Battlecard Demokratie: Rousseau

Herzlich Willkommen zum ersten Beitrag der Serie „Battlecards Demokratie„. Ziel wird sein, die verschiedenen Vertreter der ganzen Konzepte zur Demokratie vorzustellen. Mein Augenmerk wird darauf liegen, wie diese Leute geprägt wurden und wie sie gedacht haben, um den damaligen gesellschaftlichen Kontext nicht zu vernachlässigen. Sonst zieht man falsche Schlüsse, wenn man ihre Gedanken in die Moderne überträgt.

Ab der zweiten Folge werde ich auch nicht mit Vergleichen und Verknüpfungen geizen – es sollte euch dann möglich werden, anhand dieser „Battlecards“ die verschiedenen Sichtweisen zu erkennen.

Wie ihr sowieso schon dem Namen entnommen haben werdet, geht es heute um Rousseau. Neben Montesquieu war er einer der französischen Vordenker unserer Demokratie, aber nicht unumstritten, was ihn noch interessanter macht!

 Rousseaus Kurzbio

(Frei nach: Wikipedia 😉

Jean-Jaques Rousseau
Lockenkopf, ganz wie seine Zeitgenossen: Jean-Jaques Rousseau

1712 gerade so auf die Welt gekommen, stirbt nur wenige Tage später seine Mutter.

Als Kind hat Jean-Jaques sehr viel Spaß am Lesen, den er wohl auch von seinem viel vorlesenden Vater hat. Leider muss auch sein Vater sich nach zehn Jahren von Jean-Jaques verabschieden, weil er einen Polizisten verletzt hat.

Jean-Jaques geht es auch weiter nicht gut in der Kindheit. Er wird zwei Jahre von einem Pfarrer aufgenommen, aber dort wird er körperlich misshandelt. Er ist ein Sonderling. Wie soll er Freundschaften schließen, wenn die ganzen Gleichaltrigen andere Hobbys haben als er?

Während die anderen also normalen Beschäftigungen nachgehen, verschlingt Jean-Jaques lieber noch ein paar Bücher. Auch träumt er gerne, was ja auch verständlich ist, in der echten Welt ist er ja anscheinend nicht so willkommen, muss ihm scheinen.

Während aus Jean-Jaques der erwachsene Rousseau wird, geht es ihm immer noch nicht anders. Darum beschließt er, sich auf Wanderschaft zu begeben.

Glücklicherweise trifft er hin und wieder Leute, die ihn einstellen oder ihm eine Wohnung geben, die er ganz allein wohl nie bekommen hätte. Rousseau findet nämlich nie einen dauerhaften Job – was auch damit zu tun haben könnte, dass Rousseau sich lieber auf die Musik und Literatur konzentriert. Dabei bleibt er immer abhängig von seinen Mitmenschen.

Er scheint sehr kreativ zu sein, denn dabei kommt er auch recht gut an. Eine seiner Schriften macht ihn dann sogar in ganz Europa bekannt!

Doch Rousseau lässt sich davon nicht beirren. Weiterhin lebt er lieber als Sonderling, denn er kritisiert immer schärfer die Gesellschaft und macht sich auch sonst mehr Feinde als Freunde (und Freunde zu Feinden). Dabei bekommt er immer wieder eine Hand zugestreckt, die ihm seinen Lebensunterhalt sichern könnte.

Innerhalb von sechs Jahren schreibt er dann stattdessen die Bücher, die ihn heute so bekannt machen, damals aber zu seiner Verfolgung führen…

 Gedanken

Zum einen wäre da der Roman Émile. Rousseau hat ihn mit pädagogischem Hintergedanken geschrieben, um den Leuten klarzumachen, dass man Kinder eher in der Natur als in der Zivilisation aufziehen sollte, damit sie die Freiheit zu schätzen lernen so wie er.

Es macht ja auch Sinn, dass Rousseau die Zivilisation nicht so arg schätzt. Schließlich hat er sich in ihr ja nie so ganz wohlgefühlt.

Wichtig ist, dass dort schon vom Gesellschaftsvertrag die Rede ist. Mehr dazu erzählt Rousseau in seinem anderen, gleichermaßen verbotenen Buch Du Contrat Social. Laut Rousseau braucht es einen Vertrag zwischen den Menschen, auf den sich alle gemeinsam einigen und an den sich alle halten sollen/wollen, weil er allen dient (vergleichbar mit einem allgemeinen Gesetz).

Gemein- und Gesamtwohl

Um diesen Vertrag zu schließen, muss man erst mal wissen, wie man das tut. Der Vertrag soll ja allen dienen, was nicht so trivial sein sollte. Bevor wir Rousseaus Ansatz durchgehen, möchte ich gerne noch ein bisschen theoretischen Background schaffen:

Rousseau unterscheidet nämlich gerne zwischen dem Gemeinwohl und dem Gesamtwohl. Ich verstehe den Unterschied so, dass man sich Gesamtwohl als Verhandlungsergebnis oder Summe der Interessen vorstellen kann – demnach ist jeder auf seinen Vorteil bedacht und dann wird verhandelt.

Dagegen – und das ist entscheidend! – ist das Gemeinwohl, was allen zu Gute kommt. Es geht hier nicht um Verhandlung, es geht darum, einen kooperativen Weg in Richtung Gemeinwohl zu beschreiten.

Wie das genau geht, hat Rousseau wahrscheinlich nicht beschrieben, aber ich könnte mir gut die Diskussion als Mittel der Wahl vorstellen. Man sucht also gemeinsam danach, was jetzt wohl für alle am besten ist, statt nur zu seinem eigenen Vorteil zu verhandeln.

Gesamtwohl: Interessenvertretung und Verhandlung. Gemeinwohl: gemeinsames Ziel und Diskussion.

Menschenbild

Wenn Rousseau nicht Rousseau wäre, sondern Thomas Hobbes, dann würde er das wahrscheinlich nicht so sehen. Hobbes nämlich war, aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen, der Meinung, dass Menschen grundsätzlich nur nach sich selbst schauen – oder in seinen eigenen Worten:

„Der Mensch ist dem Menschen Wolf.“ (homo homini lupus)

Hobbes kam deshalb nicht zu dem Schluss, dass die Menschen fähig sind, ihre Zukunft selbstständig in Kooperation zu beschließen, sondern dass es dafür einen starken Anführer braucht, der ihnen die Freiheit „abnimmt“.

Rousseau war da aber ganz eindeutig eher das andere Extrem, indem er die Meinung vertrat, dass die Menschen im Naturzustand, fern von jeder Zivilisation und jeder Unfreiheit, zu anderen Menschen grundsätzlich nett sind.

Auf den Einwand, dass man davon aber wenig mitbekommt, ist seine Antwort, dass die Menschen durch die Zivilisation eingeengt und korrumpiert werden und in der Folge nicht mehr nach dem Gemeinwohl streben. Wenn der Mensch damit aufwächst, von anderen Menschen unterdrückt zu werden, macht er das irgendwann auch, so sein Gedanke. Aber niemand ist einfach so böse, ohne, dass er sich unter Druck gesetzt fühlt.

Direkter Demokratiephilosoph über direkte Demokratie

Wie schon erwähnt, war Rousseau ja ein sehr direkter Mensch, wovon er nicht gerade profitiert hat. Aber nicht nur das: Er war auch der Begründer der direkten Demokratie.

Während seine Philosophenkollegen wie Montesquieu von einer repräsentativen Demokratie mit gewählten Volksvertretern sinnierten, hatte er etwas anderes im Sinn.

Die Bürger sollten ohne Umwege die Entscheidungen selbst treffen.

Ich kann ja nicht in seinen ehemaligen Kopf schauen, aber es gibt dafür schon auch Gründe. So wird der Wille des Volkes auf diese Weise nicht verfälscht.

