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Das Kartenhaus

Unzufrieden grübelte er vor sich hin.

Der große Bruder hatte die blauen Kärtchen sorgsam aufeinander geschichtet, Stein auf Stein, wieder einen Stein weggenommen, begutachtet und wieder woanders aufgestellt. Er hatte schon andere errichtet, doch sie alle krankten an dem einen Fehler, von dem sein neues und letztes Werk frei war. Er zumindest hatte große Freude an dem neuen Werk gehabt und auch die meisten seiner Freunde von seinen Vorzügen überzeugt.

Netter Versuch, dachte jetzt der Jüngere, nur weil das Ding besser als die vorherigen war, war es noch nicht gut. Sein Bruder verstand sowieso nichts vom Bauen. Ihm fehlten schlicht und einfach die planerisch-theoretischen Fähigkeiten. Darum musste der Angsthase damals auch immer an seinem bestehenden, schlechten – denn nicht perfekten – Häuschen nachbessern. Er hatte sehr daran gehangen.

Aber gut, wenn der Alte nicht die Eier dazu hatte, dann gab es wohl nur noch einen, der zusätzlich zu den Eiern auch noch die passenden Ansätze hatte, um ein für alle Mal ein besseres Häuschen aufzubauen. Er hatte es in Gedanken tausendmal durchgespielt – er war sich hundertprozentig sicher, dass er Erfolg haben würde.

Doch selbst wenn das eine letzte Prozent einträfe: Wäre das denn so schlimm? Der senile Knacker war offensichtlich auch noch sentimental, sonst würde er doch nicht so sehr an den kleinen Pappendeckeln hängen.

Lange hatte er darauf gewartet, er hatte alles auf eine Karte gesetzt, er hatte dafür gekämpft, sein Leben aufs Spiel gesetzt. Der nicht mit ihm verwandte Knacker, der das alte Dingens in einem Moment geistiger Umnachtung hier aufgestellt hatte, hätte alles getan, um seinen ach so kleinen und unbesonnenen Bruder davon fernzuhalten, genau, wie es auch die anderen versucht hatten.

Doch jetzt saß er hier, vor der bläulichen Wand, vor der einst noch das Krampfadergeschwader gesessen hatte. Jetzt hatte er die Karten in der Hand und das Ass im Ärmel. Wenn sein damaliger Bruder bei Sinnen wäre, dann auch in seinem Sinn.

Er konnte es ihnen jetzt zeigen. Zu ihrem eigenen Wohl. Bei dem Gedanken schnippte er unwillkürlich eine Karte weg. Es ertönte ein dumpfes Geräusch von draußen, wahrscheinlich war wieder sein Bruder verantwortlich, der alte Sack!

Triumphierend, wie im Rausch, setzte er mit seinem Zeigefinger erneut an – es war ein großartiges Gefühl! Die große Säuberungsaktion hatte begonnen.

Ja, jetzt schrien sie noch, die Leute. Doch sie würden ihm noch danken, oder ihre Kind..eskinder. Eines Tages würden sie ihn dafür feiern.

Im Affekt schlug er dem Gebäude mit der flachen Hand den Sockel weg. Wenn die Ursachen tief liegen, muss man eben tief graben. Er wollte gerade aufstehen und seinen Triumph feiern, als er gegen die blaue Wand geschleudert wurde. Hatte er einen Fehler gemacht? Ihm fiel keiner ein. Da fiel ihm auf, dass die Wand selbst schwankte. Das junge Genie linste ein letztes Mal auf das zusammengeklappte Kartenhaus, bevor das Licht ausging.

Woher kommen die Feinde der offenen Gesellschaft?

Weit draußen, in den unerforschten Einöden eines total aus der Mode gekommenen Ausläufers des westlichen Spiralarms der Galaxis, leuchtet unbeachtet eine kleine gelbe Sonne. Von den ganzen Planeten, die um sie herumkreisen, gibt es wahrscheinlich nur einen einzigen, auf dem Leben existiert.

Unter den Lebewesen hat sich eine Bioform herauskristallisiert. Sie lebt an unterschiedlichsten Orten mit unterschiedlichem Wohlstand und unterschiedlichen Gesellschaftsordnungen.

Nur ein geringer Teil dieser ganzen Landschaft kann als besonders lebenswert für die Bewohner bezeichnet werden. Dessen Bewohner sind zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort, denn sie sind umgeben von wirtschaftlichem Reichtum und führen ein Leben in Würde.

Diese Bewohner sind wir. Wir sind die glücklichen Bürger einer sozial- und rechtsstaatlichen Demokratie, die wirtschaftlich floriert und die Rechte der Individuen sichert.

Aber die Geschichte hat uns schon oft gelehrt, dass überall dort, wo die Demokratie die autoritären, geschlossenen Gesellschaftsformen ersetzt hat, mit ihr auch ihre grundsätzlichen Kritiker entstehen. Wie kann das sein? Wir haben eine Grundordnung, die sich wie keine andere in der Praxis bewährt hat, indem sie die Rechte ihrer Bürger schützt.

Klarstellung

Ich bin kein Konservativer. Nichts liegt mir ferner, als alles gutzuheißen, was hier in Deutschland politisch geschieht. Man sollte aber auf keinen Fall übersehen, dass unser System ein deutlicher Fortschritt gegenüber früherer Systeme ist, was Menschenrechte und Gleichheit vor dem Gesetz und vieles mehr angeht.

Weiter muss ich zugeben, dass Karl Popper mich für zu diesem Artikel inspiriert hat (und zuvor der Soziopod zu Karl Popper ;o) ). Euch allen kann ich sehr empfehlen, seine Bücher und vor allem Die offene Gesellschaft und ihre Feinde zu lesen. Hab‘ gerade den ersten Teil fertig und bin wirklich schwer beeindruckt. Was seine Vorstellungen von Demokratie und Erkenntnis angeht, spricht er mir aus der Seele!

Aber jetzt¹ zurück zum Thema: Wir leben auf einem von vielen Planeten und in einem von vielen Ländern, nämlich in einem der besten. Trotzdem gibt es viele, die ein Problem mit unserer Gesellschaftsform haben. Warum?

¹) Und ja, die Einleitung ist von Douglas Adams inspiriert 😀

Vor- und Nachteile

Ich bin fest überzeugt, dass die meisten, die sich nicht mit unserer Demokratie zurechtfinden, auch wirklich dieser Meinung sind und nicht nur an die Macht wollen. Schließlich hat auch unsere Gesellschaft Nachteile gegenüber den alten, geschlossenen Gesellschaften. Wir sollten dem ins Auge schauen, denn nur so können wir diese Leute überzeugen, dass die Vorteile überwiegen.

Mit dem Entstehen unserer offenen Gesellschaft, wie Popper sie nennt, werden sehr viele Zwänge abgebaut. Das hat wahnsinnige Vorteile, aber mit dem Schwinden von festen Bindungen zwischen den Menschen gibt es auch immer mehr Menschen, die sich einsam und allein gelassen fühlen.

