hätten wir Gelegenheit, unsere Zeit auch mal fürs Ehrenamt statt die Erwerbsarbeit einzusetzen oder künstlerisch tätig zu werden, ohne ans Existenzminimum zu gehen.

Und Geringverdiener kämen in Verhandlungen endlich wieder auf Augenhöhe mit ihren Vorgesetzten, weil sie wieder mit der Kündigung drohen könnten, ohne sich selbst zu gefährden.

Hängematte (=Hartzer) oder hoch motiviert?

Arbeiten wir, weil wir dazu gezwungen werden? Oder brauchen wir die Arbeit, sozial als auch für unsere Psyche, sozusagen zur Abwechslung oder um einen Sinn im Leben zu haben? Und was macht dann die „Unterschicht“, wenn sich ihre Arbeit finanziell nicht (oder eben noch weniger) lohnt?

Ich habe das Gefühl, dass das der am heißesten diskutierte Aspekt ist. Hier herrscht auch deshalb viel dicke Luft, weil es an stichhaltigen Belegen für beide Thesen mangelt –  sowohl für die, dass genügend Menschen weiterarbeiten werden, als auch für die, dass zu viele Leute eigentlich ganz froh wären, wenn sie ebendies nicht mehr müssten.

Weil auch oft der Einwand kommt, warum denn die Menschen überhaupt einen gewissen Teil arbeiten müssen: Wenn zu viele Menschen das Handtuch werfen würden, dann säßen wir wirtschaftlich in der dem Scheibenkleister. Also ist diese Frage schon einen Blick wert.

Kritiker vertreten oft die Position, dass das BGE an diesem Problem scheitern wird. Befürworter halten dagegen, dass die allermeisten Menschen nach eigenen Angaben gern weiterarbeiten würden, aber die faulen Nachbarn doch auf gar keinen Fall!1!! Das könnte man aber auch so interpretieren, dass viele Menschen sich selbst überschätzen und andere Menschen eigentlich ganz gut einschätzen – alles Ansichtssache.

Hartz IV und Klischees

Wenn es um Hartz IV geht, ist es mir ein großes Anliegen, gegen den „Hartzer-Mythos“ vorzugehen. „Die sind doch alle zu faul, die brauchen doch die Kontrollen und das Feuer unterm Hintern„, ist man schnell geneigt zu sagen. Ich möchte dazu nur auf eine kurze Reportage aus dem öffentlich-rechtlichen Radio verweisen – bildet euch bitte eure eigene Meinung!

Und sollen wir das etwa auf Pump finanzieren?

Gut, dass ihr auch diese Frage stellt. Ich hab‘ schon drauf gewartet. Die ist in etwa so kompliziert wie die Frage zuvor und nicht weniger wichtig. Letztendlich sind natürlich alle Ausgaben Prioritätensache und wenn man das BGE wirklich will, dann wird man es auch finanzieren können. Die spannende Frage ist nur, worauf wir dann an anderer Stelle verzichten müssten.

Das Problem ist die Vielzahl an Finanzierungsmodellen, die Frage nach der Finanzierung des BGE ist wie die Frage, welche Farbe denn Blumen im Allgemeinen haben. So wie bei den Blumen gibt es auch beim BGE zahllose Ideen, wie man es finanzieren sollte.

Bei einem BGE von 1000 Euro im Monat hätten wir ungefähr jährliche Kosten von einer Billion Euro.

Das klingt jetzt nach viel und das ist es auch. Ihr müsst aber bedenken, dass aktuelle Sozialleistungen ungefähr drei Viertel davon betragen und ein Großteil davon, wie etwa Arbeitslosengeld, Rente oder Kindergeld, durch ein BGE schon abgedeckt wären.

Außerdem muss es ja keinesfalls so sein, dass dann alle einen Tausender mehr im Monat verdienen – für die allermeisten würde sich wahrscheinlich nicht viel am Einkommen ändern. Dieser Betrag könnte den Arbeitgebern oder Erwerbstätigen mit ausreichendem Gehalt ja wieder vom Einkommen „abgezwackt“ werden, sodass sie wieder ungefähr so viel hätten wie vorher. (Außer bei den Niedriglöhnern, die aufgrund ihrer besseren Verhandlungsposition jetzt fairere Löhne durchsetzen könnten.)

Aber ja, es wird eine Mehrbelastung geben, und es könnte gut sein, dass wie das BGE finanzieren können. Wie es wirklich ist, kann niemand für sich beanspruchen.

Fazit

In diesem Beitrag habe ich natürlich viele Dinge ausgeklammert, um den ohnehin schon langen Text nicht noch weiter aufzublähen. Ich fände es cool, wenn ihr meine Gedanken als Inspiration verwenden und kräftig, aber sachlich die Kommentarspalte zur weiteren Diskussion nutzen würdet.

Hoffentlich ist deutlich geworden, dass viele Streitpunkte sich momentan auf Spekulationsniveau befinden und der Diskurs zu diesen Streitpunkten wohl nur durch praktisches Ausprobieren oder wissenschaftliche Experimente auf den Boden der Tatsachen gebracht werden kann. Es wäre doch mal eine spannende Frage, in welchem Rahmen solche Experimente oder Feldtests durchgeführt werden können, ohne zu großen Schaden zu riskieren. Was meint ihr denn? Könntet ihr euch das vorstellen?

