Wetter-F.

Gestern Nacht, da hab ich was erlebt. Keine Ahnung, ob ihr mir glauben wollt, aber es stimmt. Wenn man etwas hautnah erlebt, ändern sich manchmal Vorstellungen.

Wir hatten es immer noch sehr lustig diesen Abend, als ich mich mit dem Fahrrad auf den Heimweg begab. Eigentlich lagen meine Nerven ja sowieso schon blank, weil mein Weg am Flüchtlingsheim vorbeiführte. Es gab ja keinen anderen! Ich war ein aufgeschlossener Mensch, aber eben einer der schlaksigeren, schwächeren Variante, und so hoffte ich, bald am Heim vorbei zu sein.

Aber dann kam der Sturm: Er drückte und schob und bremste und hob. Ich duckte mich. Mein Rad rumpelte über einen dicken Ast, einen von vielen. Über mir wackelten hängende Straßenlaternen, kein Mensch weit und breit. Und als es mir gerade zu bunt wurde, fing es auch noch an zu schneien! Erst feine, weiche Flocken, später harte Hagelkörner. Du musst es nur hinter dich bringen, sagte ich mir. Gleich bist du an dem Heim vorbei. Und in einer Viertelstunde bist du zu Hause!

Doch der Sturm wollte es nicht. Und so kam es, dass ich abstieg. Es war eine kluge, aber keine schwere Entscheidung: Ich sah eine Flagge reißen und über mir flog ein Gartenzwerg, glaube ich zumindest. Es war ganz praktisch, einen Helm dabei zu haben. So war ich vor Gartenzwergen geschützt und meine Ohren hörten nur noch die pochenden Adern. Der Gartenzwerg landete in einem Baum, der sich gerade kräftig bog, genau wie dessen Artgenossen, und setzte seinen Flug erst fort, als der Sturm abermals stärker wurde, wobei er ein bisschen Geäst mitnahm.

Die Hagelkörner wurden dicker. Zwar passten sie jetzt nicht mehr in die Löcher des Helms, spürbar waren sie trotzdem: Das war der Moment, in dem ich den Mut zu verlieren drohte! An etwas anderes zu denken war unmöglich. Ich war wanderte allein auf einer menschenleeren Alle gebogener Bäume unter tischtennisballgroßen Hagelkörnern. Es musste sich doch irgendwo ein Unterschlupf finden!

Der Weg machte eine Kurve und vor mir lag… Das Flüchtlingsheim. Ein Flüchtlingsheim war ein Gebäude, vier Wände und ein Dach über dem Kopf. Ich war gerettet.

Als ich mich dem Heim näherte, winkte mich ein Security-Mann unter das Vordach. „Haben Sie einen Hausausweis?“, fragte er. „Was bitte? Nein! Bitte bieten Sie mir Unterschlupf!“ – „Tut mir Leid, aber aus Sicherheitsgründen darf ich keine Fremden reinlassen. Könnte ja jeder kommen. Lesen Sie keine Zeitung, was manche Leute bei Flüchtlingsheimen so anstellen?“ – „Bitte, es ist ein Notfall!“ – Der Mann zögerte. „Hmm, eigentlich ist das nicht ausreichend, aber ich bräuchte immerhin Ihren Personalausweis. Haben Sie den dabei?“