Konstruktive Massendiskussion online – wie?

Funktionierende Diskussionen in der Bevölkerung sind ein notwendiges Mittel einer Demokratie, die sich nicht auf die Meinung einiger weniger Experten verlassen soll. Das habe ich auch schon hier beschrieben.

Doch es gibt ein Problem. Um viele Leute an einer Diskussion zu beteiligen und möglichst allen bedeutsamen Argumenten der Bürger in die Öffentlichkeit zu verhelfen, reichen die analogen Möglichkeiten bei weitem nicht aus.

Eine Podiumsdiskussion besteht aus maximal zehn Leuten, die schwerlich das gesamte Spektrum abdecken. Außerdem geht es dort weniger um die offene Diskussion unter den Beteiligten, als vielmehr um das Präsentieren des eigenen Standpunktes vor dem Publikum.

Ich vermute, dass dieser Unterschied sich ganz entscheidend auf das Diskussionsklima auswirkt. Statt gemeinsam nach einer Lösung zu suchen und auf die anderen einzugehen, versucht man, seine eigene Meinung ans Publikum zu vermitteln.

In einer Podiumsdiskussion sind die Diskutanten (auf der Bühne) nicht gleich denen, die sich eine Meinung bilden (im Publikum). Dabei wäre genau diese Einheit Voraussetzung für eine Diskussion, in der die Diskutanten auch mal ihre Meinung ändern und gute Argumente suchen, statt die schlechten in positiver Weise rüberzubringen.

Doch was ist die Alternative? Es gibt bis heute nur ein einziges interaktives Massenmedium, in dem die Autoren, die Argumente bringen, gleich den Lesern, die ihre Meinung anpassen, sind. Ihr kennt es alle.

Grenzenlose Möglichkeiten?

Das Internet. Es verbindet den ganzen Globus mit seinen Exabytes von Information. Vielfach beschworen, dezentral und das Medium der Bürger zu sein, bietet es neue Möglichkeiten, wie sich Tausende, wenn nicht – man darf doch wohl noch träumen – Millionen von Menschen gemeinsam mit der Lösung von Problemen auseinandersetzen könnten.

Vor allem gehypt wurden die sozialen Netzwerke, kaum ein junger Mensch kann sich ihnen noch entziehen. Themenspezifisch haben sich die abgefahrensten Varianten von Forensoftware durchgesetzt und Wikipedia sammelt schließlich das Wissen der Menschheit.

Doch sie alle einen auch ihre Probleme, wenn es um die Diskussion von gesellschaftlichen Fragen geht. Bestimmt seid ihr alle schon mal in der Informationsflut untergetaucht, orientierungslos, ohne zu wissen, wo es denn wieder nach oben geht.

Es ist schwierig, diese ganzen Beiträge auf eine Menge zu reduzieren, mit denen ein Normalsterblicher in seinem kurzen Leben hantieren kann. Laut Statista wurden im Jahre 2013 sechstausend Stunden Videomaterial in einer echten Stunde hochgeladen. YouTube ist nur ein kleiner Teil des Netzes.

Wenn man mal alle für die Diskussion thematisch irrelevanten Themen ausblendet, schätze ich, dass wir immer noch ca. 100 Stunden pro Stunde allein auf YouTube fänden. Ein hässlicher Job, für den man mindestens 6000 vertrauenswürdige Leute anstellen müsste. Immer noch zu viel für den Normalsterblichen!

Aber gibt es denn wirklich so viele Argumente?

Dass es so viele Argumente wie Beiträge gibt, darf gerne bezweifelt werden. Für den wahrscheinlichen Fall, dass ihr schon mal eine Diskussion auf Twitter oder woanders verfolgt habt, wird euch klar sein, wie trotzdem diese Datenmengen zustande kommen.

Das gleiche Argument findet sich dort in mehrfacher Ausfertigung, man spricht auch von Re-dun-danz. Neben dem ersten thematischen Filtern müsste man also noch die ganzen jeweiligen Duplikate runterdampfen in einige wenige Beiträge.

Ein Kampf gegen die Windmühlen. Selbst, wenn die Autoren der doppelten Argumente ihre eigene Formulierung zu Gunsten einer fremden verwerfen würden, nullkommanix hätte ein neuer User dasselbe Argument nochmals gepostet.