Diese Leute wollen zurückkehren in die geschlossene Gesellschaft, in der „jeder seinen festen Platz“ hat, also auch sie. Man muss dann nicht für alles und jeden Verantwortung übernehmen, weil einem die Entscheidungen abgenommen werden. Nicht zu unrecht meinten ein paar Philosophen, wir seien zur Freiheit verdammt.

Die Leute, die aus diesem Grund „Feinde der offenen Gesellschaft“ geworden sind, haben ihre grundlegenden Wertvorstellungen weggeworfen und durch neue ersetzt.

Statt gleicher Chancen und Freiheiten streben sie dann nach einer Zementierung der gesellschaftlichen Schichten und statt einem Staat, der den Bürgern diene, wollen sie dann einen Bürger, der dem Staat diene.

Weil diese Werte grundsätzliche Werte sind, die man nicht auf argumentativer Basis verändern kann (denn Argumente benötigen gemeinsame Werte als Grundlage), sind sie auf der Gefühlsebene eingeführt worden. Triebkraft war nicht das Argument, sondern die eigene Desintegration von der Gesellschaft oder die Last der ganzen Entscheidungen, woraus die Überzeugung entsprungen ist, dass man einen radikal neuen Weg gehen muss.

Was ist zu tun?

Schwere Frage. Weil die Wertvorstellungen grundsätzlich anders sind als unsere, können wir aus dem gleichen Grund auch niemanden auf der rein argumentativen Basis zurückholen zu unseren Werten.

Wir sollten aber endlich anerkennen, dass es auch Menschen gibt, die unter unserer Gesellschaft zu leiden haben, und sollten versuchen, diese Gruppe zu minimieren. So verkleinern wir zumindest die Risikogruppe, die sich gegen eine offene Gesellschaft richten könnte.

Nachdem wir uns also über unsere grundsätzlichen Ziele klar geworden sind, können wir nun überlegen, wie wir sie am besten umsetzen. Dabei werden wir nicht um Veränderungen der aktuellen Gesellschaft herumkommen, müssen wir aber auch gar nicht!Veränderung ist nötig, denn ohne Veränderung würde die Menschheit nicht lange überleben. Klimaschutz ist nur durch Veränderung möglich und auch politisch entstehen ständig neue Herausforderungen.Lasst uns diesen Herausforderungen ins Auge sehen und die Möglichkeiten schaffen, unsere Welt zu verändern – in kleinen, überschaubaren Schritten und Experimenten, mit denen wir wenig kaputtmachen, aber viel lernen und verbessern können!Und jetzt ist natürlich wieder die Meinung eines Jeden gefragt, der Lust hat, etwas in den Kommentaren beizutragen

Diskurs schlägt Wahl

Wohl zurecht bekommen neue Ideen zur Machtausübung durch das Volk zur Zeit eher viel Aufmerksamkeit. Da wären Volksabstimmungen, da wäre außerdem noch Liquid Feedback, und Onllinepetitionen braucht man gar nicht zu erwähnen. Sie sollen dem Volk Macht geben, die es bisher nicht hat.

Doch dieser alte Machtbegriff ist vielleicht nicht mehr aktuell. Viel wichtiger als Wahlen sind Meinungen. Warum das so ist, werde ich euch hier zu erklären versuchen.

Was ist Macht heute?

Früher war doch alles so einfach. Man hatte eine klare Klasseneinteilung – da der Klerus, da der Adel und dort unten der Rest. Keine vernünftige Person würde wohl bezweifeln, dass die Macht lange Zeit auf die obersten und kleinstbesetztesten¹ beiden Stände verteilt war.

Aber wer hat heute die Macht?

Das Volk? Das Volk darf Politiker wählen, die dann bestimmen. Aber das „Volk“ ist ja nicht nur eine Person, das Volk sind Millionen von Menschen, Menschen außerdem, die täglich in ihrer Meinung beeinflusst werden von Medien. Auch die Medien sind keine Einheit.

Ach ja: Machen die Politiker nicht sowieso, was sie wollen? Ist das Wahlrecht nicht unfair und verfälschend? Möglicherweise hat die Macht auch eine vielbeschworene „Plutokratie“² der Wirtschaftselite, die Politiker und Bürger sowie deren politische Ausrichtung kaufen kann.

Das ist alles sicher nicht falsch. Aber wir müssen mal wieder anerkennen, dass es keine einfache Antwort mehr auf die Machtfrage gibt. Man kann Macht keiner Person oder Gruppe mehr zuordnen. Das macht auch Sinn. Die Demokratie soll ja gerade diese Form von Macht unterbinden.

Stattdessen liegt Macht heute in der Meinung. Los ging es damit mit den jüngeren Revolutionen. Nennt mir eine Revolution, die funktioniert hat ohne einen Meinungswandel!

Angenommen, wir, das Volk, hätten zu einem Thema eine weitestgehend klare und einheitliche Meinung. Wo wäre das Problem, angenommen, wir wählten entsprechend?

Diese Meinung würde sicher von den dann gewählten Politikern vertreten. Falls nicht, dann wären die Politiker wohl nach wenigen Jährchen weg vom Fenster, falls die öffentliche Meinung so klar bliebe wie angenommen.

¹) ‚Tschuldigung, dieses lange, schlimme Wort werde ich nie wieder verwenden, versprochen!!

²) Plutokratie, die: Herrschaft des Untergrunds.

Woher kommen Meinungen?

Wenn wir nach den politischen Dynamiken fragen, müssen wir also nicht mehr nur nach der Quelle der Macht fragen. Wichtiger noch ist die Quelle der Meinungen. Denn Meinungen entscheiden Wahlen, und Wahlen können theoretisch alles verändern.

Ihr könnt es euch schon denken – die Quelle der Meinungen ist nicht leichter zu finden als die der Macht.

Meinungen kommen oft von Massenmedien, die für eine sinnvolle Berichterstattung zwangsläufig auch Meinungen und nicht nur Fakten vermitteln.

Neben ihnen gibt es charismatische Personen mit Autorität, denen Menschen Glauben schenken. Auch Werbung beeinflusst uns in unserer Weltsicht, denn das ist ihr Sinn und Werbung ist schließlich eine Milliardenbranche.

Das sieht doch sehr arg nach dem alten Machtkonzept aus. Einzelne Medienhäuser und Personen können etwas sagen, was ihnen dann häufig abgenommen wird. Sie haben Meinungsmacht, über die sie verfügen können, auch willkürlich.

Doch das ist nur die Hälfte…

Machtfreie Meinungsmache

Neben den Meinungsmächtigen gibt es eine weitere Kraft, die für die Meinungsbildung sehr wichtig ist, nämlich die Diskussion.

Ziel einer Diskussion ist es, die ganzen diversen Meinungen und Weltbilder, die deutschlandweit in achtzig Millionen Köpfen vorhanden sind, auszutauschen. Der Ausgang einer Diskussion, also die angepassten Weltbilder, ist in einer Diskussion offen.

Wenn alles gut läuft, werden in der Diskussion zahlreiche Widersprüche in den Weltbildern aufgedeckt. Auf diese Weise können schlecht begründete Meinungen angepasst werden.