Dabei ist der Knackpunkt in dieser Diskussion nur, wie viel Macht man dem Willen des Volkes geben will. Rousseau war der Meinung, dass das Volk das Gemeinwohl im Sinn hat, solange es seine Grundbedürfnisse befriedigt hat, also jeder überleben kann und sozial integriert ist.

(Wir dagegen setzen dem Volkswillen mit dem Grundgesetz Schranken, weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass der Volkswillen nicht immer Gemeinwohl bedeutet.)

Als Ideal würde er einstimmige (Konsent-)Abstimmungen über Gesetze usw. ansehen, die er aber selbst für unrealistisch hält. Er geht aber davon aus, dass auch Mehrheitsentscheidungen funktionieren, solange es den Menschen gut geht.

 Die Krux mit der Wahrheit

Es scheint, als würde Rousseau das Problem weniger im Finden des Gemeinwohls sehen, als darin, dass die Leute sich wirklich danach richten.

Dabei ist das Finden sicherlich genauso schwer. Viele Philosophen haben sich schon die Zähne daran ausgebissen, wie ein gerechter Staat aussähe. Man könnte mit ihren Namen einen ganzen Artikel füllen! Rousseau selbst hat das kaum versucht, vielleicht hat er es sich deshalb so einfach vorgestellt.

Es geht doch schon mit der Gerechtigkeit los. Was ist denn nun gerecht? Jeder Bürger zahlt den gleichen Betrag als Steuer? Die Reichen sollen aber mehr bezahlen!, höre ich jetzt viele denken. Oder denkt doch mal ans Bedingungslose Grundeinkommen

Vielleicht sollten wir endlich einsehen, dass niemand die Wahrheit gefunden hat, zumindest kann sich niemand sicher sein. Und niemand kann beweisen, dass er die Wahrheit hätte. Oder die perfekte Staatsform.

Denn wer sich der Wahrheit zu sicher ist, der geht für sie auch über Leichen. Super erkennbar ist das am real existierenden Kommunismus. Da waren sich Menschen so sicher, die ultimative Lösung für die Probleme der Menschheit gefunden zu haben, dass sie alle umgebracht haben, die sich dagegen aufgelehnt haben. Diese Staaten haben Rousseaus Logik auf eine gewisse Weise missbraucht, indem sie ihre persönliche Meinung als Gemeinwohl verkauft haben.

Andere Meinungen waren für sie nur Lüge und Heuchelei, obwohl sie in Wirklichkeit ehrlich vertreten wurden.

Fazit

Rousseau hatte ein optimistisches Menschenbild, nach dem der Mensch ans Gemeinwohl denkt, wenn er nur nicht unter Druck steht.

Darum hat er auch darin vertraut, dass Menschen, wenn sie selbst über ihre Angelegenheiten abstimmen, „die“ Lösung zur Umsetzung des Gemeinwohls unterstützen werden.

Die Idee, dass die Menschen fähig sind, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln, ist mit dem Begriff Volkssouveränität bis heute wichtig.

So, das war’s jetzt nach ca. 1400 Wörtern mit Rousseau. Schreibt mir doch bitte endlich mal ein Feedback, wie ihr diesen Artikel findet und was eure Anregungen zum Thema sind!

Religion – Werte – Fakten

Ich habe das Glück, sowohl Freunde zu haben, die sehr religiös sind, als auch solche, die der Religion sehr kritisch gegenüberstehen. Das Thema ist momentan ja sehr kontrovers. Wofür ist Religion denn nun verantwortlich? Sind die IS-Terroristen denn nun aus religiösen Gründen gewalttätig?

„Religion ist das Opium des Volkes“, hat zum Beispiel Karl Marx gesagt, vermutlich, weil er berechtigterweise festgestellt hat, dass die ausgeübte Religion häufig im Widerspruch zur Vernunft stand (und steht?). Andere wiederum finden, dass Religion den Menschen Halt und Sicherheit vermittelt. Religion ist vielleicht auch der Träger von Werten. Aber gute oder schlechte Werte?

Religion und Werte

Religion konserviert Werte, weil sie meist traditionell ausgerichtet ist. Entweder sind Bräuche überliefert oder es gibt ein Schriftstück, das die Werte festhält.

Manche sehen das als Problem. Man kann aber auch einwenden, dass Werte etwas Beständiges sein sollten. Was bringen denn Werte, die man jeden Tag ändern?

Das „Konservieren“ ist nur dann ein Problem, wenn dabei Dinge als absolut überliefert werden, die eigentlich längst obsolet sein sollten. Zum Beispiel, wenn Menschen in der Bibel oder im Koran lesen, dass Homosexuelle oder Ehebrecher gesteinigt werden sollen.

Das Problem liegt dann aber nicht unbedingt bei Bibel oder Koran! Das größte Problem ist, wenn Leute nicht kapieren, dass nicht alles dort wörtlich zu nehmen ist. Auch wenn es um Gottes Buch geht: Letztendlich wurde es von Menschen geschrieben. Und diese Menschen entstammen einer Gesellschaft, in der Dinge wie selbstverständlich galten, die heute nicht mehr vertretbar sind.

Religion heute

Vielleicht lasse ich mal jemanden sprechen, dem von den meisten Menschen sehr viel Respekt gezollt wird, unabhängig von der Weltanschauung: Der Dalai Lama. Er hat etwas gesagt, das ich persönlich seehr spannend fand:

Würde eine wissenschaftliche Analyse unzweifelhaft nachweisen können, dass einige Behauptungen des Buddhismus falsch sind, dann müssten wir diese Erkenntnis akzeptieren und diese Behauptungen dann fallen lassen.

Bitte versteht diesen Satz nicht falsch. Der Dalai Lama sagt damit ganz sicher nicht, dass er Religion für ein Auslaufmodell hält, wenn die Wissenschaft voranschreitet. Es geht eher darum, wo man die Religion verortet.

Die Wissenschaft kann die Welt beschreiben, kann Theorien aufstellen, wie man Dinge vorhersagen könnte. Wie man dies und jenes aus Naturgesetzen herleiten kann.

Aber der Wissenschaft bleibt verborgen, woher diese Naturgesetze kommen. Auch kann sie keine Aussagen über Werte, Sinn oder Moral treffen. Die Wissenschaft sollte so bescheiden sein und sich mit belegbaren Fakten beschäftigen.

Wenn wir der Welt einen Sinn geben wollen, dann brauchen wir aber mehr als nur die Wissenschaft. Ein Versuch dafür ist die Religion. Ein anderer…

Korrigiert mich, aber liege ich so falsch, wenn ich sage, dass die großen Ideologien wie der Nationalsozialismus entstanden sind, indem sie einen Sinn geschaffen haben?  Und hat der real existierende Kommunismus nicht auch einen Sinn schaffen wollte?

Ideogien könnte man vielleicht dadurch definieren, dass sie versuchen, Sinn durch angebliche Wissenschaft zu erschaffen. Paradebeispiel wäre der Sozialdarwinismus: Da ist ein Schlaui auf die Idee gekommen, dass Evolution nicht einfach ein Faktum ist, sondern von irgendeiner höheren Macht gewollt.

Evolution sei deshalb so toll, weil sie uns hervorgebracht hat. Stimmt, sie hat uns hervorgebracht. Na und? Ist es deshalb ein lohnenswerter Zustand, wenn wir uns ihretwegen gegenseitig die Köpfe einhauen und eine kleine Gruppe am Ende profitiert?

Genauso sollte Religion sich nicht auf dieses Terrain begeben. Denn wenn eine Religion für sich beansprucht, die Form und Position der Erde besser zu kennen als ein Wissenschaftler, dann ist sie nichts weiter als eine Ideologie, die aus solchen „Fakten“ einen Sinn zu ziehen versucht.

Fragt euch doch mal selber, ob ihr an einen Gott glaubt, der nicht vernünftig denkt, wenn es angemessen wäre. Ich könnte mich nicht damit abfinden.