Die Bad Guys

Abgesehen von dem unvermeidlichen Wirrwarr aus gut gemeinten Beiträgen kommen noch solche hinzu, die mit dem erklärten Ziel der Unordnung oder Manipulation verfasst wurden.

Wir sprechen natürlich von Trolling. Aber nicht nur, auch Geheimdienste pfuschen nachgewiesenermaßen gerne in Onlinebewegungen rum, wie Glenn Greenwalds Enthüllungsplattform „The Intercept“ preisgegeben hat. Bekanntermaßen ist auch Wikipedia das Opfer von Einzelinteressen.

Auch wegen ihnen bräuchte man effektive Filter- oder Ordnungsmechanismen. Aber wer Kontrolliert die Kontrolleure? Wie gesagt, diese Leute müssten voll vertrauenswürdig sein. Allein weil sie Menschen sind, können sie es gar nicht sein.

Filtern, ordnen, runterdampfen

Aha. Unser subversives Massenmedium besteht also zu einem substanziellen Teil aus für uns irrelevanten, unsachlichen, ungeordneten und böswilligen Beiträgen. Was tun?

Es gibt drei Möglichkeiten: 1. Ein Computer übernimmt das Filtern und Ordnen. Nachteil: Algorithmen sind dumm wie Stroh und können ausgenutzt werden. 2. Menschen übernehmen diese Aufräumarbeit. Nachteil: Findet mal 6000 voll vertrauenswürdige Leute, die das für euch tun! 3. Man unterbindet die Unordnung von vornherein.

Hier sind innovative Tool-Lösungen gefragt! Ein Beispiel ist das Deliberatorium.

„Folget mir in die heile Welt!“

Wenn erst mal mehrere Tool-Lösungen stehen, dann wird jede Plattform um Nutzer buhlen, wie es schon jetzt passiert. Ein Ökonom würde sagen, dass die Nachfrage nach Nutzern das Angebot bei weitem übersteigt.

Zwar finden sich in gängigen sozialen Netzwerken mehr als genug Leute. Doch diskussionstechnisch sind sie, wie oben beschrieben, einfach nur jenseits von Gut und Böse. Also die Tools. Lasst euch sagen, Freunde, finsterstes Mittelalter.

Die chancenreicheren Kandidaten sind auf der öffentlichen Bildfläche nämlich überhaupt nicht wahrnehmbar. Mal werden sie als langweilig empfunden, mal sind sie der Usability-Alptraum schlechthin, oder sie scheitern einfach daran, dass die ganzen Nutzer fehlen, um die Plattform attraktiv zu machen.

Dazu ein passendes Zitat aus einer Arbeit von Mark Klein zu seinem Deliberatorium (Seite 8):

It has been found (…) that users are motivated by two key benefits when contributing to social computing systems:
(1) finding their tribe (i.e. getting connected with
people who share their interests) and
(2) becoming a hero (having a substantive positive impact
on a community they care about)

Für mich ist diese Stelle ein richtiges Aha-Erlebnis. So auf den Punkt gebracht hat mir das noch niemand. Wühlt doch mal in euren eigenen Gefühlen! Treffen diese Punkte auf euch zu? Bewegt ihr euch nicht auch lieber auf Plattformen, die diese Kriterien erfüllen?

Schluss: Steile These

Macht euch nun gefasst auf die steile These dieses Artikels! *trommelwirbel*

Ich glaube nämlich, dass diese beiden Motivationen auch dazu beitragen, dass Online-Diskussionen oft so harsch ablaufen. Ist es nicht menschlich, dass man lauter schreit, wenn man das Gefühl hat, dass man nicht gehört wird?

Ich schaue da auch auf mich selbst, wenn ich das schreibe. Wer sich an der Online-Meinungsbildung beteiligen möchte, sich aber ständig ignoriert fühlt, ist eher geneigt, auch mal gegen die Netiquette zu verstoßen. Oder sich Likes zu kaufen. Oder…

So. Langer Artikel. Hat mir Spaß gemacht. Und euch? Seht ihr Meinungsfindungs-Tools als sinnvolle Bereicherung an? Oder als Energieverschwendung? Wie würdet ihr ein solches Tool konstruieren? Habt ihr Erfahrungen mit solchen Tools gemacht?

Das Kartenhaus

Unzufrieden grübelte er vor sich hin.