Je sachlicher und tiefer diese Diskussionen von möglichst vielen Menschen geführt werden, desto fundierter werden die Positionen der beteiligten Diskutanten.

Zoom Out

Ich hoffe, schlüssig begründet zu haben, warum Meinungen viel entscheidender sind als beispielsweise ausgefeilte Wahlvorschriften.

Ich habe mal gehört, wir leben in einer 50:50-Demokratie. Wichtige Entscheidungen sollte man nicht den Launen der wenigen Swing-Wähler überlassen, die das Zünglein an der Waage bilden. Wenn die Entscheidungen nicht so knapp wären, bräuchten wir auch die Wahlvorschriften nicht so dringend.

Umgekehrt machen Liquid Feedback und andere direktdemokratische Ansätze keinen Sinn, wenn die Meinungen der Bürger nicht vernünftig zustande gekommen sind.

Damit meine ich, dass hinter diesen Meinungen fundierte Begründungen stehen sollten. Und klar, fundierte Begründungen erhält man durch Abwägen von Argumenten, und das im Austausch mit anderen – also durch die Diskussion!

Die Diskussion hat angefangen, althergebrachte Machtstrukturen in unserer Gesellschaft aufzulösen. Doch wenn sie versagt, dann können schlimme Dinge passieren. Mit der Diskussion steht und fällt der Souverän des Volkes. Wir sollten in die Diskussion investieren!

Obligatorischer Schlussappell

Weil ich Diskussionen für so essentiell halte, plane ich einen Beitrag über den theoretischen Hintergrund von Diskussionen.

Auch dafür, aber nicht nur dafür wäre ich sehr dankbar über Feedback. Die Suche nach Menschen, die sich mit mir über spannende Themen austauschen wollen, ist ein wichtiger Grund, warum ich diesen Blog begonnen habe.

Und in diesem Zusammenhang noch der Disclaimer, dass ich gerne bereit bin, meine Meinung auf ein gutes Argument hin anzupassen…

Right to Be Heard

Schlimmer als ein schlechtes Argument ist manchmal nur ein gutes Argument, das nicht gehört wird. Oft sehe ich mir gequält Talkshows und die Reden von Politikern an und denke mir, dass sie ein wichtiges Argument übersehen haben!

Voller Tatendrang gehe ich meine Optionen durch, wie das Argument in die Öffentlichkeit zu bringen wäre: Ich könnte einen Tweet schreiben, einen Leserbrief verfassen, die Sache meinem Nachbarn erzählen, eine Petition versuchen – aber meine Reichweite schrumpft letzten Endes im Vergleich zu den achtzig Millionen deutschen Einwohnern auf ein deprimierendes, mickriges Pünktchen.

An dieser Stelle kam Inspiration vom sogenannten Consumer Bill of Rights:

Was wäre also, wenn es nicht nur das (wichtige!) Recht auf die freie Meinungsäußerung gäbe, sondern auch das Recht, von Gesellschaft und Politik gehört zu werden? Wenn sich Politiker mit meinem Argument befassen müssten?

HALT! Nicht wegklicken!

Es wäre natürlich Schwachsinn, wenn unsere 600 Bundespolitiker jede Äußerung, jedes Argument und jeden Liebesbrief von allen 80.000.000 Bürgern an sie lesen und beantworten müssten. Lasst uns trotzdem einmal durchspielen, wie weit man diese Idee umsetzen könnte. Es lohnt sich, wirklich.

Um die Grundidee zu wiederholen: Jeder Bürger hat das Recht, dass seine Argumente gehört werden. Das „Right to Be Heard“ als Erweiterung des Rechts auf freie Meinungsäußerung. Aber wie das konkret aussähe, ist eine berechtigte Frage.

Ich könnte mir vorstellen, dass Bürger Anfragen an Politiker stellen dürften, also Fragen, Argumente oder Anregungen. Wenn die Anfrage zur öffentlichen Meinungsbildung, also Diskussion, beitragen könnte, dann wäre der adressierte Politiker, die adressierte Fraktion oder die Regierung gezwungen, eine Stellungnahme dazu abzugeben.

Das Feinkonzept

Wenn diese verrückte Idee irgendeine Chance haben soll, dann muss man festlegen, wann eine Anfrage als Beitrag zur öffentlichen Meinungsbildung zählt. Ich würde sagen, dass das der Fall ist, wenn…

  1. …die Anfrage oder die mögliche Reaktion noch nicht in der Öffentlichkeit ausdiskutiert wurde und…

  2. …die Anfrage respektvoll formuliert ist und…

  3. …die Anfrage eine reelle Chance auf eine Beeinflussung der öffentlichen Diskussion hat.

Stimmt zwar, dass das keine objektiven Kriterien sind. Ich glaube aber, dass es möglich sein sollte, dass eine Gruppe zuständiger Beamter relativ eindeutige Entscheidungen treffen könnte. Ein (Schieds-)Gericht könnte die problematischen Fälle nach einer Klage genauer untersuchen und ein zufriedenstellendes Urteil fällen, natürlich auch mit Prozesskosten.

Außerdem wäre noch zu klären, welche Reaktionen des Adressaten akzeptiert werden. Bestimmt nicht ausreichend wären knappe Antworten wie „Ich stimme nicht zu“, weil es für die Öffentlichkeit schon ganz gut wäre, den Grund für die Position des Politikers zu kennen.

Praktisch könnte man es dem Fragesteller offen lassen, nochmal nachzuhaken, und wenn der angesprochene Politiker dann nicht mehr antworten will, muss eben wieder geprüft werden, wer im Recht ist.

Bürger-Tsunami

Wenn man sich überlegt, wie viele Menschen in Deutschland etwas auf der Zunge liegt, das sie an ihre Politiker los werden wollen, dann wird klar, dass man mit einer Anfrageflut zu rechnen hat.

Bis die Anfragen zu den Politikern durchdringen, reduzieren sie sich aber sicher noch ein bisschen: Doppelte werden ja aussortiert, aussichtslose auch. Man kann darüber streiten, wie viel da am Ende noch übrig bleibt, aber ich hätte kein Problem damit, wenn jeder Abgeordnete einen Mitarbeiter mehr bekommt, der für ihn die Fragen verwaltet oder beantwortet – solange der Politiker die Verantwortung für die Aussagen übernimmt. Finanzierbar wäre das sicherlich.

Die Vorteile könnten dagegen enorm sein: Das Recht, gehört zu werden, könnte vielen Bürgern das Gefühl zurückgeben, etwas bewirken zu können und nicht auf taube Ohren im Regierungssessel zu stoßen.

Auch würden diese Bürgeranfragen womöglich oft die öffentliche Debatte in neue Richtungen lenken, weil Politiker keine Themen mehr totschweigen könnten oder durch die Anregungen selbst auf neue Ideen kommen.

Fazit

Das sind meine Gedanken zum Recht, gehört zu werden. Gute Idee, aber man müsste eben sehr genau definieren, was eine Anfrage ist und was eine befriedigende Reaktion ist.

Wenn das funktionieren würde, dann hätten wir Bürger die Garantie, dass Politiker unsere Sorgen ernst nehmen und angemessen auf sie reagieren.