Islamischer Staat

Die Vertreter eines selbsternannten Islamischen Staates sind übrigens schwerlich als traditionelle Religion zu bezeichnen, nicht einmal als lupenreine Fundamentalisten. Stattdessen picken sie sich die Rosinen aus ihrem Glaubenswerk heraus, die ihnen gerade gefallen. Du sollst nicht töten? „Ich geb dir gleich ‚Du sollst nicht töten‘ auf die F***se!“

Offensichtlich ist ihnen nicht mit Vernunft beizukommen. Aber wo liegt denn jetzt die Ursache für ihr Handeln? Ist es religiös bedingt?

In einigen wenigen Fällen vielleicht schon, aber das kann eigentlich nur passieren, wenn einem das Tötungsverbot versehentlich entfällt. In den meisten Fällen denke ich aber, dass diese Menschen in den Krieg ziehen, weil sie mit sich selbst nicht im Frieden sind.

Bei Amokläufen ist die Theorie weit verbreitet, dass diese praktisch immer von Menschen geführt werden, die ein schweres Leben haben, also möglicherweise in schweren familiären Verhältnissen aufgewachsen oder Mobbingopfer sind.

Darum denke ich, dass diese Leute, die auch aus Deutschland kommen und zu großen Teilen nicht muslimisch sind, ähnliche (unbewusste) Beweggründe haben. Diese Menschen sind meiner Meinung nach nicht als „das Böse in Person“ auf die Welt gekommen und sind es auch nicht geworden.

Was jetzt?!

Differenzierte Antworten sind nicht so leicht verdaulich wie einfache Antworten. Aber die einfachen sind nicht so interessant.

Wenn man sich die ganzen Weltreligionen anschaut, dann sind ihre Grundwerte durchweg positiv zu sehen – man könnte sogar sagen, dass es die gleichen sind! Egal, in welche Religion man schaut – Christentum, Judentum, Buddhismus, Islam oder eine beliebige andere – jede einzelne findet Töten schlecht. So ist es auch mit vielen anderen Grundwerten.

Die Religionen sind nicht einfach gut oder schlecht. Ich habe euch jetzt ein paar Gedanken beschrieben, die euch anregen sollen.

Meiner Meinung nach gibt es keine lang entwickelte Religion, die sich für Töten ausspricht. So eine Dummheit könnte sich nicht über Generationen hinweg halten, weil die Menschen dann – und das ist viel stärker als jedes Argument – erfahren, welche Auswirkungen und Folgen das hat.

Religion darf sich auch keiner logischen Argumentation widersetzen. Sonst wird sie zur Ideologie. Ich bin Christ – zumindest ein grundwert-konservativer!

Und jetzt – habt ihr das Wort. Was haltet ihr von Religion? Was ist für euch Religion, was Wissenschaft und was Ideologie? Seid ihr religiös, atheistisch oder agnostisch? Bin ich auf dem Holzweg?

Update

Jemand hat mich inzwischen darauf hingewiesen, dass das Tötungsverbot nicht in allen Religionen für alle Menschen gilt. Im Islam sei es beispielsweise so, dass es nur unter Muslimen in uneingeschränkter Weise gilt.

Solche Passagen finden sich auch in der Bibel, aber die muss nicht wörtlich genommen werden. Dagegen soll der Koran direkt von Gott kommen, wie ich es verstanden habe. Und warum sollte Gott nicht direkt die Wahrheit sagen?

Dabei bin ich mir sehr sicher, dass genauso viele Muslime wie Andersgläubige in Deutschland radikal oder gewalttätig sind. Ich denke, dass radikaler Islamismus auf einer Ebene mit anderen intoleranten, gewalttätigen Weltanschauungen steht.

Problematisch könnte nur sein, dass man Muslimen möglicherweise aufgrund der Nicht-Interpretierbarkeit leichter vermitteln kann, dass Gewaltanwendung okay ist.

Ich bin aber kein Theologe und kann hier nichts mit Sicherheit sagen. Das ist nur die Gegendarstellung zu dem, was ich oben geschrieben habe.

Ich bin jetzt noch ratloser – wie seht ihr das Thema?

Das Ende der Geschichtsschreibung

Was wird in Zukunft über den Ukraine-Konflikt in den Geschichtsbüchern stehen? Wer hat die MH-17 abgeschossen und gab es eine Invasion? Habt ihr euch dazu schon mal Gedanken gemacht?

Wenn ja, dann seid ihr vermutlich, genau wie ich, zu dem Schluss gekommen, dass zumindest der Absturz der MH-17 höchstwahrscheinlich noch  eine gewisse Zeit ungeklärt bleiben wird. Denn welcher Fakten kann man sich im sog. „Medienkrieg“ überhaupt noch sicher sein? (Wenn ihr anderer Meinung seid, dann dürft ihr ruhig die Kommentare nutzen, Diskussionen mag ich viel mehr als diese Monologe!)

Im Moment gibt es nämlich die Situation, dass wir kein Medienmonopol mehr haben, sondern einflussreiche russische, amerikanische, arabische, deutsche etc. Medien, die unterschiedliche Sachen behaupten. Mit unterschiedlichsten Interessen. Man muss sich ernsthaft fragen, wem man noch trauen kann und wie man „Fakten“ überprüfen kann.

Wikipedia-Syndrom

Ich habe Belege für schlechten Journalismus „dort im Osten“, aber auch, wenn auch auf einem anderen Level, „hier im Westen“ erlebt. Zudem ist die Fahndung nach Quellen oft ein unüberbrückbares Problem.

Ich kann es ja verstehen, wenn bei einem Zeitungsartikel nicht zwanzig Links und Bücher als Quellen aufgeführt werden, der Platz ist ja kostbar. Aber kann mir mal jemand erklären, warum man beim Veröffentlichen dieser Artikel im Netz nicht einfach ein paar Hyperlinks einbauen kann?

Es ist doch eine Ironie, dass ausgerechnet die ganzen Medien, denen man in der Regel vertrauen kann, keine Quellen nennen. Sie leiden sozusagen unter dem Wikipedia-Syndrom.

Wobei ich finde, dass Wikipedia fälschlicherweise der Ruf anhängt, journalistisch „böse“ zu sein. Quellen findet man dort oft viel mehr als bei den meisten der genannten Medien. Man könnte also sagen, dass ausgerechnet Wikipedia nicht unter dem Wikipedia-Syndrom der fehlenden Quellenangaben leidet.

Was mache ich jetzt, wenn ich einen Artikel auf Plausibilität überprüfen will? Gut, manchmal gibt es schützenswerte Informanten. Ansonsten will ich doch wissen, wie der Autor zu seinen Schlüssen kommt, besonders, wenn er seine Behauptungen als die „Wahrheit“ hinstellt.

Ich könnte eine Suchmaschine ansetzen, die mich aber normalerweise nur zu weiteren Seiten mit den gleichen Behauptungen ohne Quellen (oder unsicheren Quellen) führt. Das war’s dann fast schon.

Intransparenz

Die Ursachen für den Mangel an Infos sind unterschiedlich, in einigen Fällen wird aber absichtlich versucht, Informationen zu unterdrücken. Wie man schon am Wort „Geheimdienste“ erkennen kann, sind die nämlich geheim! (Nein! Doch! Oh!)

Dabei haben wir zur demokratischen Kontrolle (sic!) diverse Gremien wie das Parlamentarische Kontrollgremium, das dank Snowden nun Gesellschaft vom NSA-Untersuchungsausschuss bekommen hat. Was man so an Infos von den Geheimdiensten bekommt, sagt auch recht viel über sie aus:

So sind seeehr viele Dokumente, die dem Untersuchungsausschuss vorgelegt wurden, zu großen Teilen geschwärzt (naja, Grußformel ist lesbar). Ich kann es voll verstehen, wenn die Opposition eine Verfassungsklage einreichen will. Ohne belastende Unterlagen wird die öffentliche Diskussion über die Geheimdienste fruchtlos bleiben.