Der große Bruder hatte die blauen Kärtchen sorgsam aufeinander geschichtet, Stein auf Stein, wieder einen Stein weggenommen, begutachtet und wieder woanders aufgestellt. Er hatte schon andere errichtet, doch sie alle krankten an dem einen Fehler, von dem sein neues und letztes Werk frei war. Er zumindest hatte große Freude an dem neuen Werk gehabt und auch die meisten seiner Freunde von seinen Vorzügen überzeugt.

Netter Versuch, dachte jetzt der Jüngere, nur weil das Ding besser als die vorherigen war, war es noch nicht gut. Sein Bruder verstand sowieso nichts vom Bauen. Ihm fehlten schlicht und einfach die planerisch-theoretischen Fähigkeiten. Darum musste der Angsthase damals auch immer an seinem bestehenden, schlechten – denn nicht perfekten – Häuschen nachbessern. Er hatte sehr daran gehangen.

Aber gut, wenn der Alte nicht die Eier dazu hatte, dann gab es wohl nur noch einen, der zusätzlich zu den Eiern auch noch die passenden Ansätze hatte, um ein für alle Mal ein besseres Häuschen aufzubauen. Er hatte es in Gedanken tausendmal durchgespielt – er war sich hundertprozentig sicher, dass er Erfolg haben würde.

Doch selbst wenn das eine letzte Prozent einträfe: Wäre das denn so schlimm? Der senile Knacker war offensichtlich auch noch sentimental, sonst würde er doch nicht so sehr an den kleinen Pappendeckeln hängen.

Lange hatte er darauf gewartet, er hatte alles auf eine Karte gesetzt, er hatte dafür gekämpft, sein Leben aufs Spiel gesetzt. Der nicht mit ihm verwandte Knacker, der das alte Dingens in einem Moment geistiger Umnachtung hier aufgestellt hatte, hätte alles getan, um seinen ach so kleinen und unbesonnenen Bruder davon fernzuhalten, genau, wie es auch die anderen versucht hatten.

Doch jetzt saß er hier, vor der bläulichen Wand, vor der einst noch das Krampfadergeschwader gesessen hatte. Jetzt hatte er die Karten in der Hand und das Ass im Ärmel. Wenn sein damaliger Bruder bei Sinnen wäre, dann auch in seinem Sinn.

Er konnte es ihnen jetzt zeigen. Zu ihrem eigenen Wohl. Bei dem Gedanken schnippte er unwillkürlich eine Karte weg. Es ertönte ein dumpfes Geräusch von draußen, wahrscheinlich war wieder sein Bruder verantwortlich, der alte Sack!

Triumphierend, wie im Rausch, setzte er mit seinem Zeigefinger erneut an – es war ein großartiges Gefühl! Die große Säuberungsaktion hatte begonnen.

Ja, jetzt schrien sie noch, die Leute. Doch sie würden ihm noch danken, oder ihre Kind..eskinder. Eines Tages würden sie ihn dafür feiern.

Im Affekt schlug er dem Gebäude mit der flachen Hand den Sockel weg. Wenn die Ursachen tief liegen, muss man eben tief graben. Er wollte gerade aufstehen und seinen Triumph feiern, als er gegen die blaue Wand geschleudert wurde. Hatte er einen Fehler gemacht? Ihm fiel keiner ein. Da fiel ihm auf, dass die Wand selbst schwankte. Das junge Genie linste ein letztes Mal auf das zusammengeklappte Kartenhaus, bevor das Licht ausging.

Woher kommen die Feinde der offenen Gesellschaft?

Weit draußen, in den unerforschten Einöden eines total aus der Mode gekommenen Ausläufers des westlichen Spiralarms der Galaxis, leuchtet unbeachtet eine kleine gelbe Sonne. Von den ganzen Planeten, die um sie herumkreisen, gibt es wahrscheinlich nur einen einzigen, auf dem Leben existiert.

Unter den Lebewesen hat sich eine Bioform herauskristallisiert. Sie lebt an unterschiedlichsten Orten mit unterschiedlichem Wohlstand und unterschiedlichen Gesellschaftsordnungen.

Nur ein geringer Teil dieser ganzen Landschaft kann als besonders lebenswert für die Bewohner bezeichnet werden. Dessen Bewohner sind zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort, denn sie sind umgeben von wirtschaftlichem Reichtum und führen ein Leben in Würde.