Ich bin sicher, dass einige Leser hier eigene Vorstellungen haben. Sagt mir doch mal, ob ihr das für eine gute Idee haltet und warum (nicht?). Ihr werdet auch garantiert von mir gehört!

Battlecard Demokratie: Rousseau

Herzlich Willkommen zum ersten Beitrag der Serie „Battlecards Demokratie„. Ziel wird sein, die verschiedenen Vertreter der ganzen Konzepte zur Demokratie vorzustellen. Mein Augenmerk wird darauf liegen, wie diese Leute geprägt wurden und wie sie gedacht haben, um den damaligen gesellschaftlichen Kontext nicht zu vernachlässigen. Sonst zieht man falsche Schlüsse, wenn man ihre Gedanken in die Moderne überträgt.

Ab der zweiten Folge werde ich auch nicht mit Vergleichen und Verknüpfungen geizen – es sollte euch dann möglich werden, anhand dieser „Battlecards“ die verschiedenen Sichtweisen zu erkennen.

Wie ihr sowieso schon dem Namen entnommen haben werdet, geht es heute um Rousseau. Neben Montesquieu war er einer der französischen Vordenker unserer Demokratie, aber nicht unumstritten, was ihn noch interessanter macht!

 Rousseaus Kurzbio

(Frei nach: Wikipedia 😉

Jean-Jaques Rousseau
Lockenkopf, ganz wie seine Zeitgenossen: Jean-Jaques Rousseau

1712 gerade so auf die Welt gekommen, stirbt nur wenige Tage später seine Mutter.

Als Kind hat Jean-Jaques sehr viel Spaß am Lesen, den er wohl auch von seinem viel vorlesenden Vater hat. Leider muss auch sein Vater sich nach zehn Jahren von Jean-Jaques verabschieden, weil er einen Polizisten verletzt hat.

Jean-Jaques geht es auch weiter nicht gut in der Kindheit. Er wird zwei Jahre von einem Pfarrer aufgenommen, aber dort wird er körperlich misshandelt. Er ist ein Sonderling. Wie soll er Freundschaften schließen, wenn die ganzen Gleichaltrigen andere Hobbys haben als er?

Während die anderen also normalen Beschäftigungen nachgehen, verschlingt Jean-Jaques lieber noch ein paar Bücher. Auch träumt er gerne, was ja auch verständlich ist, in der echten Welt ist er ja anscheinend nicht so willkommen, muss ihm scheinen.

Während aus Jean-Jaques der erwachsene Rousseau wird, geht es ihm immer noch nicht anders. Darum beschließt er, sich auf Wanderschaft zu begeben.

Glücklicherweise trifft er hin und wieder Leute, die ihn einstellen oder ihm eine Wohnung geben, die er ganz allein wohl nie bekommen hätte. Rousseau findet nämlich nie einen dauerhaften Job – was auch damit zu tun haben könnte, dass Rousseau sich lieber auf die Musik und Literatur konzentriert. Dabei bleibt er immer abhängig von seinen Mitmenschen.

Er scheint sehr kreativ zu sein, denn dabei kommt er auch recht gut an. Eine seiner Schriften macht ihn dann sogar in ganz Europa bekannt!

Doch Rousseau lässt sich davon nicht beirren. Weiterhin lebt er lieber als Sonderling, denn er kritisiert immer schärfer die Gesellschaft und macht sich auch sonst mehr Feinde als Freunde (und Freunde zu Feinden). Dabei bekommt er immer wieder eine Hand zugestreckt, die ihm seinen Lebensunterhalt sichern könnte.

Innerhalb von sechs Jahren schreibt er dann stattdessen die Bücher, die ihn heute so bekannt machen, damals aber zu seiner Verfolgung führen…

 Gedanken

Zum einen wäre da der Roman Émile. Rousseau hat ihn mit pädagogischem Hintergedanken geschrieben, um den Leuten klarzumachen, dass man Kinder eher in der Natur als in der Zivilisation aufziehen sollte, damit sie die Freiheit zu schätzen lernen so wie er.

Es macht ja auch Sinn, dass Rousseau die Zivilisation nicht so arg schätzt. Schließlich hat er sich in ihr ja nie so ganz wohlgefühlt.

Wichtig ist, dass dort schon vom Gesellschaftsvertrag die Rede ist. Mehr dazu erzählt Rousseau in seinem anderen, gleichermaßen verbotenen Buch Du Contrat Social. Laut Rousseau braucht es einen Vertrag zwischen den Menschen, auf den sich alle gemeinsam einigen und an den sich alle halten sollen/wollen, weil er allen dient (vergleichbar mit einem allgemeinen Gesetz).

Gemein- und Gesamtwohl

Um diesen Vertrag zu schließen, muss man erst mal wissen, wie man das tut. Der Vertrag soll ja allen dienen, was nicht so trivial sein sollte. Bevor wir Rousseaus Ansatz durchgehen, möchte ich gerne noch ein bisschen theoretischen Background schaffen:

Rousseau unterscheidet nämlich gerne zwischen dem Gemeinwohl und dem Gesamtwohl. Ich verstehe den Unterschied so, dass man sich Gesamtwohl als Verhandlungsergebnis oder Summe der Interessen vorstellen kann – demnach ist jeder auf seinen Vorteil bedacht und dann wird verhandelt.

Dagegen – und das ist entscheidend! – ist das Gemeinwohl, was allen zu Gute kommt. Es geht hier nicht um Verhandlung, es geht darum, einen kooperativen Weg in Richtung Gemeinwohl zu beschreiten.

Wie das genau geht, hat Rousseau wahrscheinlich nicht beschrieben, aber ich könnte mir gut die Diskussion als Mittel der Wahl vorstellen. Man sucht also gemeinsam danach, was jetzt wohl für alle am besten ist, statt nur zu seinem eigenen Vorteil zu verhandeln.

Gesamtwohl: Interessenvertretung und Verhandlung. Gemeinwohl: gemeinsames Ziel und Diskussion.

Menschenbild

Wenn Rousseau nicht Rousseau wäre, sondern Thomas Hobbes, dann würde er das wahrscheinlich nicht so sehen. Hobbes nämlich war, aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen, der Meinung, dass Menschen grundsätzlich nur nach sich selbst schauen – oder in seinen eigenen Worten:

„Der Mensch ist dem Menschen Wolf.“ (homo homini lupus)

Hobbes kam deshalb nicht zu dem Schluss, dass die Menschen fähig sind, ihre Zukunft selbstständig in Kooperation zu beschließen, sondern dass es dafür einen starken Anführer braucht, der ihnen die Freiheit „abnimmt“.

Rousseau war da aber ganz eindeutig eher das andere Extrem, indem er die Meinung vertrat, dass die Menschen im Naturzustand, fern von jeder Zivilisation und jeder Unfreiheit, zu anderen Menschen grundsätzlich nett sind.

Auf den Einwand, dass man davon aber wenig mitbekommt, ist seine Antwort, dass die Menschen durch die Zivilisation eingeengt und korrumpiert werden und in der Folge nicht mehr nach dem Gemeinwohl streben. Wenn der Mensch damit aufwächst, von anderen Menschen unterdrückt zu werden, macht er das irgendwann auch, so sein Gedanke. Aber niemand ist einfach so böse, ohne, dass er sich unter Druck gesetzt fühlt.