Lasst uns insofern gespannt auf die Schweiz schauen…

Für eine respektvolle Streitkultur I

Wer schonmal in einer Gruppe an einer Sache gearbeitet hat,  kennt garantiert die regelmäßigen Konflikte beim „Menscheln“. Warum ist es eigentlich so schwer für Menschen, andere Menschen als Menschen wahrzunehmen und ihre Situation zu verstehen? Es geht doch meist um echte Kleinigkeiten, in die ich mich auch immer wieder verwickelt sehe – trotzdem bleibt scheinbar keine Chance, die schlechten Gefühle gegenüber einigen Mitmenschen nicht entweder abzuladen oder in sich hineinzufressen.

Warum schreibe ich diesen Beitrag? Ich mache bei einer Arbeitsgruppe mit, die zum ersten Mal in ihrer Geschichte einen echten, nicht-sachlichen Konflikt durchleben muss und dieser Konflikt hat mich dermaßen mitgenommen, dass er mir die erste schlaflose Nacht in meinem kurzen Leben eingebracht hat. (Ich hab‘ mich dann mit ein paar Podcasts auf andere Gedanken zu bringen versucht).

Jedenfalls ist die Ironie, dass es sich bei uns um eine Gruppe handelt, bei der es um die Förderung von sachlichen Diskussionen geht, und jede*r von uns ist auf die eine oder andere Weise echt stark an dem Thema dran und kennt die Problematik – theoretisch. Nach zwei Jahren reibungslosen Arbeitens im Team ist jemand zu uns dazugestoßen, eine echte Bereicherung sowohl durch sein Fachgebiet, das von uns noch niemand abdecken konnte, als auch durch die Ideen und Gedanken. Wir waren mit unseren Vorstellungen zwar sprachlich noch nicht so ganz auf einer Linie, aber ich bin fest überzeugt, dass unsere Grundgedanken sehr ähnlich sind.

Doch dazu kam es nicht. Die Person ist mit einem anderen Mitglied in die Haare geraten, das es anscheinend verstand, sich etwas missverständlich auszudrücken. Rein sachlich war für mich zumindest klar, dass die kritischen Fragen und Mails an unser neues Mitglied so wenig persönlich wie böse gemeint waren, aber ich kann es schon verstehen, wenn sich jemand auf der Gefühlsebene davon verletzt fühlt.

So kam es, dass die Situation beim ersten Schlichtungsversuch schon eskalierte. Ich für meinen Teil kann es nur halbwegs rekonstruieren, aber ich glaube, dass es viel gebracht hätte, wenn das neue Mitglied dann nicht jeglichen Klärungsversuch auf sachlicher Ebene verweigert und auf dem alleinigen Recht beharrt hätte. Das Problem ist nicht, dass es nicht Recht haben könnte, sondern dass es darum doch noch gar nicht geht!

Es geht um Deeskalation. Wir sind ca. fünf Personen, da muss man doch nicht immer gleich mit der Keule kommen, wenn sich jemand vielleicht eventuell potentiell daneben benommen haben gekonnt haben könnte. Wir kennen uns fast alle schon sehr gut, da kann man doch etwas Vertrauen erwarten, dass man nicht immer in allem einen persönlichen Angriff sieht.

Auf der anderen Seite wäre es wahrscheinlich auch nicht schlecht gewesen, über den eigenen Schatten zu springen und sich einfach mal zu entschuldigen, auch für die Dinge, für die man sich gar nicht verantwortlich fühlt, solange es für einen selbst keine allzu großen Auswirkungen hat. Man kann sich ja auch dafür entschuldigen, dass man versehentlich jemanden gekränkt hat. Mit der Beteuerung, dass man versucht, sich in Zukunft anders auszudrücken. Ich würde die Chance nicht vernachlässigen, dass sich die Lage dadurch arg entspannt, und man damit vielleicht auch die Gefühle wieder etwas positiver werden lässt. Das wäre die wahre Win-Win-Situation!

Soweit die Theorie, die Praxis ist mal wieder kreativer: Während das neue Mitglied dem anderen Menschenrechtsverletzungen und mangelnde Reflexion vorwirft, wartet dieses wiederum mit einer Art von paranoider Persönlichkeitsstörung auf, weil ja offensichtlich völlig die Kritikfähigkeit fehle. Bitte nicht den Popcornpiraten oder so weitersagen.

Und jetzt wieder die große Ironie: Unser neues, von mir wirklich sehr geschätztes Mitglied kommt doch tatsächlich aus dem Psychologie-Studium und verwickelt sich mal schnell in eine psychologisch schwierige Situation. Irgendwie erinnert mich das auch an die Story von dem Mediator, der beim Streit total ausrastet (wahre Geschichte!). Ich könnte mir gut vorstellen, dass gerade Experten häufig „Leichtsinnsfehler“ machen, und Menschen, die meinen, sich genug mit Selbstreflexion zu beschäftigen, diese durch die Hintertür dann doch vernachlässigen. Gerade, weil sie wissen, dass sie Experten sind.

In meinen aufrichtig gut gemeinten Schlichtungsversuchen ist mir dann vorgeworfen worden, selbst Dinge zu „bagatellisieren“ und Totschlagargumente eher einzusetzen als Reflexion – und kühl und unmenschlich zu reagieren, obwohl ich aus eigener Sicht nur versucht habe, auf einer sachlichen Ebene zu bleiben.

Doch das Schlimmste ist, auch, wenn ich selbst es natürlich nicht glaube, dass das womöglich sogar stimmt. Woher soll man denn wissen, ob einem selbst die Reflexion fehlt? Wie erkennt man, wann man träumt, und wie, wann man wach ist?