Diese Bewohner sind wir. Wir sind die glücklichen Bürger einer sozial- und rechtsstaatlichen Demokratie, die wirtschaftlich floriert und die Rechte der Individuen sichert.

Aber die Geschichte hat uns schon oft gelehrt, dass überall dort, wo die Demokratie die autoritären, geschlossenen Gesellschaftsformen ersetzt hat, mit ihr auch ihre grundsätzlichen Kritiker entstehen. Wie kann das sein? Wir haben eine Grundordnung, die sich wie keine andere in der Praxis bewährt hat, indem sie die Rechte ihrer Bürger schützt.

Klarstellung

Ich bin kein Konservativer. Nichts liegt mir ferner, als alles gutzuheißen, was hier in Deutschland politisch geschieht. Man sollte aber auf keinen Fall übersehen, dass unser System ein deutlicher Fortschritt gegenüber früherer Systeme ist, was Menschenrechte und Gleichheit vor dem Gesetz und vieles mehr angeht.

Weiter muss ich zugeben, dass Karl Popper mich für zu diesem Artikel inspiriert hat (und zuvor der Soziopod zu Karl Popper ;o) ). Euch allen kann ich sehr empfehlen, seine Bücher und vor allem Die offene Gesellschaft und ihre Feinde zu lesen. Hab‘ gerade den ersten Teil fertig und bin wirklich schwer beeindruckt. Was seine Vorstellungen von Demokratie und Erkenntnis angeht, spricht er mir aus der Seele!

Aber jetzt¹ zurück zum Thema: Wir leben auf einem von vielen Planeten und in einem von vielen Ländern, nämlich in einem der besten. Trotzdem gibt es viele, die ein Problem mit unserer Gesellschaftsform haben. Warum?

¹) Und ja, die Einleitung ist von Douglas Adams inspiriert 😀

Vor- und Nachteile

Ich bin fest überzeugt, dass die meisten, die sich nicht mit unserer Demokratie zurechtfinden, auch wirklich dieser Meinung sind und nicht nur an die Macht wollen. Schließlich hat auch unsere Gesellschaft Nachteile gegenüber den alten, geschlossenen Gesellschaften. Wir sollten dem ins Auge schauen, denn nur so können wir diese Leute überzeugen, dass die Vorteile überwiegen.

Mit dem Entstehen unserer offenen Gesellschaft, wie Popper sie nennt, werden sehr viele Zwänge abgebaut. Das hat wahnsinnige Vorteile, aber mit dem Schwinden von festen Bindungen zwischen den Menschen gibt es auch immer mehr Menschen, die sich einsam und allein gelassen fühlen.

Diese Leute wollen zurückkehren in die geschlossene Gesellschaft, in der „jeder seinen festen Platz“ hat, also auch sie. Man muss dann nicht für alles und jeden Verantwortung übernehmen, weil einem die Entscheidungen abgenommen werden. Nicht zu unrecht meinten ein paar Philosophen, wir seien zur Freiheit verdammt.

Die Leute, die aus diesem Grund „Feinde der offenen Gesellschaft“ geworden sind, haben ihre grundlegenden Wertvorstellungen weggeworfen und durch neue ersetzt.

Statt gleicher Chancen und Freiheiten streben sie dann nach einer Zementierung der gesellschaftlichen Schichten und statt einem Staat, der den Bürgern diene, wollen sie dann einen Bürger, der dem Staat diene.

Weil diese Werte grundsätzliche Werte sind, die man nicht auf argumentativer Basis verändern kann (denn Argumente benötigen gemeinsame Werte als Grundlage), sind sie auf der Gefühlsebene eingeführt worden. Triebkraft war nicht das Argument, sondern die eigene Desintegration von der Gesellschaft oder die Last der ganzen Entscheidungen, woraus die Überzeugung entsprungen ist, dass man einen radikal neuen Weg gehen muss.

Was ist zu tun?

Schwere Frage. Weil die Wertvorstellungen grundsätzlich anders sind als unsere, können wir aus dem gleichen Grund auch niemanden auf der rein argumentativen Basis zurückholen zu unseren Werten.

Wir sollten aber endlich anerkennen, dass es auch Menschen gibt, die unter unserer Gesellschaft zu leiden haben, und sollten versuchen, diese Gruppe zu minimieren. So verkleinern wir zumindest die Risikogruppe, die sich gegen eine offene Gesellschaft richten könnte.