Direkter Demokratiephilosoph über direkte Demokratie

Wie schon erwähnt, war Rousseau ja ein sehr direkter Mensch, wovon er nicht gerade profitiert hat. Aber nicht nur das: Er war auch der Begründer der direkten Demokratie.

Während seine Philosophenkollegen wie Montesquieu von einer repräsentativen Demokratie mit gewählten Volksvertretern sinnierten, hatte er etwas anderes im Sinn.

Die Bürger sollten ohne Umwege die Entscheidungen selbst treffen.

Ich kann ja nicht in seinen ehemaligen Kopf schauen, aber es gibt dafür schon auch Gründe. So wird der Wille des Volkes auf diese Weise nicht verfälscht.

Dabei ist der Knackpunkt in dieser Diskussion nur, wie viel Macht man dem Willen des Volkes geben will. Rousseau war der Meinung, dass das Volk das Gemeinwohl im Sinn hat, solange es seine Grundbedürfnisse befriedigt hat, also jeder überleben kann und sozial integriert ist.

(Wir dagegen setzen dem Volkswillen mit dem Grundgesetz Schranken, weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass der Volkswillen nicht immer Gemeinwohl bedeutet.)

Als Ideal würde er einstimmige (Konsent-)Abstimmungen über Gesetze usw. ansehen, die er aber selbst für unrealistisch hält. Er geht aber davon aus, dass auch Mehrheitsentscheidungen funktionieren, solange es den Menschen gut geht.

 Die Krux mit der Wahrheit

Es scheint, als würde Rousseau das Problem weniger im Finden des Gemeinwohls sehen, als darin, dass die Leute sich wirklich danach richten.

Dabei ist das Finden sicherlich genauso schwer. Viele Philosophen haben sich schon die Zähne daran ausgebissen, wie ein gerechter Staat aussähe. Man könnte mit ihren Namen einen ganzen Artikel füllen! Rousseau selbst hat das kaum versucht, vielleicht hat er es sich deshalb so einfach vorgestellt.

Es geht doch schon mit der Gerechtigkeit los. Was ist denn nun gerecht? Jeder Bürger zahlt den gleichen Betrag als Steuer? Die Reichen sollen aber mehr bezahlen!, höre ich jetzt viele denken. Oder denkt doch mal ans Bedingungslose Grundeinkommen

Vielleicht sollten wir endlich einsehen, dass niemand die Wahrheit gefunden hat, zumindest kann sich niemand sicher sein. Und niemand kann beweisen, dass er die Wahrheit hätte. Oder die perfekte Staatsform.

Denn wer sich der Wahrheit zu sicher ist, der geht für sie auch über Leichen. Super erkennbar ist das am real existierenden Kommunismus. Da waren sich Menschen so sicher, die ultimative Lösung für die Probleme der Menschheit gefunden zu haben, dass sie alle umgebracht haben, die sich dagegen aufgelehnt haben. Diese Staaten haben Rousseaus Logik auf eine gewisse Weise missbraucht, indem sie ihre persönliche Meinung als Gemeinwohl verkauft haben.

Andere Meinungen waren für sie nur Lüge und Heuchelei, obwohl sie in Wirklichkeit ehrlich vertreten wurden.

Fazit

Rousseau hatte ein optimistisches Menschenbild, nach dem der Mensch ans Gemeinwohl denkt, wenn er nur nicht unter Druck steht.

Darum hat er auch darin vertraut, dass Menschen, wenn sie selbst über ihre Angelegenheiten abstimmen, „die“ Lösung zur Umsetzung des Gemeinwohls unterstützen werden.

Die Idee, dass die Menschen fähig sind, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln, ist mit dem Begriff Volkssouveränität bis heute wichtig.

So, das war’s jetzt nach ca. 1400 Wörtern mit Rousseau. Schreibt mir doch bitte endlich mal ein Feedback, wie ihr diesen Artikel findet und was eure Anregungen zum Thema sind!

Religion – Werte – Fakten

Ich habe das Glück, sowohl Freunde zu haben, die sehr religiös sind, als auch solche, die der Religion sehr kritisch gegenüberstehen. Das Thema ist momentan ja sehr kontrovers. Wofür ist Religion denn nun verantwortlich? Sind die IS-Terroristen denn nun aus religiösen Gründen gewalttätig?

„Religion ist das Opium des Volkes“, hat zum Beispiel Karl Marx gesagt, vermutlich, weil er berechtigterweise festgestellt hat, dass die ausgeübte Religion häufig im Widerspruch zur Vernunft stand (und steht?). Andere wiederum finden, dass Religion den Menschen Halt und Sicherheit vermittelt. Religion ist vielleicht auch der Träger von Werten. Aber gute oder schlechte Werte?

Religion und Werte

Religion konserviert Werte, weil sie meist traditionell ausgerichtet ist. Entweder sind Bräuche überliefert oder es gibt ein Schriftstück, das die Werte festhält.

Manche sehen das als Problem. Man kann aber auch einwenden, dass Werte etwas Beständiges sein sollten. Was bringen denn Werte, die man jeden Tag ändern?

Das „Konservieren“ ist nur dann ein Problem, wenn dabei Dinge als absolut überliefert werden, die eigentlich längst obsolet sein sollten. Zum Beispiel, wenn Menschen in der Bibel oder im Koran lesen, dass Homosexuelle oder Ehebrecher gesteinigt werden sollen.

Das Problem liegt dann aber nicht unbedingt bei Bibel oder Koran! Das größte Problem ist, wenn Leute nicht kapieren, dass nicht alles dort wörtlich zu nehmen ist. Auch wenn es um Gottes Buch geht: Letztendlich wurde es von Menschen geschrieben. Und diese Menschen entstammen einer Gesellschaft, in der Dinge wie selbstverständlich galten, die heute nicht mehr vertretbar sind.

Religion heute

Vielleicht lasse ich mal jemanden sprechen, dem von den meisten Menschen sehr viel Respekt gezollt wird, unabhängig von der Weltanschauung: Der Dalai Lama. Er hat etwas gesagt, das ich persönlich seehr spannend fand:

Würde eine wissenschaftliche Analyse unzweifelhaft nachweisen können, dass einige Behauptungen des Buddhismus falsch sind, dann müssten wir diese Erkenntnis akzeptieren und diese Behauptungen dann fallen lassen.

Bitte versteht diesen Satz nicht falsch. Der Dalai Lama sagt damit ganz sicher nicht, dass er Religion für ein Auslaufmodell hält, wenn die Wissenschaft voranschreitet. Es geht eher darum, wo man die Religion verortet.

Die Wissenschaft kann die Welt beschreiben, kann Theorien aufstellen, wie man Dinge vorhersagen könnte. Wie man dies und jenes aus Naturgesetzen herleiten kann.

Aber der Wissenschaft bleibt verborgen, woher diese Naturgesetze kommen. Auch kann sie keine Aussagen über Werte, Sinn oder Moral treffen. Die Wissenschaft sollte so bescheiden sein und sich mit belegbaren Fakten beschäftigen.