Die Informationen sind aus meiner Sicht nicht wie behauptet zu Gunsten des „Staatswohl“s geschwärzt worden, sondern sind eben brisant und sollen nicht öffentlich werden.

TTIP

Womit wir auch den Bogen zu TTIP hätten, denn dazu hatte ich zur Europawahl eine nette Diskussion mit dem CDU-Kandidaten, der natürlich voll und ganz für TTIP war. Schon bald zeigte sich, dass auch er keine Ahnung von den ausgehandelten Inhalten hatte und unsere Diskussion somit kaum einen Zweck hatte.

Nachdem wir ein Weilchen über mutmaßliche Inhalte diskutiert hatten, warf ich ein, dass diese ganze Geheimnistuerei der Demokratie schade. Der Verhandlungsstand ist nämlich nach wie vor nicht öffentlich. Wir waren doch selbst das beste Beispiel! Es war ein Aussage-gegen-Aussage-Spielchen, wenn es darum ging, was nun TTIP überhaupt sei.

So, wie bei den Geheimdiensten das „Staatswohl“ im Vordergrund stand, war es für den Kandidaten die Tatsache, dass die Verhandlungen im Geheimen stattfinden müssten.

Kennt ihr euch vielleicht mit Verhandlungen aus? Meiner Ansicht nach müssten für so eine Verhandlung doch nur die Strategien der Vertragspartner geheim sein, nicht aber die Verhandlung selbst. Für mich riecht es eher wieder danach, dass jemand die Informationen zurückhalten will.

Dass es nicht nur um die Verhandlungen geht, zeigt auch super CETA, das Freihandelsabkommen mit Kanada, das schon ausgehandelt ist. Es besteht also kein Grund mehr zur Geheimhaltung mehr – die Kommission will es trotzdem noch nicht veröffentlichen.Update: CETA ist ab heute öffentlich zugänglich – nachdem es vorher an vielen Stellen schon geleakt wurde…

Ausblick

Ich hoffe, dass euch klar geworden ist, wie wenig man aktuell wissen kann. Meist liest man nur Behauptungen ganz ohne Quellenangabe.

Zwischen den Interessen von Staaten und Geheimdiensten gehen viele Fakten verloren, die wichtig sein könnten, um unsere Welt zu verstehen.

Um die Situation zu ändern, würde ich vorschlagen, dass wir, also die Leser, aktiv Quellen und Infos einfordern. Die Wichtigkeit von belegbaren Infos muss mehr ins öffentliche Bewusstsein kommen.

Ich bin mir sicher, dass ihr alle auch schon auf die Problematik gestoßen seid. Wie seht ihr sie und wie geht ihr mit ihr um? Was müsste man eurer Meinung nach tun?

Geschichten von Piraten

Ohne die Piraten gäbe es diesen Blog wohl nicht. Ich glaube, es war 2011, als die Proteste gegen ACTA waren. Sogar in unserer sonst eher politisch zurückhaltenden Stadt gab es gleich drei Demos! Das waren meine ersten Demos, weil ACTA mich gewissermaßen politisiert hat, wie wohl viele andere auch. Und es waren auch (fast) meine letzten, weil hier jetzt wieder so wenig Politik los ist wie vorher.

Ungefähr zu dieser Zeit begann der Aufstieg der Piratenpartei, die sich 2006 nach schwedischem Vorbild gegründet hatte. Ehe sie’s sich versahen, waren die Piraten plötzlich in der Politik und gewannen – so meine Sicht – mit ihrem Enthusiasmus, Selbstbewusstsein und undogmatischem Auftreten viele Sympathisanten.

Man kann fast sentimental werden, wenn man in die „goldenen Zeiten“ von 2009-2012 zurückschaut. Beinahe wäre eine Partei in viele Parlamente eingezogen, die vieles hinterfragt und reinen Tisch macht mit verstaubten Sitten.

Debugging – Fehlersuche

Tatsächlich sind auch offenbar viele sentimental geworden, denn nach der Spitze bei ca. 10% Wählerstimmen ging es heftig bergab. Ich finde es nur verständlich zu fragen, wo die Ursache für die Flaute war. Aber das Prinzip Ursache und Wirkung ist eine starke Vereinfachung.

Nichts gegen Vereinfachungen. Versteht das nicht falsch, Vereinfachungen sind gut und wichtig, kein Mensch kann die ganze Komplexität der Welt verarbeiten. In der Mathematik gibt es das nützliche Werkzeug der Heuristik, ein Algorithmus, der nicht immer, aber oft zum Erfolg führt. Man darf Heuristiken anwenden, wenn man ihre Grenzen kennt und Gleiches gilt für Ursache und Wirkung.

Ich glaube nämlich, dass es nicht die eine eindeutige Ursache für das Absaufen gibt, vielmehr sind zahlreiche Löcher im Piratenschiff zu finden. (Manche glauben ja, dass die ganzen Metaphern für das Kentern verantwortlich sind, ich glaube jedoch nicht, dass man einen Seemann mit ein paar Metaphern Wasser schlucken lassen kann.)

Zunächst einmal das Offensichtlichste – die Verkehrung des Mottos „Themen statt Köpfe“ in „Köpfen für Themen„. Twitter ist voll davon. Offensichtlich bestehen viele Defizite in der Streitkultur. Da ist auch keine einzelne Person schuld, sondern eine Dynamik hat die allermeisten dazu gebracht – einfach, weil sie Menschen sind.

Auch vergessen wird oft, dass Personen kommen und gehen und es die Aufgabe des „Systems“, der Struktur, ist, dass die richtigen Personen kommen und gehen.

Wie es los ging

Woher kommen die Piraten eigentlich? Es gab mal eine Studie – entschuldigt, dass ich den Link nicht habe – die als Grundsatz der Piraten die sogenannte Hackerethik ausgemacht hat. Das finde ich eigentlich sehr schön, weil die aus meiner Sicht zugleich demokratisch, pragmatisch und idealistisch ist. Idealismus in dem Sinn, dass sie definiert, was die Fluchtpunkte sind, auf die man hinarbeitet.
Lest sie ruhig mal durch und lasst sie auf euch wirken.

Teamwork

Die Piraten haben fast so etwas wie ihren Gründungsmythos auf neue Beteiligungs- und Diskussionsformen im Netz gebaut. Und die bräuchten sie dringender denn je, wenn man sich anschaut, was in sozialen Netzwerken abgeht.

Das ist ein gesellschaftliches Phänomen, dass die Diskussionen im Netz oft so eskalieren, es hat primär nichts mit den Piraten zu tun. Der Seegang wird unsicherer, auch, weil es Godwins hagelt. Mit ein Grund für diesen Beitrag ist das Rausekeln der meisten Piratenpromis, das gerade Früchte trägt.

Ach ja, und habt ihr mal Kommentare unter den Pressemitteilungen gelesen? Die haben mich besonders desillusioniert, weil ich gesehen habe, dass die Meinungslager sich immer weiter verhärten und immer dogmatischer werden. Egal ob es um linke oder rechte oder andere Meinungen geht, wer hinterfragt, wird oft scharf angegriffen.

Nimmt sich unsere Gesellschaft also wirklich ein Vorbild an der Diskussionskultur von Talkshows, die offensichtlich mehr auf Aufmerksamkeit und Recht als auf Teamwork setzen? Wie wohltuend wäre es doch, ab und zu Leute zu hören, die sagen: Stimmt, du hast ja Recht!

Von der Scheibe fallen?