Nachdem wir uns also über unsere grundsätzlichen Ziele klar geworden sind, können wir nun überlegen, wie wir sie am besten umsetzen. Dabei werden wir nicht um Veränderungen der aktuellen Gesellschaft herumkommen, müssen wir aber auch gar nicht!Veränderung ist nötig, denn ohne Veränderung würde die Menschheit nicht lange überleben. Klimaschutz ist nur durch Veränderung möglich und auch politisch entstehen ständig neue Herausforderungen.Lasst uns diesen Herausforderungen ins Auge sehen und die Möglichkeiten schaffen, unsere Welt zu verändern – in kleinen, überschaubaren Schritten und Experimenten, mit denen wir wenig kaputtmachen, aber viel lernen und verbessern können!Und jetzt ist natürlich wieder die Meinung eines Jeden gefragt, der Lust hat, etwas in den Kommentaren beizutragen

Diskurs schlägt Wahl

Wohl zurecht bekommen neue Ideen zur Machtausübung durch das Volk zur Zeit eher viel Aufmerksamkeit. Da wären Volksabstimmungen, da wäre außerdem noch Liquid Feedback, und Onllinepetitionen braucht man gar nicht zu erwähnen. Sie sollen dem Volk Macht geben, die es bisher nicht hat.

Doch dieser alte Machtbegriff ist vielleicht nicht mehr aktuell. Viel wichtiger als Wahlen sind Meinungen. Warum das so ist, werde ich euch hier zu erklären versuchen.

Was ist Macht heute?

Früher war doch alles so einfach. Man hatte eine klare Klasseneinteilung – da der Klerus, da der Adel und dort unten der Rest. Keine vernünftige Person würde wohl bezweifeln, dass die Macht lange Zeit auf die obersten und kleinstbesetztesten¹ beiden Stände verteilt war.

Aber wer hat heute die Macht?

Das Volk? Das Volk darf Politiker wählen, die dann bestimmen. Aber das „Volk“ ist ja nicht nur eine Person, das Volk sind Millionen von Menschen, Menschen außerdem, die täglich in ihrer Meinung beeinflusst werden von Medien. Auch die Medien sind keine Einheit.

Ach ja: Machen die Politiker nicht sowieso, was sie wollen? Ist das Wahlrecht nicht unfair und verfälschend? Möglicherweise hat die Macht auch eine vielbeschworene „Plutokratie“² der Wirtschaftselite, die Politiker und Bürger sowie deren politische Ausrichtung kaufen kann.

Das ist alles sicher nicht falsch. Aber wir müssen mal wieder anerkennen, dass es keine einfache Antwort mehr auf die Machtfrage gibt. Man kann Macht keiner Person oder Gruppe mehr zuordnen. Das macht auch Sinn. Die Demokratie soll ja gerade diese Form von Macht unterbinden.

Stattdessen liegt Macht heute in der Meinung. Los ging es damit mit den jüngeren Revolutionen. Nennt mir eine Revolution, die funktioniert hat ohne einen Meinungswandel!

Angenommen, wir, das Volk, hätten zu einem Thema eine weitestgehend klare und einheitliche Meinung. Wo wäre das Problem, angenommen, wir wählten entsprechend?

Diese Meinung würde sicher von den dann gewählten Politikern vertreten. Falls nicht, dann wären die Politiker wohl nach wenigen Jährchen weg vom Fenster, falls die öffentliche Meinung so klar bliebe wie angenommen.

¹) ‚Tschuldigung, dieses lange, schlimme Wort werde ich nie wieder verwenden, versprochen!!

²) Plutokratie, die: Herrschaft des Untergrunds.

Woher kommen Meinungen?

Wenn wir nach den politischen Dynamiken fragen, müssen wir also nicht mehr nur nach der Quelle der Macht fragen. Wichtiger noch ist die Quelle der Meinungen. Denn Meinungen entscheiden Wahlen, und Wahlen können theoretisch alles verändern.

Ihr könnt es euch schon denken – die Quelle der Meinungen ist nicht leichter zu finden als die der Macht.

Meinungen kommen oft von Massenmedien, die für eine sinnvolle Berichterstattung zwangsläufig auch Meinungen und nicht nur Fakten vermitteln.