Wenn wir der Welt einen Sinn geben wollen, dann brauchen wir aber mehr als nur die Wissenschaft. Ein Versuch dafür ist die Religion. Ein anderer…

Korrigiert mich, aber liege ich so falsch, wenn ich sage, dass die großen Ideologien wie der Nationalsozialismus entstanden sind, indem sie einen Sinn geschaffen haben?  Und hat der real existierende Kommunismus nicht auch einen Sinn schaffen wollte?

Ideogien könnte man vielleicht dadurch definieren, dass sie versuchen, Sinn durch angebliche Wissenschaft zu erschaffen. Paradebeispiel wäre der Sozialdarwinismus: Da ist ein Schlaui auf die Idee gekommen, dass Evolution nicht einfach ein Faktum ist, sondern von irgendeiner höheren Macht gewollt.

Evolution sei deshalb so toll, weil sie uns hervorgebracht hat. Stimmt, sie hat uns hervorgebracht. Na und? Ist es deshalb ein lohnenswerter Zustand, wenn wir uns ihretwegen gegenseitig die Köpfe einhauen und eine kleine Gruppe am Ende profitiert?

Genauso sollte Religion sich nicht auf dieses Terrain begeben. Denn wenn eine Religion für sich beansprucht, die Form und Position der Erde besser zu kennen als ein Wissenschaftler, dann ist sie nichts weiter als eine Ideologie, die aus solchen „Fakten“ einen Sinn zu ziehen versucht.

Fragt euch doch mal selber, ob ihr an einen Gott glaubt, der nicht vernünftig denkt, wenn es angemessen wäre. Ich könnte mich nicht damit abfinden.

Islamischer Staat

Die Vertreter eines selbsternannten Islamischen Staates sind übrigens schwerlich als traditionelle Religion zu bezeichnen, nicht einmal als lupenreine Fundamentalisten. Stattdessen picken sie sich die Rosinen aus ihrem Glaubenswerk heraus, die ihnen gerade gefallen. Du sollst nicht töten? „Ich geb dir gleich ‚Du sollst nicht töten‘ auf die F***se!“

Offensichtlich ist ihnen nicht mit Vernunft beizukommen. Aber wo liegt denn jetzt die Ursache für ihr Handeln? Ist es religiös bedingt?

In einigen wenigen Fällen vielleicht schon, aber das kann eigentlich nur passieren, wenn einem das Tötungsverbot versehentlich entfällt. In den meisten Fällen denke ich aber, dass diese Menschen in den Krieg ziehen, weil sie mit sich selbst nicht im Frieden sind.

Bei Amokläufen ist die Theorie weit verbreitet, dass diese praktisch immer von Menschen geführt werden, die ein schweres Leben haben, also möglicherweise in schweren familiären Verhältnissen aufgewachsen oder Mobbingopfer sind.

Darum denke ich, dass diese Leute, die auch aus Deutschland kommen und zu großen Teilen nicht muslimisch sind, ähnliche (unbewusste) Beweggründe haben. Diese Menschen sind meiner Meinung nach nicht als „das Böse in Person“ auf die Welt gekommen und sind es auch nicht geworden.

Was jetzt?!

Differenzierte Antworten sind nicht so leicht verdaulich wie einfache Antworten. Aber die einfachen sind nicht so interessant.

Wenn man sich die ganzen Weltreligionen anschaut, dann sind ihre Grundwerte durchweg positiv zu sehen – man könnte sogar sagen, dass es die gleichen sind! Egal, in welche Religion man schaut – Christentum, Judentum, Buddhismus, Islam oder eine beliebige andere – jede einzelne findet Töten schlecht. So ist es auch mit vielen anderen Grundwerten.

Die Religionen sind nicht einfach gut oder schlecht. Ich habe euch jetzt ein paar Gedanken beschrieben, die euch anregen sollen.

Meiner Meinung nach gibt es keine lang entwickelte Religion, die sich für Töten ausspricht. So eine Dummheit könnte sich nicht über Generationen hinweg halten, weil die Menschen dann – und das ist viel stärker als jedes Argument – erfahren, welche Auswirkungen und Folgen das hat.

Religion darf sich auch keiner logischen Argumentation widersetzen. Sonst wird sie zur Ideologie. Ich bin Christ – zumindest ein grundwert-konservativer!

Und jetzt – habt ihr das Wort. Was haltet ihr von Religion? Was ist für euch Religion, was Wissenschaft und was Ideologie? Seid ihr religiös, atheistisch oder agnostisch? Bin ich auf dem Holzweg?

Update

Jemand hat mich inzwischen darauf hingewiesen, dass das Tötungsverbot nicht in allen Religionen für alle Menschen gilt. Im Islam sei es beispielsweise so, dass es nur unter Muslimen in uneingeschränkter Weise gilt.

Solche Passagen finden sich auch in der Bibel, aber die muss nicht wörtlich genommen werden. Dagegen soll der Koran direkt von Gott kommen, wie ich es verstanden habe. Und warum sollte Gott nicht direkt die Wahrheit sagen?

Dabei bin ich mir sehr sicher, dass genauso viele Muslime wie Andersgläubige in Deutschland radikal oder gewalttätig sind. Ich denke, dass radikaler Islamismus auf einer Ebene mit anderen intoleranten, gewalttätigen Weltanschauungen steht.

Problematisch könnte nur sein, dass man Muslimen möglicherweise aufgrund der Nicht-Interpretierbarkeit leichter vermitteln kann, dass Gewaltanwendung okay ist.

Ich bin aber kein Theologe und kann hier nichts mit Sicherheit sagen. Das ist nur die Gegendarstellung zu dem, was ich oben geschrieben habe.

Ich bin jetzt noch ratloser – wie seht ihr das Thema?

Das Ende der Geschichtsschreibung

Was wird in Zukunft über den Ukraine-Konflikt in den Geschichtsbüchern stehen? Wer hat die MH-17 abgeschossen und gab es eine Invasion? Habt ihr euch dazu schon mal Gedanken gemacht?

Wenn ja, dann seid ihr vermutlich, genau wie ich, zu dem Schluss gekommen, dass zumindest der Absturz der MH-17 höchstwahrscheinlich noch  eine gewisse Zeit ungeklärt bleiben wird. Denn welcher Fakten kann man sich im sog. „Medienkrieg“ überhaupt noch sicher sein? (Wenn ihr anderer Meinung seid, dann dürft ihr ruhig die Kommentare nutzen, Diskussionen mag ich viel mehr als diese Monologe!)

Im Moment gibt es nämlich die Situation, dass wir kein Medienmonopol mehr haben, sondern einflussreiche russische, amerikanische, arabische, deutsche etc. Medien, die unterschiedliche Sachen behaupten. Mit unterschiedlichsten Interessen. Man muss sich ernsthaft fragen, wem man noch trauen kann und wie man „Fakten“ überprüfen kann.

Wikipedia-Syndrom

Ich habe Belege für schlechten Journalismus „dort im Osten“, aber auch, wenn auch auf einem anderen Level, „hier im Westen“ erlebt. Zudem ist die Fahndung nach Quellen oft ein unüberbrückbares Problem.