Das Konzept der Piraten, wie man es auch beschreibt, macht sich auf die Suche nach neuen Gefilden. In die Welt hinaussegeln, mutig, wo sich sonst noch niemand hingetraut hat. Da kriegt man mitunter Angst, von der Scheibe zu purzeln. Aber es gibt in der Partei Probleme, die gelöst werden müssen, und zwar schleunigst. Wenn Piraten überleben wollen, müssen sie mit neuen Ideen aufwarten und den alten Spruch „Keine Experimente!“ die meiste Zeit beiseite legen, verlieren können sie nicht mehr so viel. Aber gewinnen schon.

Auch bin ich von den ganzen Richtungsstreits sehr verwirrt – ja, richtig! Es gibt nicht nur einen, sondern zahlreiche Spannungsfelder, in denen sich die Partei bewegt.

Soll man sich auf konkrete Inhalte und Positionierungen konzentrieren, oder lieber auf Meta-Themen wie die Veränderung des Politikbetriebes und die Verbesserung der Demokratie? Professionalisierung oder Andersartigkeit?

Parteien

An diesen Konfliktlinien fällt auf, dass sie alle zwischen dem Weg etablierter Parteien und dem einer Bewegung entscheiden müssen. Während die Organisationsform der Partei am Anfang noch sehr motivierte und hilfreich war. Doch wie das eben auch bei Noten ist: Die Motivation lässt nach, wenn die Noten – respektive Wähler – nachlassen.

Cool wäre natürlich, wenn die Organisationsform Partei funktionieren würde, ohne sich zu verbiegen. Dafür wären dann schleunigst neue Ideen gefordert.Ich bin sehr hin- und hergerissen. Eignet sich einer eine Piraten-Partei oder -Bewegung? Relativ sicher bin ich mir aber, dass der kurze Aufstieg der Piraten längerfristig eine neue politische Bewegung geprägt hat. Wie seht ihr das?

So, ich hoffe, dass ich nichts vergessen habe. Wahrscheinlich könnte ich noch einen Artikel zu diesem Thema schreiben. Ihr auch (unten in den Kommentaren)?

Gute Fragen #2

Man fragt nie aus. Nur wer viel fragt, kommt dazu, nachzudenken. Darum kommen hier auch heute wieder einige Fragen:

  • Bekämpft man Intoleranz besser mit Toleranz oder Intoleranz?
  • Kann man Software schreiben, die erwiesenermaßen sicher ist?
  • Wie lautet das Supergrundrecht?
  • Gibt es irgendwo ’ne Talkshow, in der man sich ausreden lässt?
  • Was würde ich ändern, wenn ich nur noch ein Jahr zu leben hätte?
  • Wer sind die Piraten?
  • Was muss einem Menschen passieren, damit er sich radikalisiert und andere Menschen umbringt?
  • Kann ein Mensch grundsätzlich böse sein?
  • Wer hat bei uns tatsächlich die Macht?
  • Gibt es soziale Gruppen, die auf Privatsphäre angewiesen sind?

Gute Fragen #1

Im Deutschunterricht habe ich gesehen, dass das „richtige“ Fragestellen die wichtigste Fähigkeit ist. Daher werde ich immer wieder ein paar Fragen in den Raum stellen, über die man nachdenken kann, wenn man Lust zum Philosophieren hat oder nicht weiß, was man besseres zu tun hat.

Auf jeden Fall – hier sind sie, die Fragen:

  • Kann man ohne Herrschaft zusammenleben?
  • Was bewirkt eigentlich die Gewaltenteilung und warum?
  • Darf man eine CD brennen, die man aus der Bücherei ausgeliehen hat?
  • Welche Folgen hätte es, wenn man mit Technologie Gedanken lesen könnte?
  • Was ist uns (mir) (dir) am wichtigsten?
  • 6 * 7 = ?
  • Wirst du diese Frage mit Nein beantworten?
  • Wie ändert das Internet die Berichterstattung und Meinungsbildung?
  • (Wie) kann man Waffen liefern, ohne dass sie eines Tages in die falschen Hände geraten?
  • Was ist ungerechter: 1.000€ / Stunde für eine Arbeit oder 1.000€ / Monat für keine Arbeit?

Ist Abgrenzung für den Zusammenhalt alternativlos?

Es gibt keine Playlist, in der man keine Songs überspringen will, das musste ich irgendwann einsehen. Ihr kennt das bestimmt auch: Mühsam stellt man sich eine Playlist mit den Songs zusammen, die man im Radio immer gern hört, aber beim Abspielen verspürt man immer den fürchterlichen Drang, die „schlechteren“ wieder auszusortieren. Ich jedenfalls bin dazu übergegangen, absichtlich weniger gute Songs zwischen die guten zu packen, damit sich die guten von denen abheben können.

Rein sachlich betrachtet hat sich auch Bismarck dieses Prinzip bei der Einigung von Deutschland zu Eigen gemacht, als er den Krieg gegen Frankreich angezettelt hat. Die Devise lautete: Wenn du inneren Frieden willst, brauchst du einen äußeren Feind, von dem du dich abheben kannst.

Für all diejenigen unter uns, die eine Vision von einer vereinten Welt haben, in der alle Menschen zusammenhalten, sind das düstere Aussichten. Denn wenn man sich immer mit irgendwem verfeinden muss, dann ist so ein weltumspannener Friede nicht so leicht. Bismarck ist ganz sicher keine Option für den weltweiten Frieden. Aber trifft diese Regel überhaupt zu – und wenn ja, wie viele Ausnahmen gibt es dann?

Von der Playlist zur Identitätsbildung

Weil ich ja momentan noch knapp an der Achtzehn vorbeischramme, könnte man sagen, dass ich mich als Jugendlicher gerade in einer Phase der Identitätsfindung befinde.

Dabei bin ich eher so ein Typ, der Feindschaften gerne aus dem Weg geht.

Meist fahre ich damit ganz gut und man kann mit Fug und Recht behaupten, dass Feindschaften nicht gerade konstruktiv sind. Man kann von der Sichtweise seiner „Feinde“ auch viel lernen, wenn man mal deren Situation verstanden hat.

Nur manchmal ist so ein Leben auch ziemlich langweilig. Man lernt mehr in Konflikten und wer Feinde hat, kann sich auch gut durch Abgrenzung von „denen“ definieren, also identifizieren. Vielleicht könnten mir ein paar Feinde ja ganz gut tun? (Ich persönlich finde aber die Nachteile von Feinden ziemlich überwiegend.)

Zu denken geben könnte auch, dass der Begriff Definition selbst übersetzt „Abgrenzung“ bedeutet. !!!

Weil jeder Artikel mindestens eine steile These braucht, um lesenswürdig zu sein, sollte jetzt die aufgestellt werden, dass Bismarck sich das ähnlich gedacht hat. Zu seiner Zeit bestand Deutschland aus zahllosen Miniländern, die sich lieber untereinander gezofft und verzollt haben als zusammenzuarbeiten. Könnte ja sein, dass eine gemeinsame Identität gefehlt hat?

Von der Vergangenheit zurück in die Gegenwart

Das war einmal. Sind diese Mechanismen denn im Moment immer noch im Gange?

Weit verbreitet ist auf jeden Fall die Theorie, dass außenpolitische Probleme Regierenden ein willkommenes Mittel sind, um von innerer Schwäche abzulenken. Gerade erst haben einige verlauten lassen, dass Frankreichs Außeneinsätze ihre eigentliche Ursache in Hollandes politischer Schwäche haben.

Egal, ob das in diesem Fall der Wahrheit entspricht, es ist wohl nicht verfehlt zu sagen, dass äußere Probleme von den inneren ablenken. Und wenn mich nicht alles täuscht, dann ist die erste Favoritin für Merkels Nachfolge rein zufällig die Ministerin für militärische Belange¹?

Von Paris nach Babel

Bleiben wir mal in der Gegenwart und denken an Demos. Erfolgreich waren doch fast nur Demos, die eine sehr allgemein gefasste Zielsetzung hatten – aber meistens die, die gegen etwas waren!