Neben ihnen gibt es charismatische Personen mit Autorität, denen Menschen Glauben schenken. Auch Werbung beeinflusst uns in unserer Weltsicht, denn das ist ihr Sinn und Werbung ist schließlich eine Milliardenbranche.

Das sieht doch sehr arg nach dem alten Machtkonzept aus. Einzelne Medienhäuser und Personen können etwas sagen, was ihnen dann häufig abgenommen wird. Sie haben Meinungsmacht, über die sie verfügen können, auch willkürlich.

Doch das ist nur die Hälfte…

Machtfreie Meinungsmache

Neben den Meinungsmächtigen gibt es eine weitere Kraft, die für die Meinungsbildung sehr wichtig ist, nämlich die Diskussion.

Ziel einer Diskussion ist es, die ganzen diversen Meinungen und Weltbilder, die deutschlandweit in achtzig Millionen Köpfen vorhanden sind, auszutauschen. Der Ausgang einer Diskussion, also die angepassten Weltbilder, ist in einer Diskussion offen.

Wenn alles gut läuft, werden in der Diskussion zahlreiche Widersprüche in den Weltbildern aufgedeckt. Auf diese Weise können schlecht begründete Meinungen angepasst werden.

Je sachlicher und tiefer diese Diskussionen von möglichst vielen Menschen geführt werden, desto fundierter werden die Positionen der beteiligten Diskutanten.

Zoom Out

Ich hoffe, schlüssig begründet zu haben, warum Meinungen viel entscheidender sind als beispielsweise ausgefeilte Wahlvorschriften.

Ich habe mal gehört, wir leben in einer 50:50-Demokratie. Wichtige Entscheidungen sollte man nicht den Launen der wenigen Swing-Wähler überlassen, die das Zünglein an der Waage bilden. Wenn die Entscheidungen nicht so knapp wären, bräuchten wir auch die Wahlvorschriften nicht so dringend.

Umgekehrt machen Liquid Feedback und andere direktdemokratische Ansätze keinen Sinn, wenn die Meinungen der Bürger nicht vernünftig zustande gekommen sind.

Damit meine ich, dass hinter diesen Meinungen fundierte Begründungen stehen sollten. Und klar, fundierte Begründungen erhält man durch Abwägen von Argumenten, und das im Austausch mit anderen – also durch die Diskussion!

Die Diskussion hat angefangen, althergebrachte Machtstrukturen in unserer Gesellschaft aufzulösen. Doch wenn sie versagt, dann können schlimme Dinge passieren. Mit der Diskussion steht und fällt der Souverän des Volkes. Wir sollten in die Diskussion investieren!

Obligatorischer Schlussappell

Weil ich Diskussionen für so essentiell halte, plane ich einen Beitrag über den theoretischen Hintergrund von Diskussionen.

Auch dafür, aber nicht nur dafür wäre ich sehr dankbar über Feedback. Die Suche nach Menschen, die sich mit mir über spannende Themen austauschen wollen, ist ein wichtiger Grund, warum ich diesen Blog begonnen habe.

Und in diesem Zusammenhang noch der Disclaimer, dass ich gerne bereit bin, meine Meinung auf ein gutes Argument hin anzupassen…

Right to Be Heard

Schlimmer als ein schlechtes Argument ist manchmal nur ein gutes Argument, das nicht gehört wird. Oft sehe ich mir gequält Talkshows und die Reden von Politikern an und denke mir, dass sie ein wichtiges Argument übersehen haben!

Voller Tatendrang gehe ich meine Optionen durch, wie das Argument in die Öffentlichkeit zu bringen wäre: Ich könnte einen Tweet schreiben, einen Leserbrief verfassen, die Sache meinem Nachbarn erzählen, eine Petition versuchen – aber meine Reichweite schrumpft letzten Endes im Vergleich zu den achtzig Millionen deutschen Einwohnern auf ein deprimierendes, mickriges Pünktchen.

An dieser Stelle kam Inspiration vom sogenannten Consumer Bill of Rights:

Was wäre also, wenn es nicht nur das (wichtige!) Recht auf die freie Meinungsäußerung gäbe, sondern auch das Recht, von Gesellschaft und Politik gehört zu werden? Wenn sich Politiker mit meinem Argument befassen müssten?

HALT! Nicht wegklicken!

