4 spannende, umstrittene Wirtschaftskonzepte

„Der Dax hat am Montag nach dem jüngsten Sinkflug keine klare Richtung eingeschlagen.“

„Der deutsche Aktienmarkt ignorierte gestern die enttäuschenden Konjunkturdaten.“

„Dem deutschen Leitindex ging gestern nach mehrwöchiger Erholungsphase die Luft aus.“

Solche innovativen Sätze beglücken uns tagtäglich in unserer Zeitung. Sie vermitteln uns die geballte Erklärungskompetenz der Wirtschaftswissenschaften. Denn solche Phänomene wie der Dax und seine Freunde sind nicht so leicht zu verstehen, wie es oft vermutet wird.

Vielleicht liegt das auch daran, dass sich die Wirtschaftswissenschaften leider vielen interessanten neuen Ansätzen verweigern. Es wäre schön, wenn dieser Artikel einen Beitrag gegen Fatalismus leistet und Hoffnung auf kreative Lösungen für unsere Probleme und Krisen macht.

Außerdem werde ich ein populäres Wirtschaftskonzept beschreiben – die…

Schwarze Null

Häufig gehört in den letzten Jahren und von vielen Politikern sehr geschätzt. In Form einer Schuldenbremse steht sie seit Neuestem sogar im Grundgesetz!

Dagegen ist die Diskussion nicht ganz so fortgeschritten. Am Stammtisch dreht sie sich noch immer darum, wer oder was jetzt eigentlich die Null ist.

Für viele ist die Schwarze Null der Ausdruck von Generationengerechtigkeit, weil die Schulden schließlich von den Nachfahren bezahlt werden müssten. Um das zu verhindern, müsse der Staat sparen.

Doch so einfach ist es nicht: Ein Staatswesen ist etwas anderes als ein normaler Haushalt. Wenn der Staat spart, dann fehlt vielleicht das Geld in der Wirtschaft, das von ihm gekommen wäre. Denn bei seinen Handlungen muss der Finanzminister immer auch die Folgen für die private Wirtschaft mit einbeziehen.

Vielleicht deshalb sind wir jetzt in der spaßigen Situation, bei sinkenden Steuereinnahmen mehr Steuergelder auszugeben, ohne uns weiter zu verschulden. Unabhängig davon, wie man seinen Staatshaushalt entwirft, ein wenig Logik täte gut, oder?

Die Schwarze Null könnte also durch geringere Investitionen die umlaufende Geldmenge in der „realen“ Wirtschaft verringern. Auch um den Fluss des Geldes kümmert sich die…

Umlaufsicherungsgebühr

…aka Freigeld.

Geld soll ja u.a als Wertaufbewahrungsmittel dienen und tut es auch. Dumm ist aus der Sicht der Freigeldler nur, dass es deshalb immer wieder irgendwo auf der Strecke bleibt. In der Wirtschaft fehlt dann Geld. Vereinfacht gesagt können sich die Leute dann nicht mehr so viel kaufen und einige Geschäfte müssen schließen, so das Modell.

Aufbauend auf der Idee von Silvio Gesell sehen das auch bekannte Leute wie Margrit Kennedy so. Als Lösung schlagen sie eine „Standgebühr“ für Geld vor – der Geldschein entwertet sich also mit der Zeit, beispielsweise um sechs Prozent im Jahr.

Einige Chimgauer
Der Chiemgauer – alle drei Monate muss man sich ein Märkchen kaufen und auf den Schein kleben, damit er nicht verfällt. Quelle: Wikipedia – Liste der Regionalgelder

Ein Beispiel könnt ihr auf der rechten Seite sehen. Dargestellt ist der sogenannte Chiemgauer, der, soweit ich weiß, als Projekt von Studenten anfing und heute eine ausgewachsene Regionalwährung ist. Man muss regelmäßig eine Gebühr bezahlen, damit die Scheinchen ihren Wert beibehalten.

Auf diese Weise wollen die Chiemgauer Anreize schaffen, dass der Schein nicht irgendwo im dunklen Kämmerchen verschwindet. Viel eher, so die Idee, wird er dann wie eine heiße Kartoffel weitergereicht.

Angeblich hat das Freigeld noch einen weiteren Vorteil. Zinsen haben bekanntlich den Sinn, Anreize zu schaffen, dass man sein Geld in irgendwas anlegt. Denn nur wer sein Geld anlegt, bringt es zurück in den Kreislauf. Damit das auch geschieht, dafür gibt es die Zinsen.

Doch manche sehen in den Zinsen auch eine Schattenseite, schließlich muss die auch jemand bezahlen. Gerade Unternehmen müssen sich, solange sie keine schwarzen Zahlen schreiben, einen Kredit holen, für den sie Zinsen zahlen müssen. Dann werden die Zinsen natürlich an die Kunden weitergereicht. Wohnungsmieten dienen oft auch erstmal dazu, Schuldzinsen zu tilgen.