Das liegt natürlich daran, dass jede konkrete Lösung nicht so viele Unterstützer bekäme. Man kann das mit der Situation der verschlüsselten Messenger-Apps vergleichen, die mit einer wahnsinnigen Balkanisierung zu kämpfen haben. Die einen nutzen Threema, andere ChatSecure, Telegram oder Kontalk. Das schwächt die Bewegung. Einig sind sich alle nur darin, gegen WhatsApp zu sein. Die Verwirrung wirkt wie beim Turmbau zu Babel.

Aha. Das bedeutet also, dass vor allem die Aktionen Erfolg haben, die sich gegen irgendwas richten. Wieder einmal scheint sich Zusammenhalt durch Abgrenzung zu bewähren!

Aus dem Dunkel auf der Suche nach dem Hoffnungsschimmer

Zu einem guten Artikel gehört auch, nicht nur eine düstere Zukunft zu malen, sondern sich auch nach Lösungsansätzen umzuschauen.

Halten wir fest, dass Menschen offenbar den Drang haben, sich von irgendwas abzugrenzen. Einen Feind zu haben, um eine Identität zu entwickeln. Um sich von jemandem abzuheben. Solange Menschen Menschen anfeinden, ist Friede kaum möglich.

Die Welt ist aber glücklicherweise so komplex, dass es immer „dritte Wege“ gibt. So gibt es eben nicht nur Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Kommunismus und Kapitalismus. Auch in diesem Fall glaube ich, dass es Auswege aus unserem Problem gibt.

Wie wäre es zum Beispiel, dieses Problem durch einen psychologischen Trick zu umgehen? Man könnte den wütenden Mob doch auf eine Sache oder einen virtuellen Feind hetzen. Oder, wie Karl Popper mal gesagt hat, Ideen statt Menschen köpfen. Hätte den einleuchtenden Vorteil, dass die gesamte Menschheit sich gegen einen Feind verbünden könnte, der nicht zur Menschheit gehört.

Weil Menschen sich ja bekanntlich lieber auf Personen als Ideen stürzen (wie Klatschmagazine treffend aufzeigen), könnte ich mir gut vorstellen, wie Ideen von fiktiven Personen vertreten werden könnten, die dann „geköpft“ werden können. Dafür könnte man sich so etwas wie die Anonymous-Maske vorstellen, nur eben nicht als Anführer in Szene gesetzt, sondern als Widersacher. Das klingt jetzt aber schon sehr nach Science-Fiction.

Worum könnte es sich sonst noch handeln? Was denkt ihr?

Ein anderer Weg wäre, den Kriegsschauplatz zu verlagern, vom Schlachtfeld in die Diskussion. Das ist ja auch das, was Demokratie versucht, denn sie versucht ja, Konflikte zu lösen, ohne dafür immer Krieg zu führen.

Mit unserer Demokratie wurde diese Methode also schon teilweise mit Erfolg erprobt, interessant wäre aber, inwieweit man diesen Erfolg von der Landesebene auf den ganzen Globus ausdehnen könnte.

Please don’t forget the Kommentarspalt, I won’t give your private data to NSA (or BND).

 

¹) Unabhängig von der Bewertung dieser militärischen Belange sollte man doch so ehrlich sein, das nicht nur Verteidigung zu nennen.

Stellt euch vor es ist Krieg und keiner geht hin? Geht das?

Am 24. Dezember 1914 bekamen viele Soldaten Weihnachtsgeschenke aus ihrer Heimat und die Sehnsucht nach etwas Ruhe wurde immer größer. Zwischen den Kriegsgegnern wurde vereinbart, dass man die Gefallenen bergen konnte und nicht geschossen werden sollte. Nachdem die Toten weggebracht wurden, begannen die ersten verfeindeten Soldaten miteinander zu sprechen. Sie begannen sich gegenseitig schöne Weihnachten zu wünschen und kein Soldat hatte im Moment das Bedürfnis, wieder zur Waffe zu greifen. Die deutschen Soldaten stellten kleine Tannenbäume, die sie aus ihrer Heimat erhalten hatten, auf die Gräben und zündeten Kerzen an. Auf beiden Seiten fingen plötzlich Soldaten an, Weihnachtslieder zu singen und immer mehr Soldaten verließen ihre Stellungen. Was sich bald im Niemandsland (zwischen den Gräben liegendes Gelände) abspielen sollte, war unfassbar.

Quelle. Kaum eine wahre Geschichte hat mich so sehr positiv berührt wie diese, in der die eigentlich verfeindeten Menschen sich zwischen Schützengräben, Toten und Tötungsmaschinerie einfach so in die Arme nehmen. Die Geschichte macht mir Hoffnung, dass man vielleicht sogar solche schrecklichen Zeiten wie den ersten Weltkrieg beerdigen könnte, wenn sich Menschen als Menschen und nicht als Soldaten begegnen.

Im folgenden frage ich mich, wie es um solche Wege zum Frieden und ihre Verwirklichung steht. Das ist sehr relevant, weil man ziemlich Angst kriegen kann, wenn es um die ganzen Eskalationen auf der Welt geht.

Es heißt, dass diese einmalige Situation den Beteiligten gut in Erinnerung geblieben ist, das kann ich auch gut verstehen. Leider konnten die Menschen auf dem Schlachtfeld diesen Zustand nicht fortführen, weil sie „unter Androhung von strengen Disziplinarmaßnahmen“ von ihren Vorgesetzten wieder zur Arbeit gerufen wurden. Dann ging der heftige Krieg noch Jahre weiter als wäre nix gewesen.

Ist also von diesem Tag nichts übrig geblieben? Gibt es eine Chance, dass vielleicht in einem zukünftigen Konflikt so eine Pause zum Dauerzustand werden könnte?

Gegenseitigkeit

Wie gesagt, wurde anschließend (auch für die weiteren Weihnachten des 1. Weltkriegs) etwas ähnliches von den Befehlshabern verboten. Das kann man sich auch heute vorstellen, denn leider ist die deutsche Bundeswehr die einzige Armee, bei der es die Gewissensfreiheit oder etwas Vergleichbares gibt, die Soldaten sich also den Befehlshabern widersetzen dürfen, wenn sie die Kommandos nicht vertretbar finden.

Doch für eine friedliche Lösung braucht es immer zwei Seiten. Wenn die eine Seite die Waffen niederlegt und von der anderen überrollt wird, dann gibt das womöglich auch „Frieden“, aber vielleicht eher so, wie sich Cäsar „Befriedung“ durch Einnahme vorgestellt hat.

Fehlende Gegenseitigkeit ist auch die Schwachstelle, die den Angehörigen einer beliebigen Friedensbewegung angekreidet wird. Wenn wir uns nicht verteidigen, dann bekommt die andere Seite zu viel Macht über uns, so diese Logik, die ja auch etwas Wahres hat, denn solange nicht beide mitmachen, kann der Konflikt nicht aufhören.

Fatal wäre aber genauso arg, in einen „Kriegsfatalismus“ zu verfallen und jedes bisschen Hoffnung auf Frieden aufzugeben. Der Friede lebt ja davon, dass man an ihn glaubt und auf ihn hofft.

 We won’t bomb your country

Wahrscheinlich kann man den Frieden nicht planen, sondern muss die Menschen von ihm überzeugen. Das war wahrscheinlich auch die Idee hinter dem Projekt „Iran-Loves-Israel„.

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Das erste Bild des Grafikers Ronny Edry, der die Kampagne ins Leben gerufen hat – Quelle

Das Bild ist während einer Zuspitzung zwischen Israel und dem Iran mit israelischen Drohungen entstanden. Es drückt aus, dass die Bevölkerung den Iranern beisteht, auch wenn Regierung und Militär mit den Säbeln rasseln.

Auch wenn Regierung und Militär die Macht haben, entscheidet im Endeffekt oft das Volk über Krieg und Frieden. Auch die Soldaten gehören zum Volk, und die Feldherren begründen ihre Taten oft mit dem Dienst am Volk.