Es wäre natürlich Schwachsinn, wenn unsere 600 Bundespolitiker jede Äußerung, jedes Argument und jeden Liebesbrief von allen 80.000.000 Bürgern an sie lesen und beantworten müssten. Lasst uns trotzdem einmal durchspielen, wie weit man diese Idee umsetzen könnte. Es lohnt sich, wirklich.

Um die Grundidee zu wiederholen: Jeder Bürger hat das Recht, dass seine Argumente gehört werden. Das „Right to Be Heard“ als Erweiterung des Rechts auf freie Meinungsäußerung. Aber wie das konkret aussähe, ist eine berechtigte Frage.

Ich könnte mir vorstellen, dass Bürger Anfragen an Politiker stellen dürften, also Fragen, Argumente oder Anregungen. Wenn die Anfrage zur öffentlichen Meinungsbildung, also Diskussion, beitragen könnte, dann wäre der adressierte Politiker, die adressierte Fraktion oder die Regierung gezwungen, eine Stellungnahme dazu abzugeben.

Das Feinkonzept

Wenn diese verrückte Idee irgendeine Chance haben soll, dann muss man festlegen, wann eine Anfrage als Beitrag zur öffentlichen Meinungsbildung zählt. Ich würde sagen, dass das der Fall ist, wenn…

  1. …die Anfrage oder die mögliche Reaktion noch nicht in der Öffentlichkeit ausdiskutiert wurde und…

  2. …die Anfrage respektvoll formuliert ist und…

  3. …die Anfrage eine reelle Chance auf eine Beeinflussung der öffentlichen Diskussion hat.

Stimmt zwar, dass das keine objektiven Kriterien sind. Ich glaube aber, dass es möglich sein sollte, dass eine Gruppe zuständiger Beamter relativ eindeutige Entscheidungen treffen könnte. Ein (Schieds-)Gericht könnte die problematischen Fälle nach einer Klage genauer untersuchen und ein zufriedenstellendes Urteil fällen, natürlich auch mit Prozesskosten.

Außerdem wäre noch zu klären, welche Reaktionen des Adressaten akzeptiert werden. Bestimmt nicht ausreichend wären knappe Antworten wie „Ich stimme nicht zu“, weil es für die Öffentlichkeit schon ganz gut wäre, den Grund für die Position des Politikers zu kennen.

Praktisch könnte man es dem Fragesteller offen lassen, nochmal nachzuhaken, und wenn der angesprochene Politiker dann nicht mehr antworten will, muss eben wieder geprüft werden, wer im Recht ist.

Bürger-Tsunami

Wenn man sich überlegt, wie viele Menschen in Deutschland etwas auf der Zunge liegt, das sie an ihre Politiker los werden wollen, dann wird klar, dass man mit einer Anfrageflut zu rechnen hat.

Bis die Anfragen zu den Politikern durchdringen, reduzieren sie sich aber sicher noch ein bisschen: Doppelte werden ja aussortiert, aussichtslose auch. Man kann darüber streiten, wie viel da am Ende noch übrig bleibt, aber ich hätte kein Problem damit, wenn jeder Abgeordnete einen Mitarbeiter mehr bekommt, der für ihn die Fragen verwaltet oder beantwortet – solange der Politiker die Verantwortung für die Aussagen übernimmt. Finanzierbar wäre das sicherlich.

Die Vorteile könnten dagegen enorm sein: Das Recht, gehört zu werden, könnte vielen Bürgern das Gefühl zurückgeben, etwas bewirken zu können und nicht auf taube Ohren im Regierungssessel zu stoßen.

Auch würden diese Bürgeranfragen womöglich oft die öffentliche Debatte in neue Richtungen lenken, weil Politiker keine Themen mehr totschweigen könnten oder durch die Anregungen selbst auf neue Ideen kommen.

Fazit

Das sind meine Gedanken zum Recht, gehört zu werden. Gute Idee, aber man müsste eben sehr genau definieren, was eine Anfrage ist und was eine befriedigende Reaktion ist.

Wenn das funktionieren würde, dann hätten wir Bürger die Garantie, dass Politiker unsere Sorgen ernst nehmen und angemessen auf sie reagieren.

Ich bin sicher, dass einige Leser hier eigene Vorstellungen haben. Sagt mir doch mal, ob ihr das für eine gute Idee haltet und warum (nicht?). Ihr werdet auch garantiert von mir gehört!