Helmut Creutz argumentiert deshalb, dass in den Preisen mindestens 30 Prozent Zinszahlungen enthalten sind, zum Beispiel im Bier, die wir alle täglich bezahlen müssen.

Ich erzähle euch das alles, weil diese „Umlaufsicherungsgebühr“ die Zinsen verringern könnte. Es wäre sogar vorstellbar, dass sie die Zinsen ganz neutralisiert. Wer sammelt sein Geld schon im Wandschrank, wenn es dort stark an Wert verliert? Wer sein Geld stattdessen auf die Bank brächte, bekäme auch nach zehn Jahren die gleiche, unverminderte Summe zurück. Damit wäre man dann schon zufrieden. So wird der Anreiz Zins womöglich sogar obsolet.

Für mich klingt das sehr plausibel. Ob ihr es auch eine gute Idee findet, müsst ihr selbst entscheiden, cool wäre es aber, wenn ihr mal darüber nachdenken würdet. (Meinung -> Kommentare !!!)

Wenn ihr euch nicht grundsätzlich an dem – für viele schweren – Gedanken, dass es auch ohne Zinsen geht, stört, dann seid ihr hoffentlich auch gewappnet für den nächsten Schritt, den einige in Erwägung ziehen:

Bodenreform

Nach wie vor ist ein eigenes Grundstück und ein Haus etwas unglaublich Wertvolles. Vielleicht liegt das ja auch daran, dass Boden eine Ressource ist, die niemand herstellen und die man auch nicht mehr entdecken kann. In Deutschland stehen davon 350.000 km² zur Verfügung und damit basta. Wir müssen schauen, wie wir damit zurecht kommen.

Die Idee des Freigeldes wirft ein Problem auf: Wenn sich Geld nicht mehr als Anlage lohnt, wird es noch mehr Heinis geben, die ihr Geld in Wohnraum stecken. Obwohl sie dort gar nicht leben wollen, einfach, weil sie gehört haben, es sei eine bessere Anlage. Und die, die auf billigen Wohnraum angewiesen sind, müssen es ausbaden.

Auch Wohnraum sollte nicht als Wertaufbewahrungsmittel missbraucht werden. In Anlehnung ans Freigeld könnte man auch eine stark erhöhte Grundsteuer erheben, damit sich der Boden, auf dem wir leben, nicht mehr als Anlage rentiert.

Aber der kleine Mann! Wie soll der dann noch seine Hütte bezahlen? Nun ja! So eine Grundsteuer bringt ja auch Geld ein und dieses Geld kann man auch wieder ausgeben. Es würde sich anbieten, dass man es gleichmäßig auf die Bürger verteilt, genau, wie es die Schweiz mit CO2 macht. Wer durchschnittlich viel Grund besitzt, zahlt de facto nix, wer mehr besitzt, zahlt an die, die auf Grund verzichten.

Gemeinwohl-Ökonomie

Einen völlig anderen, aber gleichermaßen interessanten Weg zu einer besseren Wirtschaft geht Christian Felber und seine Mitstreiter mit der Gemeinwohl-Ökonomie, einem umfassenden Konzept, bei dem viele Unternehmen bereits mitmachen.

Ganz habe ich sie noch nicht nachvollziehen können. Soweit ich sie begreife, geht es um eine Marktwirtschaft, die dann nachhaltig, fair etc. ist, wenn man die richtigen Anreize bietet.

Anhand von demokratisch festgelegten Kriterien, die wohl die sogenannte „Gemeinwohl-Matrix“ bilden, erstellen teilnehmende Unternehmen eine Gemeinwohl-Bilanz. Wer eine bessere Bilanz hat, soll günstigere Kredite bekommen, weniger Steuern zahlen, höheres Ansehen bei den Kunden haben usw.

Ich verstehe nur nicht so ganz, worin der Nutzen besteht, wenn z.B. Umweltfreundlichkeit durch Steuererleichterungen vom Staat bezahlt wird. Das könnte man auch jetzt schon so machen, wäre eben teuer. Wenn man bedenkt, dass die Gemeinwohl-Ökonomie schon tausende Unterstützer hat, kann es aber auch sein, dass ich etwas übersehen habe.

Das war’s

Soweit meine Darlegungen zu den Wirtschaftskonzepten, die leider nicht in aller Munde sind. Mir ist es nicht gelungen, meine eigenen Einstellungen ganz beiseite zu lassen, und mich würden jetzt auch eure Einwände, Ideen und Ergänzungen interessieren. Der erste Kommentar in diesem Blog steht noch aus, hoffentlich nicht mehr lange…