Weiter lässt das Bild die alte Friedensbewegung wieder ein Stück weit aufleben, nur mit einem neuen Element: Die Friedensbewegung bleibt nicht einseitig, sondern wirkt sich sowohl auf den Iran wie auch auf Israel aus. Und wenn beide Seiten nicht zu Krieg gehen, dann gibt es ihn nicht. Und man lässt die Waffen eher ruhen, wenn man weiß, dass die Gegenseite sie auch ruhen lassen will.

 Die Sache ist nicht gegessen

Keine dieser Ideen bietet die Patentlösung für den Frieden. Wenn es die gäbe, dann bräuchten wir ja keine Waffen mehr. Hoffnung können diese Beispiele schon machen, und die dürfen wir auf keinen Fall verlieren.

Egal, wie man sich zu der Thematik positioniert: Ob man einer Friedensbewegung angehört oder findet, dass man manchmal auch Waffengewalt einsetzen muss, um Schlimmeres zu verhindern, ob man versucht, die Konflikte zu schlichten – wie auch immer. Die Sache ist ganz sicher nicht so klar, um sich gegenseitig aufgrund solcher Positionen Verantwortungslosigkeit, Kriegstreiberei oder Gutmenschentum vorzuwerfen. Vielmehr sollten wir ganz undogmatisch darüber diskutieren.

Wer Lust hat, kann damit in den Kommentaren anfangen. Gratis dazu gibt es dann die Auszeichnung „Erster Kommentar in diesem Blog“ ;o)

Warum wir vom Philosophieren profitieren!

Hör auf zu philosophieren und komm endlich zur Sache„, hört oder spürt man oft, wenn man in einer Diskussion mal etwas tiefer einsteigen will. Schade – denn das Philosophieren könnte einen großen Beitrag zu unserer Bildung leisten. Lest selbst…

Die Bildung kriselt

Eine ganze Weile hin ist der Bologna-Prozess jetzt schon und er hat auch schon einige Wirkung erzielt – die gewünschte?

Sowohl Studenten als auch einige Professoren haben wohl nicht wirklich davon profitiert. Vielmehr hat eine schnelle Ökonomisierung der Hochschulen an Fahrt aufgenommen.

Gerade lese ich zu diesem Thema das kurze Essay Warum unsere Studenten so angepasst sind von Christiane Florin, die selbst als Professorin als „Insider“ bezeichnet werden könnte. Dabei habe ich das Gefühl, dass die Hochschulen und Unis immer mehr zu den noch weiter führenden Schulen werden. Das würde bedeuten, dass viele studentische Freiheiten und das studentische Lebensgefühl durch das dumpfe Gefühl ersetzt werden, wenn man an den nächsten Schultag mit der Matheklausur denkt!

Bildungs-MindMap von Sven Sönnichsen zum Soziopod „Was muss passieren, damit aus Wissen Bildung wird?“

Statt die Bildung zu fördern, geht es folglich nur noch um die Ausbildung. Denn Bildung ist die Arbeit an dem eigenen Verhältnis zur Welt, zumindest, wenn man auf Peter Bieri hört.

Beispielsweise hatten wir letztens in der Schule eine Stunde Gemeinschaftskunde zum Asylrecht und Flüchtlingen. Den Unterricht kann man auf verschiedene Weisen gestalten: Man kann zum Beispiel das Asylrecht in Deutschland vorstellen und sagen, dass die genaue Funktionsweise Teil der nächsten Arbeit ist. Oder man kann uns Schüler ins Asylrecht einweihen und anschließend gemeinsam Hintergründe erarbeiten. Darüber diskutieren.

Dreimal dürft ihr raten, wie die Stunde verlief.

Ich mache meinem Lehrer überhaupt keine Vorwürfe, er hat auch versucht, Hintergründe zu liefern. Was hätte er tun sollen? Gegen die Vorschriften verstoßen und den Lehrplan ignorieren? Wenn er das nicht tut, ist er gezwungen, Diskussionen noch im Keim zu ersticken, um „mit dem Stoff durchzukommen“.

Bildung würde motivieren

Ausbildung demotiviert.

Zu Beginn der fünften Klasse war Mathe ein cooles Fach, weil es noch niemandem Probleme machte, aber das ist inzwischen anders geworden.

Heute, ungefähr fünf Jahre später, genießt Mathe den Ruf, den es überall genießt, und der Grund dafür ist aus meiner Sicht nicht das natürliche Wesen der Mathematik, sondern der brutal angestiegene Leistungsdruck, der sich nur noch mit rein ökonomischen Gründen erklären lässt:

Deutschland muss endlich dem Chinesen zeigen, was es wirtschaftlich drauf hat. Deutschland muss endlich so wie der Chinese mehr Leistung in die Schule bringen. Deutschland hat Fachkräftemangel. Ah ja?

Und was bringen rein leistungsorientierte Schoßhündchen, die nie gelernt haben, eigenständig zu denken oder gar kreativ zu sein, in einer Welt, in der Ideen und Innovation viel entscheidender sind als die reine Fließbandarbeit? Und die werden dann von der Gesellschaft „Fachkraft“ geschumpfen?

Und wo bleibt eigentlich der Mensch und seine Persönlichkeit? Man kann nicht zur Demokratie ausbilden, höchstens zur marktkonformen.

Die Philosophie betritt das Feld

Zur Bildung gehört die Fähigkeit zur Reflexion, diese außerordentliche Fähigkeit, über sich selbst nachzudenken und auch darüber, in welcher Beziehung man mit seiner Welt steht.

Es geht darum, über Dinge nachzudenken, Ideen zu suchen und Lösungen zu verfolgen, und zwar nicht zweckrational, nicht mit der Aussicht darauf, diese Gedanken gleich zu Geld zu machen, auch nicht nur mit dem Plan, den politischen Gegner kleinzureden. Tatsächlich geht es um die persönliche Suche nach Erkenntnis.

Vielleicht wird jetzt die enge Kopplung zwischen Philosophie und Bildung klar. Die Philosophie hätte dafür etwas mehr Anerkennung verdient.

Philosophie als Pflichtfach?

Nee, lass mal. Sonst wird die auch noch so leistungs- und pflichtbetont. Dabei kann man Bildung doch niemandem aufzwingen, anders als Wissen.

Wirksamer sind spannende und interessante Angebote wie zum Beispiel eben der Soziopod, von dem ich es jetzt ja schon oft hatte. Als unverzichtbarer Bestandteil meiner persönlichen Blogroll ist es ihm gelungen, philosophische und gesellschaftswissenschaftliche Themen ansprechend darzustellen – und gleichzeitig als erster Podcast einen Grimme-Online-Award einzuheimsen!

Lasst uns per Graswurzelbewegung mit kreativen Bildungsangeboten gegen die Aus-Bildung vorgehen ;o)

Grundeinkommen nur was für Faule? Von wegen!

Ich fand diesen Podcast mit Hendrik Schröder im Blue Moon sehr interessant, in dem es um das bedingungslose Grundeinkommen ging. Es ist ehrlich eine tolle Leistung, eine Sache ausgewogen wie hier von beiden Seiten zu beleuchten, ich kann für solche Dinge das Format der Podcasts für alle Interessierte nur empfehlen!

Er hat mich auch inspiriert, hier ein paar Gedanken zum BGE aufzuschreiben. Ich werde euch erklären, warum ich ein Befürworter des BGEs bin, aber auch, wo die Streitpunkte liegen, bei denen alle Diskussionen sich auf „Aussage gegen Aussage“ beschränken. Und am Schluss, wie man die Debatte weiterbringen könnte.

Kapitalismus oder Kommunismus?

Ah, die Kommunisten proben mal wieder die Machtübernahme, indem sie mit dem Vorwand Sozialstaat kommen und jedem Bürger genau das gleiche Einkommen geben! Das ist doch Gleichmachung, das kann doch gar nicht klappen, hatten wir das nicht ausdiskutiert?