Ich kann es ja verstehen, wenn bei einem Zeitungsartikel nicht zwanzig Links und Bücher als Quellen aufgeführt werden, der Platz ist ja kostbar. Aber kann mir mal jemand erklären, warum man beim Veröffentlichen dieser Artikel im Netz nicht einfach ein paar Hyperlinks einbauen kann?

Es ist doch eine Ironie, dass ausgerechnet die ganzen Medien, denen man in der Regel vertrauen kann, keine Quellen nennen. Sie leiden sozusagen unter dem Wikipedia-Syndrom.

Wobei ich finde, dass Wikipedia fälschlicherweise der Ruf anhängt, journalistisch „böse“ zu sein. Quellen findet man dort oft viel mehr als bei den meisten der genannten Medien. Man könnte also sagen, dass ausgerechnet Wikipedia nicht unter dem Wikipedia-Syndrom der fehlenden Quellenangaben leidet.

Was mache ich jetzt, wenn ich einen Artikel auf Plausibilität überprüfen will? Gut, manchmal gibt es schützenswerte Informanten. Ansonsten will ich doch wissen, wie der Autor zu seinen Schlüssen kommt, besonders, wenn er seine Behauptungen als die „Wahrheit“ hinstellt.

Ich könnte eine Suchmaschine ansetzen, die mich aber normalerweise nur zu weiteren Seiten mit den gleichen Behauptungen ohne Quellen (oder unsicheren Quellen) führt. Das war’s dann fast schon.

Intransparenz

Die Ursachen für den Mangel an Infos sind unterschiedlich, in einigen Fällen wird aber absichtlich versucht, Informationen zu unterdrücken. Wie man schon am Wort „Geheimdienste“ erkennen kann, sind die nämlich geheim! (Nein! Doch! Oh!)

Dabei haben wir zur demokratischen Kontrolle (sic!) diverse Gremien wie das Parlamentarische Kontrollgremium, das dank Snowden nun Gesellschaft vom NSA-Untersuchungsausschuss bekommen hat. Was man so an Infos von den Geheimdiensten bekommt, sagt auch recht viel über sie aus:

So sind seeehr viele Dokumente, die dem Untersuchungsausschuss vorgelegt wurden, zu großen Teilen geschwärzt (naja, Grußformel ist lesbar). Ich kann es voll verstehen, wenn die Opposition eine Verfassungsklage einreichen will. Ohne belastende Unterlagen wird die öffentliche Diskussion über die Geheimdienste fruchtlos bleiben.

Die Informationen sind aus meiner Sicht nicht wie behauptet zu Gunsten des „Staatswohl“s geschwärzt worden, sondern sind eben brisant und sollen nicht öffentlich werden.

TTIP

Womit wir auch den Bogen zu TTIP hätten, denn dazu hatte ich zur Europawahl eine nette Diskussion mit dem CDU-Kandidaten, der natürlich voll und ganz für TTIP war. Schon bald zeigte sich, dass auch er keine Ahnung von den ausgehandelten Inhalten hatte und unsere Diskussion somit kaum einen Zweck hatte.

Nachdem wir ein Weilchen über mutmaßliche Inhalte diskutiert hatten, warf ich ein, dass diese ganze Geheimnistuerei der Demokratie schade. Der Verhandlungsstand ist nämlich nach wie vor nicht öffentlich. Wir waren doch selbst das beste Beispiel! Es war ein Aussage-gegen-Aussage-Spielchen, wenn es darum ging, was nun TTIP überhaupt sei.

So, wie bei den Geheimdiensten das „Staatswohl“ im Vordergrund stand, war es für den Kandidaten die Tatsache, dass die Verhandlungen im Geheimen stattfinden müssten.

Kennt ihr euch vielleicht mit Verhandlungen aus? Meiner Ansicht nach müssten für so eine Verhandlung doch nur die Strategien der Vertragspartner geheim sein, nicht aber die Verhandlung selbst. Für mich riecht es eher wieder danach, dass jemand die Informationen zurückhalten will.

Dass es nicht nur um die Verhandlungen geht, zeigt auch super CETA, das Freihandelsabkommen mit Kanada, das schon ausgehandelt ist. Es besteht also kein Grund mehr zur Geheimhaltung mehr – die Kommission will es trotzdem noch nicht veröffentlichen.Update: CETA ist ab heute öffentlich zugänglich – nachdem es vorher an vielen Stellen schon geleakt wurde…

Ausblick

Ich hoffe, dass euch klar geworden ist, wie wenig man aktuell wissen kann. Meist liest man nur Behauptungen ganz ohne Quellenangabe.

Zwischen den Interessen von Staaten und Geheimdiensten gehen viele Fakten verloren, die wichtig sein könnten, um unsere Welt zu verstehen.

Um die Situation zu ändern, würde ich vorschlagen, dass wir, also die Leser, aktiv Quellen und Infos einfordern. Die Wichtigkeit von belegbaren Infos muss mehr ins öffentliche Bewusstsein kommen.

Ich bin mir sicher, dass ihr alle auch schon auf die Problematik gestoßen seid. Wie seht ihr sie und wie geht ihr mit ihr um? Was müsste man eurer Meinung nach tun?

Geschichten von Piraten

Ohne die Piraten gäbe es diesen Blog wohl nicht. Ich glaube, es war 2011, als die Proteste gegen ACTA waren. Sogar in unserer sonst eher politisch zurückhaltenden Stadt gab es gleich drei Demos! Das waren meine ersten Demos, weil ACTA mich gewissermaßen politisiert hat, wie wohl viele andere auch. Und es waren auch (fast) meine letzten, weil hier jetzt wieder so wenig Politik los ist wie vorher.

Ungefähr zu dieser Zeit begann der Aufstieg der Piratenpartei, die sich 2006 nach schwedischem Vorbild gegründet hatte. Ehe sie’s sich versahen, waren die Piraten plötzlich in der Politik und gewannen – so meine Sicht – mit ihrem Enthusiasmus, Selbstbewusstsein und undogmatischem Auftreten viele Sympathisanten.

Man kann fast sentimental werden, wenn man in die „goldenen Zeiten“ von 2009-2012 zurückschaut. Beinahe wäre eine Partei in viele Parlamente eingezogen, die vieles hinterfragt und reinen Tisch macht mit verstaubten Sitten.

Debugging – Fehlersuche

Tatsächlich sind auch offenbar viele sentimental geworden, denn nach der Spitze bei ca. 10% Wählerstimmen ging es heftig bergab. Ich finde es nur verständlich zu fragen, wo die Ursache für die Flaute war. Aber das Prinzip Ursache und Wirkung ist eine starke Vereinfachung.

Nichts gegen Vereinfachungen. Versteht das nicht falsch, Vereinfachungen sind gut und wichtig, kein Mensch kann die ganze Komplexität der Welt verarbeiten. In der Mathematik gibt es das nützliche Werkzeug der Heuristik, ein Algorithmus, der nicht immer, aber oft zum Erfolg führt. Man darf Heuristiken anwenden, wenn man ihre Grenzen kennt und Gleiches gilt für Ursache und Wirkung.

Ich glaube nämlich, dass es nicht die eine eindeutige Ursache für das Absaufen gibt, vielmehr sind zahlreiche Löcher im Piratenschiff zu finden. (Manche glauben ja, dass die ganzen Metaphern für das Kentern verantwortlich sind, ich glaube jedoch nicht, dass man einen Seemann mit ein paar Metaphern Wasser schlucken lassen kann.)

Zunächst einmal das Offensichtlichste – die Verkehrung des Mottos „Themen statt Köpfe“ in „Köpfen für Themen„. Twitter ist voll davon. Offensichtlich bestehen viele Defizite in der Streitkultur. Da ist auch keine einzelne Person schuld, sondern eine Dynamik hat die allermeisten dazu gebracht – einfach, weil sie Menschen sind.

Auch vergessen wird oft, dass Personen kommen und gehen und es die Aufgabe des „Systems“, der Struktur, ist, dass die richtigen Personen kommen und gehen.

Wie es los ging

Woher kommen die Piraten eigentlich? Es gab mal eine Studie – entschuldigt, dass ich den Link nicht habe – die als Grundsatz der Piraten die sogenannte Hackerethik ausgemacht hat. Das finde ich eigentlich sehr schön, weil die aus meiner Sicht zugleich demokratisch, pragmatisch und idealistisch ist. Idealismus in dem Sinn, dass sie definiert, was die Fluchtpunkte sind, auf die man hinarbeitet.
Lest sie ruhig mal durch und lasst sie auf euch wirken.

Teamwork

Die Piraten haben fast so etwas wie ihren Gründungsmythos auf neue Beteiligungs- und Diskussionsformen im Netz gebaut. Und die bräuchten sie dringender denn je, wenn man sich anschaut, was in sozialen Netzwerken abgeht.

Das ist ein gesellschaftliches Phänomen, dass die Diskussionen im Netz oft so eskalieren, es hat primär nichts mit den Piraten zu tun. Der Seegang wird unsicherer, auch, weil es Godwins hagelt. Mit ein Grund für diesen Beitrag ist das Rausekeln der meisten Piratenpromis, das gerade Früchte trägt.

Ach ja, und habt ihr mal Kommentare unter den Pressemitteilungen gelesen? Die haben mich besonders desillusioniert, weil ich gesehen habe, dass die Meinungslager sich immer weiter verhärten und immer dogmatischer werden. Egal ob es um linke oder rechte oder andere Meinungen geht, wer hinterfragt, wird oft scharf angegriffen.

Nimmt sich unsere Gesellschaft also wirklich ein Vorbild an der Diskussionskultur von Talkshows, die offensichtlich mehr auf Aufmerksamkeit und Recht als auf Teamwork setzen? Wie wohltuend wäre es doch, ab und zu Leute zu hören, die sagen: Stimmt, du hast ja Recht!

Von der Scheibe fallen?

Das Konzept der Piraten, wie man es auch beschreibt, macht sich auf die Suche nach neuen Gefilden. In die Welt hinaussegeln, mutig, wo sich sonst noch niemand hingetraut hat. Da kriegt man mitunter Angst, von der Scheibe zu purzeln. Aber es gibt in der Partei Probleme, die gelöst werden müssen, und zwar schleunigst. Wenn Piraten überleben wollen, müssen sie mit neuen Ideen aufwarten und den alten Spruch „Keine Experimente!“ die meiste Zeit beiseite legen, verlieren können sie nicht mehr so viel. Aber gewinnen schon.

Auch bin ich von den ganzen Richtungsstreits sehr verwirrt – ja, richtig! Es gibt nicht nur einen, sondern zahlreiche Spannungsfelder, in denen sich die Partei bewegt.

Soll man sich auf konkrete Inhalte und Positionierungen konzentrieren, oder lieber auf Meta-Themen wie die Veränderung des Politikbetriebes und die Verbesserung der Demokratie? Professionalisierung oder Andersartigkeit?

Parteien

An diesen Konfliktlinien fällt auf, dass sie alle zwischen dem Weg etablierter Parteien und dem einer Bewegung entscheiden müssen. Während die Organisationsform der Partei am Anfang noch sehr motivierte und hilfreich war. Doch wie das eben auch bei Noten ist: Die Motivation lässt nach, wenn die Noten – respektive Wähler – nachlassen.

Cool wäre natürlich, wenn die Organisationsform Partei funktionieren würde, ohne sich zu verbiegen. Dafür wären dann schleunigst neue Ideen gefordert.Ich bin sehr hin- und hergerissen. Eignet sich einer eine Piraten-Partei oder -Bewegung? Relativ sicher bin ich mir aber, dass der kurze Aufstieg der Piraten längerfristig eine neue politische Bewegung geprägt hat. Wie seht ihr das?

So, ich hoffe, dass ich nichts vergessen habe. Wahrscheinlich könnte ich noch einen Artikel zu diesem Thema schreiben. Ihr auch (unten in den Kommentaren)?

Gute Fragen #2

Man fragt nie aus. Nur wer viel fragt, kommt dazu, nachzudenken. Darum kommen hier auch heute wieder einige Fragen:

  • Bekämpft man Intoleranz besser mit Toleranz oder Intoleranz?
  • Kann man Software schreiben, die erwiesenermaßen sicher ist?
  • Wie lautet das Supergrundrecht?
  • Gibt es irgendwo ’ne Talkshow, in der man sich ausreden lässt?
  • Was würde ich ändern, wenn ich nur noch ein Jahr zu leben hätte?
  • Wer sind die Piraten?
  • Was muss einem Menschen passieren, damit er sich radikalisiert und andere Menschen umbringt?
  • Kann ein Mensch grundsätzlich böse sein?
  • Wer hat bei uns tatsächlich die Macht?
  • Gibt es soziale Gruppen, die auf Privatsphäre angewiesen sind?

Gute Fragen #1

Im Deutschunterricht habe ich gesehen, dass das „richtige“ Fragestellen die wichtigste Fähigkeit ist. Daher werde ich immer wieder ein paar Fragen in den Raum stellen, über die man nachdenken kann, wenn man Lust zum Philosophieren hat oder nicht weiß, was man besseres zu tun hat.

Auf jeden Fall – hier sind sie, die Fragen:

  • Kann man ohne Herrschaft zusammenleben?
  • Was bewirkt eigentlich die Gewaltenteilung und warum?
  • Darf man eine CD brennen, die man aus der Bücherei ausgeliehen hat?
  • Welche Folgen hätte es, wenn man mit Technologie Gedanken lesen könnte?
  • Was ist uns (mir) (dir) am wichtigsten?
  • 6 * 7 = ?
  • Wirst du diese Frage mit Nein beantworten?
  • Wie ändert das Internet die Berichterstattung und Meinungsbildung?
  • (Wie) kann man Waffen liefern, ohne dass sie eines Tages in die falschen Hände geraten?
  • Was ist ungerechter: 1.000€ / Stunde für eine Arbeit oder 1.000€ / Monat für keine Arbeit?