Wohl eher nicht. Viele Dinge können verunglimpft werden, wenn man behauptet, sie seien kommunistisch. Wie ist das denn mit der Versicherungspflicht? Ist das jetzt schon Kommunismus oder eher Kapitalismus?

Die Bundesrepublik Deutschland hatte zu Gründungszeiten sowohl Politiker des „kapitalistischen“ als auch des „kommunistischen“ Lagers in der Regierung. Zum Glück haben sie sich geeinigt, weder das eine noch das andere in Reinform umzusetzen. Sie haben erkannt, dass die Welt nicht schwarz-weiß ist, und sie haben erkannt, dass es einen Versuch wert wäre, die sogenannte „soziale Marktwirtschaft“ auszuprobieren, die den Markt so einspannen soll, dass es dem Gemeinwohl und dem Sozialstaat dient. Aus diesem Grund haben wir ja auch eine Versicherungspflicht.

Außerdem hat das BGE mit dem Kommunismus höchstens die soziale Ader gemeinsam (die ja im real existierenden K. sowieso fehlt), aber die großen Probleme der zentralisierten Wirtschaft sind beim BGE nicht vorhanden, genauso wie es nicht versucht, Menschen gleichzumachen. Viel eher ist es aus meiner Sicht ein Instrument, um den Menschen die Angst vor der Existenznot zu nehmen und sie damit ohne zentrale Planung freier und eigenverantwortlicher zu machen – doch dazu später mehr.

Das Grundeinkommen stellt lediglich das dar, was man als sogenanntes soziokulturelles Existenzminimum bezeichnet – also das, was man braucht, um (auch sozial und kulturell) überleben zu können. Darüber hinaus kann es trotzdem noch große Unterschiede im Vermögen / Einkommen geben.

Hoffnung

Meine Hoffnung wäre in erster Linie, dass man mit dem BGE die Situation der Arbeitslosen und Geringverdienenden verbessern könnte.

Allerdings bin ich mit der Forderung nach dem Grundeinkommen keinesfalls uneigennützig: Ich denke, dass wir alle, die sich nicht mit Millionen oder Milliarden finanziell absichern können, manchmal gewisse Existenzängste hegen, und würde sogar die steile These aufstellen, dass die finanzielle Gier am Anfang aus dieser Existenzangst und dem Drang nach Absicherung entsteht. Somit könnte das BGE durch die Verminderung dieser Ängste unser aller Lebensqualität verbessern.

Außerdem hätten wir Gelegenheit, unsere Zeit auch mal fürs Ehrenamt statt die Erwerbsarbeit einzusetzen oder künstlerisch tätig zu werden, ohne ans Existenzminimum zu gehen.

Und Geringverdiener kämen in Verhandlungen endlich wieder auf Augenhöhe mit ihren Vorgesetzten, weil sie wieder mit der Kündigung drohen könnten, ohne sich selbst zu gefährden.

Hängematte (=Hartzer) oder hoch motiviert?

Arbeiten wir, weil wir dazu gezwungen werden? Oder brauchen wir die Arbeit, sozial als auch für unsere Psyche, sozusagen zur Abwechslung oder um einen Sinn im Leben zu haben? Und was macht dann die „Unterschicht“, wenn sich ihre Arbeit finanziell nicht (oder eben noch weniger) lohnt?

Ich habe das Gefühl, dass das der am heißesten diskutierte Aspekt ist. Hier herrscht auch deshalb viel dicke Luft, weil es an stichhaltigen Belegen für beide Thesen mangelt –  sowohl für die, dass genügend Menschen weiterarbeiten werden, als auch für die, dass zu viele Leute eigentlich ganz froh wären, wenn sie ebendies nicht mehr müssten.

Weil auch oft der Einwand kommt, warum denn die Menschen überhaupt einen gewissen Teil arbeiten müssen: Wenn zu viele Menschen das Handtuch werfen würden, dann säßen wir wirtschaftlich in der dem Scheibenkleister. Also ist diese Frage schon einen Blick wert.

Kritiker vertreten oft die Position, dass das BGE an diesem Problem scheitern wird. Befürworter halten dagegen, dass die allermeisten Menschen nach eigenen Angaben gern weiterarbeiten würden, aber die faulen Nachbarn doch auf gar keinen Fall!1!! Das könnte man aber auch so interpretieren, dass viele Menschen sich selbst überschätzen und andere Menschen eigentlich ganz gut einschätzen – alles Ansichtssache.

Hartz IV und Klischees

Wenn es um Hartz IV geht, ist es mir ein großes Anliegen, gegen den „Hartzer-Mythos“ vorzugehen. „Die sind doch alle zu faul, die brauchen doch die Kontrollen und das Feuer unterm Hintern„, ist man schnell geneigt zu sagen. Ich möchte dazu nur auf eine kurze Reportage aus dem öffentlich-rechtlichen Radio verweisen – bildet euch bitte eure eigene Meinung!

Und sollen wir das etwa auf Pump finanzieren?

Gut, dass ihr auch diese Frage stellt. Ich hab‘ schon drauf gewartet. Die ist in etwa so kompliziert wie die Frage zuvor und nicht weniger wichtig. Letztendlich sind natürlich alle Ausgaben Prioritätensache und wenn man das BGE wirklich will, dann wird man es auch finanzieren können. Die spannende Frage ist nur, worauf wir dann an anderer Stelle verzichten müssten.

Das Problem ist die Vielzahl an Finanzierungsmodellen, die Frage nach der Finanzierung des BGE ist wie die Frage, welche Farbe denn Blumen im Allgemeinen haben. So wie bei den Blumen gibt es auch beim BGE zahllose Ideen, wie man es finanzieren sollte.

Bei einem BGE von 1000 Euro im Monat hätten wir ungefähr jährliche Kosten von einer Billion Euro.

Das klingt jetzt nach viel und das ist es auch. Ihr müsst aber bedenken, dass aktuelle Sozialleistungen ungefähr drei Viertel davon betragen und ein Großteil davon, wie etwa Arbeitslosengeld, Rente oder Kindergeld, durch ein BGE schon abgedeckt wären.

Außerdem muss es ja keinesfalls so sein, dass dann alle einen Tausender mehr im Monat verdienen – für die allermeisten würde sich wahrscheinlich nicht viel am Einkommen ändern. Dieser Betrag könnte den Arbeitgebern oder Erwerbstätigen mit ausreichendem Gehalt ja wieder vom Einkommen „abgezwackt“ werden, sodass sie wieder ungefähr so viel hätten wie vorher. (Außer bei den Niedriglöhnern, die aufgrund ihrer besseren Verhandlungsposition jetzt fairere Löhne durchsetzen könnten.)

Aber ja, es wird eine Mehrbelastung geben, und es könnte gut sein, dass wie das BGE finanzieren können. Wie es wirklich ist, kann niemand für sich beanspruchen.

Fazit

In diesem Beitrag habe ich natürlich viele Dinge ausgeklammert, um den ohnehin schon langen Text nicht noch weiter aufzublähen. Ich fände es cool, wenn ihr meine Gedanken als Inspiration verwenden und kräftig, aber sachlich die Kommentarspalte zur weiteren Diskussion nutzen würdet.

Hoffentlich ist deutlich geworden, dass viele Streitpunkte sich momentan auf Spekulationsniveau befinden und der Diskurs zu diesen Streitpunkten wohl nur durch praktisches Ausprobieren oder wissenschaftliche Experimente auf den Boden der Tatsachen gebracht werden kann. Es wäre doch mal eine spannende Frage, in welchem Rahmen solche Experimente oder Feldtests durchgeführt werden können, ohne zu großen Schaden zu riskieren. Was meint ihr denn? Könntet ihr euch das vorstellen?

Lasst uns insofern gespannt auf die Schweiz schauen…